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Ockjupei -> mein Demo-Resümee

17. Oktober 2011

Eine bestimmte Erwartungshaltung hatte ich nicht, nein, ich war eher neugierig, als ich vorgestern, Samstag, am

nach Hannover zur Demo gefahren bin. Und wer weiß, ich hatte nichts vor und wenn ich nicht animiert worden wäre, ob ich überhaupt daran teilgenommen hätte. Überrascht hat mich doch, dass sich unter den Teilnehmern der komplette Querschnitt unserer Gesellschaft abgebildet hat.Von jung bis alt, vom Normalo über … bis zum Intellektuellen, alle waren vertreten und haben ihre Meinung auf verschiedene Arten vertreten und geäußert.
Der Unmut gegen die herrschenden Zustände war deutlich spürbar und hat sich in Gesprächen, aber auch auf den obligatorischen Schildernund Bannern gezeigt. „OCCUPY TOGETHER“  – „zusammen besetzen“ – dieser weltweite Aktionstag hat (mit der Unterstützung von „Attac„) allein in Deutschland in etwa 50 Städten an die 50.000 Menschen auf die Straße gebracht, weltweit in fast 1.000 Städten in über 80 Ländern sollen es über eine Millionen gewesen sein,die für mehr „Menschenwert“ statt „Geldwert“ demonstriert haben. Im Grunde hat uns eins geeint:
„Die Politik wird von den Märkten, darunter insbesondere den Banken, vor sich her getrieben. Es ist höchste Zeit, dass wir Menschen wieder bestimmen, wo es lang gehen soll!“

#

Eine kleine Geschichte, umfassender nachzulesen in  der Online-Ausgabe der „Zeit“ vom 6. Oktober – sie handelt von drei Männern: Wolfgang Schäuble, unserem Finanzminister, Florian Toncar, FDP-Bundestagsabgeordneter und Mitglied im Haushaltsausschuss, und Andrew Bosomworth, Fondsmanager in München und Herr über 122 Milliarden Euro, die er vor allem in Staatsanleihen angelegt hat.

Als Wolfgang Schäuble im Dezember 2009 noch davon sprach, dass Deutschland nicht für die Probleme Griechenlands zahlen werde, begann Andrew Bosomworth bereits, griechische Staatsanleihen zu verkaufen. „Für mich war klar, dass Griechenland seine Probleme nicht aus eigener Kraft lösen kann“, sagt er. Wenn das Land demnächst den Schuldenschnitt bekommt, den viele Politiker jetzt fordern und den auch Toncar für unausweichlich hält, wird das alle Anleihebesitzer viel Geld kosten. Bosomworth hat deshalb keine Griechenpapiere mehr gekauft.

Politiker müssen immer in drei Richtungen sprechen: Zu den eigenen Leuten, zur Bevölkerung und seit Neustem auch zu „den Märkten“. Wer nicht für den Rettungsfonds EFSF stimmen will, dem wird entgegengehalten, das mache die Märkte „nervös“. Wer in einer Pressekonferenz ungeschickt, schlecht informiert oder, im Gegenteil, zu ehrlich ist, löst möglicherweise ein Börsenbeben aus.

Im Bundestag redet am Morgen des 29. Septembers, an dem über den Euro-Schirm abgestimmt wird, auch Wolfgang Schäuble. Der Finanzminister beteuert, dass der Euro-Rettungsfonds nicht ausgeweitet werde. Die Nachfragen von Abgeordneten, die wissen wollen, ob der Fonds nicht womöglich durch einen Trick doch vergrößert werde, bügelt Schäuble als „unanständig“ ab.

Toncar klatscht heftig an dieser Stelle. Er ist sicher, dass die Ausweitung des EFSF, die sogenannte Hebelung, nicht kommt: „Das wäre aus meiner Sicht auch verfassungswidrig.“ Während Schäuble spricht, telefoniert Bosomworth mit seinen Kollegen in London, es ist die tägliche Konferenzschaltung des European Portfolio Committee: Was könnte wichtig werden? Wer hat etwas Neues gehört? Sie reden auch über die Debatte im Bundestag.

Bosomworth und seine Kollegen sind sicher, dass alles, was der Finanzminister in diesem Augenblick abstreitet, schon bald kommen wird. Sie haben mit Notenbankern, Spitzenbeamten, anderen Fondsmanagern und Händlern gesprochen. Nun bereiten sie sich auf das vor, was aus ihrer Sicht längst abgemacht ist. Was müssen sie tun, wenn der EFSF vergrößert wird? Wo werden sie investieren? Und wo nicht? Während der Finanzminister die Bürger beruhigen will, wissen die Märkte längst mehr.

Genau vier Tage hat es gedauert, bis Wolfgang Schäubles Worte im Bundestag hinfällig waren. Seitdem diskutieren Europas Finanzminister offen über die Hebelung, die Ausweitung des Rettungsschirms.

Eine kleine wahre Geschichte, die die Abhängigkeit der Politik zeigt, und wie von wem getrieben unsere Politiker sind. Die verständlich macht, warum Aussagen unserer Regierung, vornweg Kanzlerin Frau Merkel, die Halbwertszeit von Frischmilch haben und warum die Forderung vom SPD-Chef Gabriel nach einer „Zerschlagung der Banken“ vielleicht doch nicht ganz so populistisch ist, wie sie klingen mag.

„Westerwelles Prekariat“ hört sich in dem Zusammenhang heute noch viel höhnischer als im Januar letzten Jahres – Pelzig und Priol (in der Reihenfolge) haben es hingegen für mich in ihrer letzten Sendung „Neues aus der Anstalt“ auf den Punkt gebracht!

Ich verstehe jeden, der heute die Piraten wählt – sei es aus Protest gegen die etablierten Parteien (nicht nur CDU und SPD, sondern auch Grüne und Linke), oder in der Hoffnung, über die Netzwerke mitbestimmen zu können. Es wird interessant werden zu beobachten, wie die sich selbst als „sozial-liberal“ einstufende junge Partei die Politik verändern wird – und sei es als das „Zünglein an der Waage“. Dazu könnte es schneller kommen als mancher denkt, schauen wir uns nur aktuelle Meinungsumfragen an: in dem Maße wie die Grünen Grundsätze des (liberalen) Bürgertums vertreten  – und die FDP dadurch scheinbar überflüssig wird – in dem Maße treten die Piraten heute mit fundamentalistischen Forderungen auf, die wir früher nur von den Grünen (und noch früher von den Jusos) her kannten … und legen in den Umfragen zu.

Ich bin kein Globalisierungsgegner, nur wünsche ich mir, dass der Mensch und die Natur im Vordergrund stehen und nicht der Profit. Ich habe auch nichts gegen den so genannten Kapitalismus, doch wünsche ich mir ethische Grundsätze und nicht primär die Befriedigung geldgieriger Aktionäre. Um meine Wünsche zu äußern gehe ich gerne auch wieder auf die Straße …!

^.^

11 Kommentare leave one →
  1. 17. Oktober 2011 13:20

    … und wo ich mich gerade so in rage geschrieben habe: wir sollten uns immer wieder vor Augen führen, dass jeder Cent, den wir „global“ ausgeben um das „eine Prozent“ zu befriedigen, uns „99 %“ fehlt. Und für was zahlen wir nicht heute schon alles? Angefangen vom kleinen Kind bis hin ins hohe Alter für Kindergartengebühren, Schulutensilien, Studiengebühren, Einschnitte im Gesundheits- und Sozialwesen, die verkappte Rentenkürzung mit dem Renteneintrittsalter 67, kulturelle Einrichtungen und Sportstätten werden auch eher geschlossen als neue eröffnet und an den öffentlichen Gebäuden gibt es einen Reparaturstau, wie wir ihn noch nie hatten.
    So, jetzt rege ich mich wieder ab … und gehe eine rauchen ^^

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    • 18. Oktober 2011 10:45

      Ich glaube, man kann den explosiven Zünder bis hierher spüren. Bloß gut, dass keiner an der Lunte gezogen hat. Aber mal im Ernst. Ich habe erst vor Kurzem bei Anna-Lena einen sehr interessanten weiterführenden Link zur Griechenlandproblematik gefunden, wo auch einmal aus der Sicht eines Griechen hinter das ganze Drama geschaut wird. Ich bin in der Politik nicht so sehr bewandert und kann von daher auch keine oberschlauen Kommentare dazu abgegeben – aber eines weiß ich, wenn es so weitergeht wie bisher, rumpelt es auch in Deutschland wieder. Die Menschen stehen schon wieder auf und kämpfen – ich finde es toll und wenn es solche Aktion in meiner Wald und Wiesenstadt gäbe, wäre ich mit dabei.
      So, und ich kann keine rauchen, denn ich habs schon wieder mal an den Bronchien…

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      • 18. Oktober 2011 12:20

        Hallo Mandy,
        na dann tu erstma lwas für deine Bronchien …, wie wäre es mit einem lecker Bronchialtee?
        Ja, wir alle spüren mehr und mehr, dass es auch bei uns „rumpeln“ kann, wenn es so weiter geht. Und warum spüren wir das? Weil wir kein Vertrauen mehr in die regierenden Politiker haben? Warum nicht? Weil das, von dem sie heute behaupten, dass es nicht passieren wird, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit morgen doch passiert.
        Siehe z. B. Griechenland …
        Liebe Grüße, bis später ^^

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  2. 17. Oktober 2011 17:01

    Zuende geraucht ?? 😛
    Ich finde deinen Beitrag gut, auch deinen Kommentar dazu.
    Habe die Adresse bei „Echte Demokratie Jetzt! Hannover“ an die fb-Pinwand geheftet.
    LG, wir sehen und hören uns 😉

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    • 18. Oktober 2011 11:43

      Danke dir!
      Ich habe auch zwei Mitschnitte entdeckt, die ich für sehenswert halte:
      einmal bei Maybritt Illner, in dem Mitschnitt ganz besonders die Worte von Ulrich Wickert, quasi mit dem Aufruf auf die Straße zu gehen:

      und ein Ausschnitt von Anne Will, in der Dirk Müller („Mister DAX“) in seiner unbefangenen Art, die ich schätze und für einigermaßen objektiv halte, Tacheles redet ….

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  3. 17. Oktober 2011 17:17

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  4. 18. Oktober 2011 07:48

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  5. 18. Oktober 2011 10:12

    Lieber Sven,
    es ist gut so, dass Meinungen geäußert werden. Sonst ändert sich nie etwas. Vor allem regt mich auf, dass der ganz normale Bürger für ein bissel dämlich gehalten wird.
    Danke für deinen langen Beitrag, den ich mit interesse gelesen habe, und auch für die weiterführenden Infos.
    (Und rauch nicht so viel. :D)

    Lienbe Grüße von der Gudrun

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    • 18. Oktober 2011 12:21

      Hallo Gudrun,
      ja, die vermeintliche „Dämlichkeit“ von uns Bürgern … oder wenn von „Schwarmitelligenz“ die Rede ist ist, wie es im Frühjahr im Zusammenhang mit dem Atom-Thema passiert ist:
      https://sven2204.wordpress.com/2011/03/15/kernenergie-und-schwarmintelligenz/

      Wichtig für mich ist, dass wir uns äußern, sonst passiert in der Tat nichts, rein gar nichts!
      Enttäuscht bin ich vom Bürgerrechtler und Ex-Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck, der nach einem Bericht in der SZ „die kapitalismuskritischen Proteste als albern“ abgetan haben soll. Ich hoffe mal, dass er nur falsch oder aus dem Zusammenhang heraus zitiert worden ist – aber lese selber:
      http://www.sueddeutsche.de/politik/wissenschaftler-widersprechen-gauck-kritik-an-occupy-protest-alles-andere-als-albern-1.1166557

      Sicherlich gibt es unter den Demonstranten noch keinen großartigen Konsens und vieles mag chaotisch erscheinen. Aber eines eint alle: so wie bisher darf es nicht weiter gehen. Und alleine dafür einzutreten ist doch schon mal was – auch ein Sturm war am Anfang ein laues Lüftchen ^^

      Liebe Grüße retour vom Sven

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  6. Jürgen permalink
    18. Oktober 2011 18:53

    Ich glaube nicht, dass sich im Großen etwas ändern wird. Dafür ist die Masse einfach (noch immer) zu träge. Aber mit ein wenig Glück schaltet sich bei einigen das Hirn wieder ein und sie bleiben nicht bei der gelenkten Herde. Denken ist anstrengend! Aber in die Fitnessbuden rennen doch auch alle 😉

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