Zum Inhalt springen

Kernenergie und Schwarmintelligenz

15. März 2011

Wenn Journalisten ironischerweise von der „Schwarmintelligenz“ der Masse sprechen, dann erklären sie den Menschen per se als dumm oder als Herdentier, oder beides.

Eine Frechheit? Oder einfach nur: stimmt!?

Als Bestätigung dieser These wird von den Bildungsbürgern gerne das Lottospielen genannt: Die Wahrscheinlichkeit 6 Richtige (aus 49) angekreuzt und die richtige Superzahl zu haben liegt bei 1/139.838.160 oder 0,00000072 %. [Wiki] Trotzdem geben Woche für Woche Millionen Bundesbürger ihre Lottoscheine ab. Gut, nun kann man sagen: geteilt durch 104 Ziehungen im Jahr relativiert sich das. Ja, aber nicht ehrlich.

Der Mensch glaubt, was er sich wünscht. Er wünscht sich den Lottogewinn und hofft, dass es nicht der 139.838.160ste Schein sein wird, mit dem er gewinnt, sondern der nächste. Genau anders herum sieht es beim unbestrittenen Restrisiko für Atomkraftwerke aus.

Selbst wenn wir die optimistische Studie der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) nehmen, wird die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls mit Reaktorschaden für nachgerüstete Kernkraftwerke und neue Modelle mit circa 1 pro 1.000.000 Betriebsjahre angegeben. Analog zum Lotto wird diese Zahl relativiert durch über 438 Kernkraftwerke auf der Welt (USA 104, Frankreich 58, Japan 55, Deutschland 17). Doch sind alle AKWs auf den neuesten Stand der Technik und wie verlässlich ist der Faktor Mensch? Die Leute um Kyschtym (Majak) 1957, Three Miles Island (Harrisburg) 1979, Tschernobyl 1986 oder jetzt Fukushima werden von dieser statistischen Zahl überhaupt nichts halten. [Wiki] Aber wetten, dass auch sie Lotto spielen?

Kernenergie, Atomausstieg

– das sind Themen die uns zurzeit alle beschäftigen und über die Ticker laufen. Nach der Katastrophe in Japan gibt es plötzlich eine ganz große Mehrheit in unserer Bevölkerung, die sich möglichst schnell für einen Ausstieg aus der Atomenergie ausspricht. Diese unsere Kanzlerin Merkel hat das erkannt und gestern (14.03.2011) ein Moratorium verkündet, welches die von der schwarz-gelben Regierung erst vor kurzem beschlossene Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke zunächst einmal aussetzt und zur vorübergehenden Abschaltung aller vor 1980 in Deutschland errichteten Kernreaktoren führt. [Wiki]

Ist das blinder Aktionismus, die gereifte Erkenntnis oder doch nur mehr oder weniger überzeugendes wahlkampftaktisches Geplänkel? Diese Frage mag sich jeder Leser selbst beantworten.

Beantworten mag sich der geneigte Leser auch die Frage nach der Sicherheit unserer europäischen Kernkraftwerke. Japan ist fern. Sicherlich haben wir Europäer nicht mit einem derartigen Erdbeben zu rechnen, allerdings sind unsere Kraftwerke auch nicht besonders erdbebensicher ausgelegt. Aber andere Einflüsse und menschliches Versagen haben schon immer zu Störfällen geführt. Und eine Verkettung unglücklicher Umstände ist immer denkbar:

14.02.2001 – Brunsbüttel – Schwerer Zwischenfall im Kernkraftwerk Brunsbüttel. Wie erst einige Monate später bekannt wurde, hatte sich eine Wasserstoffexplosion in direkter Nähe zum  Reaktordruckbehälter ereignet. Die Zuleitung der Kühlung des Reaktordeckels mit 100 mm Durchmesser zerriss dabei auf einer Länge von 2 bis 3 Metern. Es bestand das Risiko, dass Splitter am Splitterschutz vorbei das Containment beschädigten. Der Betreiber HEW  versuchte den Vorfall weitestgehend zu verschleiern. Zum Beispiel wurde er lediglich mit der Bezeichnung „spontane Dichtungsleckage“ an das zuständige Ministerium gemeldet. Erst nach zwei Monaten gelang es den Aufsichtsbehörden unter heftigem Streit mit dem Betreiber, das „Leck“ bei abgeschaltetem Reaktor zu besichtigen, wobei das Ausmaß des Störfalles entdeckt wurde. Wäre der Reaktor gleich nach der Explosion vorschriftsmäßig abgeschaltet worden, hätte der Betreiber zu Beginn des Winters für mehrere Millionen Euro Ersatzstrom zukaufen müssen. [Wiki]

08.02.2004 – Biblis – Im Kernkraftwerk Biblis ereignete sich eine Störung, bei der nacheinander mindestens fünf der Stromversorgungssysteme ausfielen. Während eines Sturms gerieten zwei Hochspannungsleitungen in der Nähe des KKW aneinander und verursachten einen Kurzschluss. Daraufhin fiel im Kraftwerk ein Hauptnetzanschluss aus, kurz darauf der zweite. Der Reserveanschluss funktionierte ebenfalls nicht. Die Notstandsstromversorgung von Block A und die Eigenbedarfsversorgung von Block B versagten dann ebenfalls. Somit bestand die Gefahr, dass die Sicherheitssysteme nicht mehr mit Energie versorgt werden konnten. In Folge dieser Ereignisse wurde der Reaktor aus Sicherheitsgründen automatisch heruntergefahren. Die ordnungsgemäß arbeitenden Notstrom-Dieselgeneratoren verhinderten Schlimmeres. In der Vergangenheit standen einzelne dieser vier Notstromaggregate bei regelmäßig wiederkehrenden Prüfungen mehrmals nicht zur Verfügung, jedoch reicht eines aus, um die Aufrechterhaltung der Reaktorsicherheit zu gewährleisten. [Wiki]

Nicht auszudenken, was in Biblis passiert wäre, wenn folgender Sachverhalt dazu gekommen wäre – oder anders herum in Frankreich, wenn die Bibliser Umstände hinzugekommen wären:

16.02.2011 – Frankreich – Im Kernkraftwerk Tricastin wurde vor vier Wochen festgestellt, dass in mehr als der Hälfte der Notstrom-Dieselgeneratoren der Blöcke 3 und 4 einige vor zwei Jahren zwecks Erneuerung eingesetzte Einzelteile bei etwas längerer Laufzeit des Diesels vorzeitig versagen können. Diese Qualitätsmängel erwiesen sich bei einem Test in einem anderen KKW als Totalausfalls-Ursache der Diesel, die aber dort nur zum kleineren Teil damit ausgestattet waren. Bei Ausfall des externen Stromnetzes und des Reservenetzes (Notstromfall) wäre damit bei Tricastin 3/4 die Stromversorgung zum Runterkühlen der Nachzerfalls-Wärme im Reaktorkern nicht gesichert gewesen, es hätte schlimmstenfalls sogar in beiden Blöcken zu einer Kernschmelze führen können.

Dieser französische Störfall ist nur der letzte auf einer langen Liste. Und wer weiß schon, wie oft wir nicht auch schon in Europa kurz vor dem Super-Gau gestanden haben? [Wiki]

Bei der Diskussion sollte auch folgender Punkt mit aufgegriffen werden:

Krankheitsfälle im Zusammenhang mit Kernkraftwerken.

Möglicherweise hat auch der Normalbetrieb von Kernkraftwerken Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit. Eine epidemiologische Studie im Auftrag des Bundesamtes für Strahlenschutz im Jahr 2007 zeigte eine signifikant erhöhte Leukämie-Rate bei Kindern in der Nähe (5 km) von Kernkraftwerken. Danach erkrankten von 1980 bis 2003 im 5 km-Umkreis um die Kernkraftwerke in Deutschland 37 Kinder neu an Leukämie – im statistischen Mittel wären es 17 Kinder gewesen.

Über die Interpretation dieses Befundes herrscht keine Einigkeit. Die Autoren der Studie sind der Auffassung, dass die von deutschen Kernkraftwerken im Normalbetrieb emittierte ionisierende Strahlung wegen der um ein vielfaches höheren natürlichen Strahlenbelastung nicht als Ursache in Betracht kommt. Das externe Expertengremium des BfS zu der Studie kommt hingegen zur Überzeugung, dass aufgrund des besonders hohen Strahlenrisikos für Kleinkinder sowie der unzureichenden Daten zu Emissionen von Leistungsreaktoren dieser Zusammenhang keinesfalls ausgeschlossen werden kann. [Wiki]

Wir mögen alles um unsere Kernkraftwerke so hinnehmen wie bisher. Ich möchte in dem Zusammenhang jedoch an folgendes erinnern:

Die Erde: Scheibe oder Kugel …

In unseren Breitengraden wurde erst allmählich im Mittelalter akzeptiert, was im Mittelmeerraum und Orient schon rund 1000 Jahre vorher gängige Lehrmeinung war: die Erde ist eine Kugel. Erst nachdem auch nördlich der Alpen immer mehr weltliche und kirchliche Obere erklärt haben, dass die Erde keine Scheibe ist, hat sich die Meinung der Masse geändert.

Und wie sieht es aus, wenn Gelehrte / Wissenschaftler heute darauf hinweisen, dass wir Menschen dabei sind, uns und unseren Planeten Erde selbst zu zerstören?

Sicherlich gibt es vieles in unserem alltäglichen Leben was gemessen an Opfern gefährlicher ist als Atomkraftwerke. Aber das sollte kein Grund sein, dieses Gefahrenpotential aus den Augen zu lassen. Das gilt auch für den radioaktiven Müll, dessen Endlagerung bis heute nicht geklärt ist. Die uns folgenden Generationen werden es uns danken – oder uns verteufeln ….

^.^

11 Kommentare leave one →
  1. 15. März 2011 22:53

    Hallo Sven!
    Diesen Spuch habe ich in einem anderen Blog gefunden… der paßt absolut zu deinem Blog:
    Der Mensch erfand die Atombombe,
    doch keine Maus der Welt würde eine Mausefalle konstruieren.

    Und mir ist ein anderer Spuch von Albert Schweitzer sofort wieder in den Kopf geschossen: es war nur ein kleiner gelber Aufkleber, den ich mal von irgendjemanden bekam – er klebte auf meiner Schreibmaschine:
    „nur Leute, die nie dabei waren, wenn eine Mißgeburt ins Dasein trat, nie ihr Wimmern hörten, nie Zeugen des Entsetzens der armen Mutter waren. Leute, die kein Herz haben vermögen den Wahnsinn der Atomspaltung zu befürworten!“ ….

    dieser Spruch hat meine Meinung sehr geprägt – und hätte ich damals schon ein Auto gehabt, dann hätte ein dicker „Atomkraft- Nein Danke“ – Aufkleber drauf geleuchtet!!!

    (nur… Strom verbrauche ich ja auch ganz gern…. nachdenk…..und das macht jeder….aber muß es solcher Strom sein, wo selbst ohne irgendwelche Zwischenfälle schon die Endlagerung des Abfalls ein riesen Problem ist????)

    liebe Grüße

    Vera

    Liken

  2. 16. März 2011 06:48

    Im letzten Abschnitt sagst du es ja sinngemäß – Augen offen halten UND mitdenken! Das schlimmste für mich ist und bleibt dieses ewige Hinterhergerenne hinter irgendwelchen Meinungsmachern – egal aus welcher Ecke! Da drängt man uns jetzt gleich schnell wieder erneuerbare Energien auf – ja was sind denn die?!!! Alle überhaupt nicht gefährlich bzw. immer gut zur Umwelt??? Aber Hallo, einfach den Kopf einschalten und Mitdenken!
    meine Konsequenz aus dem ganzen – ich reite jetzt mit dem Pferd zur Arbeit, trage nur noch Leinensäcke (handgewebt natürlich!), esse aus Tongeschirr mein selbst angebautes Gemüse und beleuchte mein Anwesen (eine Holzhütte) mit Kienspänen. Und statt Internet bleibt mir die naturbrütende Brieftaube.
    Nee, ich bleib Realist und wünsche mir, dass endlich mehr Sachverstand regiert und nicht das monitäre Denken Überhand gewinnt. Wenn der Mensch sich weiter entwickeln will, muss er sich neue Energien erschließen und diese bis zur möglichen Sicherheit entwickeln…ja, auch das kostet Geld (und bringt nicht unbedingt mehr den PROFIT!

    PS: In Deutschland sind derzeit die Geigerzähler ausverkauft – gerade im Radio gekommen 😉

    Liken

  3. 16. März 2011 08:34

    @ Vera:
    Richtig, seit je her hat es Gelehrte gegeben, die vor der Gefahr der Atomkraft gewarnt haben. Sie haben gewusst, dass ein noch so höchst unwahrscheinlicher Unfall morgen eintreten kann – eben wie ein Lottogewinn.
    Bei all diesen Warnungen muss ich unweigerlich immer an die Erde als Scheibe denken. Als Jahrhunderte vor Christi Geburt die alten Griechen (Pythagoras, Aristoteles) die Erde als eine Kugel definierten, wurde sie, wie wir heute sagen würden, als „Spinner“ abgetan. Das Ergebnis ist bekannt ….

    @ Jürgen:
    Den Ausverkauf der Geigerzähler habe ich auch gerade gelesen. Ist das die oft zitierte „Schwarmintelligenz“?
    „Sachverstand“ – sicherlich kommt es dabei auch auf die Sichtweise an, was man als solchen akzeptieren will oder kann. Ich komme da immer wieder auf die Erde als … zurück.
    Nach einem Durchblick der Pressemeldungen gibt es ein
    „Weltweites Staunen über die Deutschen“ (Welt-Online) und
    „Die Opposition und Parlamentspräsident Lammert halten die Aussetzung der Laufzeitverlängerungen für rechtlich inakzeptabel – es ist der zweite Konflikt des CDU-Politikers mit der Kanzlerin innerhalb weniger Tage.“ (sueddeutsche.de)

    Persönlich habe ich Merkels Moratorium für einen klugen Schachzug so kurz vor den wichtigen Wahlen gehalten. Doch ich bin mir nicht mehr sicher, ob es wirklich so klug war. Nach der selbst gestellten „Laufzeitverlängerungsfalle“ tappt die CDU nun nach ihrer vollzogenen 180-Grad-Wende möglicherweise in eine „Glaubwürdigkeitsfalle“. Oder wie ist zu erklären, und viele Bürgen fragen sich das, dass sieben AKWs vor einem halben Jahr noch als sicher galten und ihre Laufzeit verlängert wurde, sie nun aber plötzlich abgeschaltet werden müssen. Das ist doch „bipolar“ ….

    Liken

  4. 16. März 2011 21:51

    Vielleicht sind wir zur Zeit genauso dran wie das Japanische Volk? Denen wird die Ehrlichkeit auch verherrlicht. Keiner spricht einen klaren „Satz“ und verstrickt sich Unglaubwürdigkeit.
    Wir armen Laien müssen mal wieder glauben, was die Regierung sagt und schwanken zwischen Greenpeace, Wissenschaftlern und Experten.

    Liken

  5. 16. März 2011 21:53

    Und wer hat´s ge (er) funden?

    http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Hahn

    Ein Deutscher . . .

    Liken

    • 16. März 2011 22:03

      Ja, Otto Hahn – aber meines Wissens hat er sich bis zu einem Tod für die Ächtung der Atomwaffen eingesetzt …

      Liken

  6. 16. März 2011 22:39

    Das stimmt!!!!

    Liken

  7. hildes gedankensalat permalink
    16. März 2011 22:52

    1. Murphys Gesetz: Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen – irgendwie, irgendwo, irgendwann.
    2.Solange Menschen an/in Atomkraftwerken arbeiten,
    sind sie nie sicher.
    z.B. Harrisburg, da war auch keine „Umweltkatastrophe“ dran schuld.

    3. Ein kleiner Auszug aus einer Greenpeace Studie: „Jede Kilowattstunde Atomstrom wird durch staatliche Regelungen mit 4,3 Cent subventioniert. Zum Vergleich: Die Umlage zur Förderung der Erneuerbaren Energien über das Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) beträgt derzeit nur zwei Cent pro Kilowattstunde.“
    Vielleicht sollte man endlich umdenken und daran etwas ändern,
    anstatt weiterhin ignorant an Atomkraft festzuhalten?
    Link: Greenpeace – Atomkraft – Subventionen

    Grüßle

    Liken

    • 17. März 2011 00:10

      Stimmt Hilde, Murphys Gesetz, für den Mathematiker die Stochastik 😉
      Nach all den vielen meldepflichtigen Störfällen weiß man heute, dass der menschliche Faktor für sehr viele verantwortlich ist: falsche Entscheidungen, falsche Bedienungen, falsche verbaute Teile … und schlimmstenfalls kam dann so etwas wie in Harrisburg oder Tschernobyl bei raus.
      Der menschliche Faktor ist eben die große Unbekannte in der Wahrscheinlichkeitsberechung für den Störfall eines KKWs – und damit ist das sog. „Restrisiko“ wahrscheinlich größer als man es uns immer wieder verkauft hat.
      Aber „Mutter Merkel“ hat ja nun das Heft des Handelns in die Hand genommen und macht das schon ….
      Danke für den Greenpeace-Link.
      Wünsch dir was, bis später 😉

      Liken

Trackbacks

  1. Wie "first" ist Germany eigentlich? | Ich sag' mal ...
  2. Reichsoberbedenkenträger | Sven Meier erzählt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: