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Die Fassade

22. Oktober 2012

Es gibt den „literarischen Abend“. Der ist meist geplant. Und dann gibt es manchmal den „philosophischen Abend“. Der ergibt sich so. Ungeplant. Ein Stichwort, und daran wird sich „hochgezogen“.

Wie neulich „die Fassade“. Oder  „la facciata“, wie der Italiener sagt. Nach dem Lexikon ist die Fassade ein gestalteter, oft repräsentativer Teil, einer sichtbaren Hülle. In der Regel eines Gebäudes.

Solche Fassaden gibt es in der Hansestadt Lübeck zuhauf. Hier zwei Beispiele. Wer auf Monumentalität, auf Gotik usw. steht, der mag es schön finden.

Aber was verbirgt sich hinter einer solchen Fassade? In Falle des linken Bildes, Große Burgstraße 4, war es früher das Gericht und ist es heute das Landessozialamt. Beides ist als Betroffener schon nicht mehr so schön. Und wie mag die Bausubstanz des über 100 Jahre alten Gebäudes hinter der herausgeputzten Fassade aussehen? Im Falle des rechten Bildes, oben auf dem Lübecker Rathaus, ist diese Frage einfach zu beantworten: Es gibt keine Bebauung dahinter. Da ist nur Luft. Mehr schein als sein. Wie ein Pfau ….

Doch wie ist es bei uns Menschen? Was verbirgt sich z. B. hinter der „Fassade“ des sympathisch wirkenden Mannes in den besten Jahren auf dem Bild links? Damit meine ich nicht den körperintegrierten Rettungsring unter dem Hemd. Natürlich könnte ihr auch jede andere Person auf den Stuhl setzen.

Vor meinem geistigen Auge sitzt dort z. B. im Moment eine Frau in den Sechzigern, scheinbar gerade völlig durchgeknallt einer 68er-Demo entsprungen, tatsächlich aber kurz zuvor als Psychologin aus dem öffentlichen Dienst in den wohlverdienten Ruhestand versetzt. Im Hinblick auf ihr knallbuntes Kleid und lila Strähnchen im ansonsten ergrauten Haar meinte sie zu uns: „Ich bin authentisch. Authentisch kann man nur sein, wenn man völlig unabhängig ist. Das ist ein Privileg.“  Das war 2011 während eines Workshops zum Thema „ADHS“. Referierend vertrat sie die Meinung, dass Kinder, die von dem abweichen, was wir gesellschaftlich als „Norm“ bezeichnen, noch lange nicht „unnormal“ oder „verhaltensgestört“, sondern bestenfalls „verhaltensoriginell“ sind. Mein Kommentar damals: „Das mag nicht nur für Kinder zutreffen“.

Fassade oder Authentizität? Blender oder ehrlicher Charakter? „Gaukelt der/die mir was vor oder ist der/die wirklich so?“, wie oft haben wir uns die Frage selbst schon gestellt, wenn wir jemanden einschätzen wollten? Und weiter: warum errichten Menschen (auch Ehepaare) eine Fassade um sich herum? Aus Angst vor Stigmatisierung, um von eigenen (anderen „schlimmeren“) Schwächen abzulenken, um der „Norm“ zu entsprechen oder „größer, mächtiger“ zu wirken? Die Antworten sind sicherlich in der Individualität des Einzelnen zu suchen.

Bei Barack Obama liegt die Antwort zu der Frage auf der Hand. Mit seinem euphorischen „Yes, we can!“ wollte er 2008 die Wähler für sich gewinnen. Und hat es geschafft, er wurde zum 44. Präsident der USA gewählt. Und heute, im Wahlkampf 2012? „No, we can not.“ Jedenfalls nicht so, wie 2008 propagiert. Damit erleben wir möglicherweise den wahren Obama mit dem Charisma eines distanzierten Harvard-Intellektuellen. Aber das ist in Ordnung für mich, weil ehrlich. Damit ist er mir neben Bill Clinton immer noch einer der liebsten USA-Präsidenten seit J. F. Kennedy. Man darf sich halt nur nicht blenden lassen. Ein Blick hinter die Fassade ist mitunter sehr hilfreich ^^ In dieser Einigkeit endete der „philosophische Abend“ und schön, dass wir mal darüber gesprochen haben!

P.S.: Ein mir bekannter Nervenarzt hier aus Neustadt hat mir vor drei / vier Jahren erklärt, wie schwierig und kräftezehrend das Aufrechterhalten einer Fassade ist. Das waren seine eigenen Erfahrungen, die er auch in einem Vortrag öffentlich zum Ausdruck gebracht hat. Oft glauben Betroffene selbst noch über eine „perfekte Fassade“ zu verfügen, obwohl die Familie, Freunde, Bekannte, Kollegen schon längst durch widersprüchliche Aussagen oder Verhaltensweisen „gesehen“ haben, was sich dahinter verbirgt. Nur schweigen die dann meist und denken sich ihr Teil. Wenn ein Betroffener dies aber merkt, dann wird „der Gang zur Beichte“ noch schlimmer als von vornherein offen mit seinem Ich umzugehen. Häufig führt das in der Folge dazu, dass sich Menschen zurück ziehen, usw., usw.. Ach so, und meine eigenen Erfahrungen habe ich hier auch schon einmal niedergeschrieben: meine Reha-Kolumne 2010.

Ich ende nun mit schönen Herbstwünschen, bis demnächst

^.^

23 Kommentare leave one →
  1. 22. Oktober 2012 17:46

    Erst einmal nur diesen „Gefällt mir“ gedrückt … muss noch Feierabend machen und schnell einkaufen 😉 Aber eben vorher schnell durchgelesen. Komme ja selbst z. Zt. gar nicht zum Bloggern.

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    • 22. Oktober 2012 19:45

      Danke.
      Bei mir war es gleich, musste auch noch mal los, rein nach Lübeck, zu Sohnemann, einkaufen. Nun gibt’s gleich Tagesschau – und um 6 klingelt der Wecker, das erste Mal seit 3 Wochen frei bzw. Herbstferien. Dafür habe ich mittags wieder Feierabend, ich glaube, du dann noch nicht so ganz ^^
      Bis später und stresse dich nicht zu sehr!

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  2. 22. Oktober 2012 20:34

    Lieber Sven,
    was für ein schöner, ausgewogener und lesenwerter Artikel.
    Sind Fassaden nicht eigentlich nur für uns selbst da? Wie Du schreibst, werden sie meistens von anderen schnell durchschaut. Versuchen wir doch, mal hinter unsere eigene Fassade zu blicken. Und noch etwas sehe ich an mir selbst: Je älter ich werde, desto dünner ist meine Fassade. Es wird mir schlicht immer mehr egal, wie ich auf andere wirken. Wem ich nicht so passe, wie ich bin, der soll es halt lassen.
    Dieses Privileg können sich aber nur Privatleute leisten, für einen Barack Obama geht das sicher nicht.
    LG, Susanne

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    • 23. Oktober 2012 19:46

      Moin Susanne.
      Danke für die Blumen ^^
      „Sind Fassaden nicht eigentlich nur für uns selbst da?“ Grundsätzlich denke ich, dass Zwei dazu gehören: der Fassadenerbauer und der Betrachter. Anderseits …, die Frage wäre vllt. noch einen „philosophischen Abend“ wert.
      Ob „sie meistens von anderen schnell durchschaut“ werden? Da möchte ich nicht missverstanden werden. Ich denke, dass dies am Betrachter liegt und wie perfekt eine Fassade ist. Persönlich halte ich mich im Grunde eher für gutgläubig denn von vornherein skeptisch.
      Aber vllt. sind mir in schon rein beruflich im Laufe der Jahre „Antennen gewachsen“, die Ungereimtheiten schnell empfangen. Dazu gehört auch die scheinbare Perfektion. Wenn ich nur „Licht“ sehe, frage ich mich schon, wo denn der „Schatten“ ist.
      Auf Menschen bezogen erlaube ich mir Hannes Wader zu zitieren: „Wer authentisch ist, gibt auch seine Schwächen preis und macht sich damit angreifbar. Das muss man aushalten können.“ Stimmt. Aber selbst wenn sie wollten, können es sich viele nicht wie Wader erlauben authentisch zu sein, weil sie vom Publikum, von Wählern oder schlichtweg vom Arbeitgeber oder anderen abhängig sind. Das hat auch Wader zweimal erlebt …. Siehe oben, die alte Psychologin: „Authentisch kann man nur sein, wenn man völlig unabhängig ist.“
      Die eigene Fassade: Ja, zumindest gab es sie, familiär für die Außenansicht. Und ganz ehrlich war ich froh, als sie eingestürzt war. Heute als „Rentner mit ehrenamtlicher Tätigkeit“ versuche ich schon authentisch zu sein, nicht nur so zu wirken. Ob mir das immer gelingt? Ich sag’ mal so: „Es gibt ja noch die Teilfassade“ ^^ Aber sonst halte ich es wie du: „Wem ich nicht so passe, wie ich bin, der soll es halt lassen.“

      Viele Grüße aus Scharbeutz

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  3. 22. Oktober 2012 21:41

    Lübeck! meine Heimatstadt! freu!
    Und ich gebeSsusanne recht…ist nichts hinzu zu fügen.
    LG Tina (früher geknipselt)

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    • 23. Oktober 2012 19:54

      Moin Tina,
      schön mal wieder von dir zu hören. Ja, die alte Stadt, äh …, die Altstadt hat schon was. Manchmal mein Kontrastproggramm zum Umland.
      Und sonst so, eingelebt, wieder alles gut?
      Viele Grüße aus Scharbeutz, bis hoffentlich bald mal wieder ^^

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  4. 26. Oktober 2012 05:17

    Ohne Fasade ist es nicht so leicht durchs Leben zu kommen.
    LG Lucian

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    • 27. Oktober 2012 09:07

      Stimmt wohl. Leider. Unsere Gesellschaft verlangt wohl nach einem angepassten Verhalten innerhalb selbst erstellter Normen. Sonst …, siehe unten, was Doris geschrieben hat. Z. B., #Ostseegrüße,
      bis bald mal wieder

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  5. 26. Oktober 2012 21:50

    Ein schöner Artikel.
    Ad hoc denke ich, daß eine „Fassade“, oder ein Image das man pflegt, oft bestimmt auch, weil man es muß, um z. B. im Arbeitsbereich nicht anzuecken, einen gewissen Intellekt, eine gewisse Struktur erfordert.
    Schizophrenerweise sind schlichte Menschen dazu oft nicht fähig, verhalten sich dementsprech so, wie es für sie ganz natürlich ist, und erzeugen so Situationen, die von anderen als peinlich empfunden werden und bringen sich dadurch in Schwierigkeiten. Schlimmstenfalls kann so etwas Mobbing führen, oder, oder.
    Wirklich peinlich wird es allerdings, wenn jemand versucht sich ein Image zu geben, sich dabei aber immer wieder widerspricht. Richtig, „dann denkt man sich nur sein Teil“. Denn was soll man dazu noch sagen?
    Das sind meine Gedanken dazu, vornehmlich aus meinen Betrachtungen am Arbeitsplatz.

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    • 27. Oktober 2012 09:18

      Moin,
      ja, ich widerspreche dir nicht.
      Vor meinem geistigen Auge huscht gerade der Kollege … vorbei, der immer ganz cool tat, wir aber mit der Zeit merkten, dass er ein absolutes Weichei war. Ein Warmduscher, ein Schattenparker. Und den hat dann keiner mehr ernst genommen. Was dazu führte, dass er sich von uns verarscht fühlte. Ich glaube, heute würde man das Mobbing nennen ….
      Anderseits, wie gerade bei Lucian geschrieben: Unsere Gesellschaft verlangt wohl nach einem angepassten Verhalten innerhalb selbst erstellter Normen. Richtig, schizophrenerweise ….
      Also bleibt es dabei, was die alte Psycho-Tante, s. o., gesagt hat: „Authentisch kann man nur sein, wenn man völlig unabhängig ist. Das ist ein Privileg.“

      Bis bald mal wieder (hoffentlich)

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  6. 9. November 2012 07:23

    Angebracht wird die Fassadenverkleidung vom Dachdecker als hinterlüftete Fassade . Hinter der Unterkonstruktion, an der die Fassadenpaneele befestigt werden, befindet sich dabei ein luftleerer Raum, der Luftzufuhr und das Entweichen von Feuchtigkeit aus dem Hausinneren ermöglicht. Somit wird ein sicherer Schutz gegen Schimmelbildung an der Außenwand des Hauses gewährleistet. Zur Technologie der hinterlüfteten Fassade gehört auch eine Wärmedämmschicht, die außerhalb der Gebäudehülle angebracht wird. So trägt die Fassadenbekleidung auch zu einem effizienten Energiehaushalt des Hauses bei. Die Fassadenverkleidung-Preise richten sich nicht nur nach dem verwendeten Material, sondern auch nach der zu verkleidenden Fläche. Egal, ob Verkleidung aus Holz , aus Kunststoff oder exotische Außenwandverkleidung aus Alu – einen umfassenden Überblick über die Kosten gibt es nur beim Profi. Dieser hat die Produktkataloge der Fassadenverkleidung-Hersteller vorliegen und kann Sie kompetent zu den unterschiedlichsten Produkten beraten. Ausgefallene Fassadenverkleidung aus Metall – wie zum Beispiel die Rheinzink Fassade – können Sie von ihm ebenso professionell montieren lassen, wie traditionelle Schieferfassaden. Die Dachdecker-Innungsbetriebe, die Sie auf unserem Fachportal finden, kennen sich mit modernsten Technologien aus und werden für eine wasserdichte und dekorative Fassade sorgen.

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  7. 2. April 2013 21:23

    Ich habe mir jetzt nicht auch noch alle Kommentare durchgelesen. Sollte mein Statement sich wiederholen – sorry.
    Ich finde jeder Mensch hat eine Fassade und jeder darf in gewisser Weise auch eine haben. Andere sind nicht berechtigt ihm diese „Maske“ vom Gesicht zu reißen.
    Bedingung: Solange er niemanden damit verletzt !!!
    FassadenMasken, die allerdings sich selbst und andere gefährden, sollten behandelt werden. Das wiederum geht nur, wenn der Betreffende es auch will.

    Bei leichten Verhaltensoriginalitäten bin ich allerdings der Meinung: Sind wir nicht alle ein wenig „bluna“ 😉 Ich kann auch Verhaltenskreativ sein *lachen*

    Und dann gibt es da noch: http://www.amazon.de/Irre-behandeln-Falschen-Seelenkunde-ebook/dp/B004OVEXVS/ref=dp_kinw_strp_1

    😉

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    • 2. April 2013 21:36

      Ja, zweifelsohne. Und wir sollten doch auch die „Originalität“ des Einzeln respektieren, auch wenn jemand von der Seite betrachtet etwas „schräg“ ist, aber aus anderer Sichtweise „grade dasteht“. Wie das Holstentor (https://sven2204.wordpress.com/2013/04/02/frostern/)
      Und ansonsten gilt der Satz der oben von der „durchgeknallten alten Tante“ für mich 😉 Nur mal ganz ehrlich: wer ist schon völlig unabhängig und kann sich das Privileg der vollkommenen Authentizität auch leisten?

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      • 2. April 2013 21:39

        Wenn Du so bist, wie Du bist – bist Du authentisch. Auch mit einer kleinen Fassade, Deinen Macken und Fehlern, Deinen Stärken und Schwächen, Deinen . . . .
        Du musst nur dazu stehen 😉 Dann hast Du das Privileg Du selbst zu sein 😉

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