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Reha-Kolumne (IV)

17. Februar 2010
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Vom Workaholic zum Aussteiger ?!?

Tag der Entscheidung.

Ich bin jetzt 2 Wochen in der Anstalt, genehmigt sind 3 Wochen, mit der Option der Verlängerung. Die werde ich aber nicht ziehen, sondern nächste Woche wieder nach Hause fahren.

Wie kommt’s? Tja …. Diplomatie und Klartext verhalten sich oft diametral zueinander. Die sind dann so inkompatibel wie Westerwelle und Politik. (oder „Doc“ und Frauen ^^)

Ich kann Klartext reden. Das habe ich gemacht. Heute bei der Visite. So wie der Chefarzt in seiner Begrüßung gesagt hat, dass niemand mit dem Besuch seine Verantwortung beim Arzt abgeben darf. Dazu gehört auch, dass sich jeder melden soll, wenn er mit seiner Therapie oder Medikamention nicht einverstanden ist.

Den viel leiser gesprochenen Nachsatz „wir werden sie dann davon überzeugen, dass wir recht haben“, hat kaum noch einer gehört. Ups habe ich mir gedacht, das kann ja spannend werden und mir einfach mal so spaßeshalber vorgestellt, wie ein Arzt versucht mich zu überzeugen, von dem ich überzeugt bin, aber eben anders. Wie gesagt, gedacht im Spaß.

Wie schnell aus Spaß Ernst werden kann, hat bestimmt schon manch einer erfahren, nicht erst nach 9 Monaten 😉

Hier hat es 2 Wochen gedauert. Die Aussage, dass mehr auf die betriebswirtschaftlichen Zahlen geachtet, statt dass nach den Bedürfnissen der Patienten gehandelt wird, stammt von einer Mitpatientin. Sie war am selben Tag wie ich angereist und ist gestern vorzeitig mit Zustimmung ihres Kostenträgers abgereist. Auf die Gründe will ich hier nicht eingehen, ich habe sie aber sehr gut verstanden.

Mit Leitbild der Klinik liest sich das so: Wir sind uns bewusst, dass die zur Verfügung stehenden ökonomischen und ökologischen Mittel begrenzt sind und richten unser Handeln danach aus. Alles klar?

Die „begrenzten Mittel“ sahen bei mir so aus, dass die Gruppentherapie mit der Wassergymnastik kollidieren würde. Nach dem Klinik-Motto „Psychotherapeutisch hat Vorrang vor Physiotherapeutisch“ hätte ich auf die Wassergymnastik verzichten sollen. Das wo mir als Rheumatiker gerade die Wassergymnastik sehr gut tut? Und man mich dazu in eine Gruppe gesteckt hat, in die ich nun gerade partout nicht wollte: Musiktherapie!

„Musik findet dort ihren Zugang, wo Sprache ihre Grenzen hat – in der Musiktherapie können sprachlich nicht ausdrückbare Empfindungen zum Klingen kommen und so spürbar werden.“ Hallo? Ich hatte gestern viel mehr das Problem, mich auf einem Instrument auszudrücken! Ich bin der Sprache in all ihren Facetten mächtig ….  Aber, wie meine Therapeutin kleinlaut eingestehen musste, ist in keiner anderen Gruppe noch ein Platz frei.

„Ich sehe ja ein, dass ihre Ressourcen begrenzt sind und die Klinik nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten geführt werden muss …“, war mein verständnisvoller Kommentar. Unausgesprochen blieb der nächste Halbsatz wie Zigarrenqualm im Zimmer hängen: „… und wo bleibt das Wohl des einzelnen Patienten?“

Punkt. Die sonst blasse Büro-Gesichtfarbe meiner Therapeutin hatte Farbe bekommen, rötliche Verlegenheit. Blick auf den Arzt: war das Ratlosigkeit? Kurzes Schweigen in meinem Zimmer. Blick nach draußen: „schönes Wetter heute, die Sonne lacht, wird es jetzt wärmer?“

Der Ball lag nun eindeutig beim Arzt. Er musste ihn abspielen, hatte keine andere Wahl. Er musste plötzlich ein Gespräch führen, was er so nicht wollte. Ich gestehe ein, dass ich ihm das nicht noch durch ein leichtes Grinsen hätte deutlich machen müssen. Provokation? Nein, überhaupt nicht – ich war nur gespannt, wie er versuchen würde, aus der Nummer raus zu kommen.

Die DRV-Karte. Deutsche Rentenversicherung. Wie beim Poker. Straight – 5 Karten in einer Reihe. „Aber wir haben hier auch eine gutachterliche Aufgabe, müssen für die Rentenversicherung ein Gutachten bezüglich ihrer Arbeitsfähigkeit erstellen!“ Wow, habe ich mir gedacht, das saß. Mit dem Blatt gewinnst du normalerweise jedes Spiel. Unnötig zu erwähnen, dass meine Therapeutin mit High Card schon längst aus dem Rennen war.

Aber was ist schon normal im Leben? Wieder konnte ich mir ein Grinsen nicht verkneifen und da muss er gewusst haben, dass ich weiß, dass er geblufft hatte: Full House – Drilling und Paar. Ist höher als Straight und gewinnt den Topf. „Ich weiß nicht, wer ihnen den Auftrag für ein Gutachten erteilt hat, die Deutsche Rentenversicherung garantiert nicht! (mit anderen Worten: ‚du spielst mit gezinkten Karten!’) Meine Dienstfähigkeit wird von meinem Behördenarzt überprüft. Nur er alleine stellt fest, ob ich noch dienstfähig bin oder nicht!“ (mit anderen Worten: ‚du kannst mich mal und sonst gar nichts!’)

Was folgte war eine rein sachliche übereinstimmende Feststellung, dass ich hier noch eine Woche die Ruhe genießen soll / werde, zur Wassergymnastik statt in die Musiktherapiegruppe gehe und eine Verlängerung unter den gegeben Umständen wenig sinnvoll ist.

Und nun?

Ich werde mit Hilfsmitteln arbeiten: (bitte nicht lachen)

>>> Auf dem Couchtisch wird das Buch von Josef Kirschner liegen  Die Kunst, ein Egoist zu sein: Das Abenteuer, glücklich zu leben, auch wenn es anderen nicht gefällt. These: Sei du selbst und handle in erster Linie nach deinen eigenen Interessen! Das habe ich vor, was mich jedoch nicht davon abhalten wird, meinen Mitmenschen weiter mein Interesse und meine Hilfsbereitschaft entgegen zu bringen. Aber in Maßen!

>>> Startmelodie am PC und Lapi: ein Egoist von Falco

>>> und an jeden Spiegel klebe ich mir ein Egoisten-Smiley

Bis später, sicher nicht mehr aus der Anstalt – aber ob und wie es mit dem „aussteigen“ und „ein bisschen Egoist sein“ klappt.

 ^.^

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8 Kommentare leave one →
  1. Dreamer permalink
    17. Februar 2010 19:52

    Entschuldigung, ich muß laut lachen. DU in der Musiktherapiegruppe? Ich muss unweigerlich an eure Band damals denken. Wenn einer überhaupt nicht da reingepasst hat, weil er vielleicht alles konnte, aber bestimmt keine Musik machen, dann du. Ich lach mich hier weg.Zu deinem Disput mit dem Arzt sage ich lieber nichts. Er kann doch auch nichts dazu, der arme Kerl, ist doch auch nur ein Angestellter und muß mit den Resourcen leben. Ein bisschen diplomatischer bitte. Doch richtig, daß du es angesprochen hast, es hat keinen Sinn wenn es nichts bringt.Und das Wohl des Patienten geht nur soweit, wie es die Wirtschaftlichkeit zuläßt. Das kennen wir doch auch aus jedem Alten- oder Pflegeheim. Zahlst du mehr, hast du mehr!Wir telefonieren, wenn du wieder in Peine bist?Liebe Grüße und halte den Kopf hoch, übe dich im Egoisten-Dasein und kümmere dich um deine Interessen.(Ein interessantes Buch scheinbar, hast du es schon?)

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  2. Katjas permalink
    17. Februar 2010 19:58

    Hallo Sven!""Sie war am selben Tag wie ich angereist und ist gestern vorzeitig mit Zustimmung ihres Kostenträgers abgereist.""Mit Zustimmung ?? Das lässt aber tief raten ;-)Wie in dem Kommi vom Vorblog: Mache das, was Du für Richtig hälst! Wenn ich Deinen BLog lese könnte mit die Hutschnur hochgehen: Kosten einsparen, kein Platz in der notwendigen Gruppe usw. Grauselig!Und dann wollen sie das man vorbeugend in eine Kur geht? Um die Gesundheit zu stärken. Ja klar! Wenn man sie braucht ist eh alles zu spät :-SIch reg mich jetzt nicht auf – nööööö … ;-)Aber eine erholsame Woche wünsche ich Dir auf jeden Fall noch!! Und wenn das Buch gut ist, lass es wissen 😉 LG Katja

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  3. sven permalink
    17. Februar 2010 20:30

    @ Doris: über "Beulen Bernies Big Band" reden wir noch – du musst hier nicht aus der alten Schule plaudern *grins*, aber schöne Zeiten waren es allemal.@ Katja: Ja, mit Zustimmung des Kostenträgers, ihre Krankenkasse. Ich erzähl dir dazu mal was am Telefon, wenn ich wieder in Peine bin. Ist ein Ding. Hier scheint mehr alles auf die länger bleibenden Akut-Patienten ausgelegt zu sein. Ich habe heute zu meiner Tochter am Telefon gesagt, dass ich mich als Akut-Patient hätte einweisen lassen sollen, wenn es dafür noch nicht gereicht hätte, noch ein bisschen warten, bis der Level stimmt …. Nur dann wären die Kosten erheblich höher als bei einer Reha. Das ist natürlich Sarkasmus und ich hoffe nie ein Akut-Patient zu werden. Aber vom System her hätte man dann Vorteile :-SDas Buch habe ich noch nicht, nur mal drin geblättert und ein paar Rezensionen gelesen. Ich will es mir zuhause aber für 9 EUR bei Amazon bestellen.Und den Rest kriege ich schon hin, ist doch einfach: einfach nur auf den Kopf hören. Na ja, größtenteils jedenfalls. Dann klappt das schon ^^

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  4. Vilson permalink
    17. Februar 2010 21:40

    Also nun möchte ich mich auch mal zu Wort melden ! Die meisten auch angeblich Kranken , lassen vom Arzt ,oder stellenselbst einen Antrag auf eine Kur ! Egal wie ,sich dieses Institut auch nennt ! Kur Anstallt – Kur Klinik usw.Ich war selbst zwei mal in so einer Anstallt ! In Bad Hersfeld und an der Mosel , in Bad Neuenahr .Doch das Ergebniss war das gleiche ,mann erfüllte die angeordneten Anwendiungen ob gut oder Meinungsmässig schlecht,doch die Verbliebene Freizeit , war ein herlicher Urlaub auf Kassenkosten !Und wer Pfiffig war , umging sogarmit ein paar, damals D Mark das vorgeschriebene Wassertrinken und auch so manche Anwendung.,wenn nicht Ärztlich !In Neuenahr konnte mann sich sogar am Wochenende vom Essen befreien und das ganze Wochenende für sich nutzen ,also war auch genug Zeit , für die Liebe oder Ausflüge nach Koblenz – Remagen usw. oder sogar ein Wochenende nach Haus zur Familie. Ausserdem In so einen Ort wird auch viel für den Kurgast geboten sowie täglich Tanz ,das einzige Aandycap ist doch je nach Kurort um 22 oder 23 :00 uhr im Zimmer zu sein . Auch eines ist klar solange mann noch leidet , wird keine Kur genehmigt! SG Harry

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  5. Juergen permalink
    18. Februar 2010 08:04

    Hallo Sven,das mit dem betriebswirtschaftlichen Sehen des Ganzen ist ein schönes heißes Eisen. Kleiner Fingerzeig –> viele Kliniken gehören Investoren. Was will ein Investor?a) den Menschen gesund machenb) sein Geld mehrenc) er weiß gar nicht, dass er dort sein Geld hinein gesteckt hatWas wählst du? Ein ganze Menge an Behandlungen sind leider nur Alibiveranstaltungen. Leider!!! Aber mehr will ich dazu schon gar nicht mehr sagen, weil ich mit den "Rückläufern" aus vielen dieser Einrichtungen zu tun habe und nur immer wieder den Kopf schütteln kann, was da so abläuft und wie wenig effektiv diese teuren Maßnahmen sind. Mehr ambulante Wege, hätten sicher viel mehr Erfolg und wären bei weitem kostengünstiger und vom Eingesparten bekommen die Leute dann lieber einen Zuschuß zum selbst gewählten Erholungsurlaub! Viel Spaß noch bei den restlichen Tagen in deinem Kurhaus ;-))

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  6. sven permalink
    18. Februar 2010 09:53

    @ Jürgen, da hast du ganz bestimmt recht. Das Kürzel gGmbH als Gesellschaftsform habe ich noch hinter keiner so einer einrichtung gesehen, eher schon "& Co KG", eine der vertricktesten kapitalistischsten … äh … ich meine Kapital-Gesellschaften überhaupt. Und solange die Ackermänner unserer Welt zweistellige Renditen versprechen, müssen wir uns nicht wundern. Und danach kommst du …. Aber ich will nicht nur schlechtreden. Die 4 mal Rheumaklinik haben mir schon was gebracht. Nachhaltig. Aber irgendwann war das im alltäglichen Stress halt auch wieder aufgebraucht. Und die theoretische Möglichkeit, dass chronisch Kranke jährlich in die Reha fahren können, gilt auch nur soweit, wie a) der Kostenträger und b) der Arbeitgeber immer wieder mitspielen. @ Harry, das was du geschildert hast, habe ich auch oft genug erlebt. Da wurde eine Reha als besserer Urlaub mit der unglücklichen Begleiterscheinung, um 23.00 Uhr wieder in der Klinik zu sein, gesehen. Und selbst da gab es immer wieder Möglichkeiten die Sperrstunde zu umgehen. Was ganz dreistes habe ich 2003 in der Karl-Aschoff-Klinik in Bad Kreuznach miterlebt: da hat sich ein Pärchen, frisch rehaverliebt, im Ort ein Hotelzimmer genommen. Nach 23.00 Uhr kam ja nur keiner mehr in die Klinik rein, ob alle drin waren, wurde nie kontrolliert. Und morgens wurde wieder geöffnet ;-)Ich war das aber nicht! Habe immer brav meine Anwendungen gemacht, nachts in meinem Bett geschlafen und wollte was für mich und gegen mein Rheuma tun.

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  7. Doctor H. permalink
    18. Februar 2010 10:39

    Hahaha – Deutschland das Irrenhaus.. Ich habe jetzt noch Tränen in den Augen vor lachen wegen der Aussage der FDP, dass man jetzt (wo die Kinderregelsätze vom höchsten Gericht als zu niedrig bescheinigt worden sind), die Hartz IV Regelsätze der Erwachsenen senken müsse.. LOL – was für eine geile Logik.. Auf solche Milchmädchenrechnungen kommen normalerweise nur Menschen, die in der Schule nur singen und klatschen hatten (was dann ja gut zu deiner Musik-Therapie passen würde)..Das ist ja ungefähr genauso wie deine Kur. Oder wie ein Besuch im Krankenhaus: "Oh sie brauchen ein neues Herz? Sorry, die Operation sprengt den Kostenrahmen der Kasse. Aber wir haben hier noch eine gut erhaltene Niere. Also, wenn sie möchten, könnten wird die ja, …., nöö? Nur, damit sie nicht umsonst gekommen sind"… ich lach mich wech.. Wo ist eigentlich Bader – Meinhoff, wenn man sie braucht???

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  1. Halt den Mund, heule nicht und lebe … | Ich sag' mal ...

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