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Geben ist seliger …

4. November 2012

„Geben ist seligen denn nehmen.“ An diesen Bibelspruch musste ich vor Jahren denken, als ich das erste Mal den Begriff „Beziehungskonto“ hörte. Dazu gleich mehr ….

„Geben ist seliger“ verbinde ich unweigerlich mit meiner Großmutter. Sie hat immer gegeben. Den zahlreichen Enkelkindern, auf unserem kleinen Dorf wurde damals jedes Konfirmations-Kind bedacht und sonntags war beim obligatorischen Kirchgang eine Gabe für die Kollekte selbstverständlich. Ist Oma deshalb selbst im hohen Alter noch arbeiten gegangen, hat nebenan in der Bäckerei, beim Großbauern und in der Dorfkneipe sauber gemacht? Ich habe sie nie gefragt. Heute kann ich es nicht mehr.

Zurückblickend weiß ich, dass ich nicht nur jeden Samstagnachmittag mit meinem kleinen Kinderfahrrad wegen der einen Mark Taschengeld (damals viel Geld! [für mich]) zu Oma gefahren bin, sondern weil ich dort meinen „Caro“-Kaffee und ein Stück Kuchen bekommen habe …, und viel Zuwendung, ja Liebe.

Die Tage bei einer Fortbildungsveranstaltung bin ich wieder mit dem „Beziehungskonto“ konfrontiert worden. Die Dozentin erklärte uns:

„Jeder von uns hat Beziehungskonten. Jeder von uns steht in Beziehungen zu anderen, zu seinem Partner, zu Freunden, zu Kollegen. Im Unterbewusstsein führen wir Buch darüber, was wir geben und was wir zurück kriegen. Wenn wir merken, dass ein Konto deutlich im Soll steht, dann präsentieren wir eine Rechnung, über die sich der andere dann oft wundert.“

Nun bin ich bei solchen Aussagen grundsätzlich skeptisch. Von Haus aus bin ich eher dem naturwissenschaftlichen Gedankengut verbunden. Eins plus eins ist zwei. Oder null, wie mir meine Tochter mal erklärte. Aber selbst das ist klar definiert. Mit dieser Logik, einem „wahr oder falsch“, komme ich persönlich besser klar. Meinetwegen auch mit „in vino veritas“, so wie neulich bei einem „philosophischen Abend: die Fassade“. Aber solche Thesen als „von Gott gegeben“ und unveränderbar hinzustellen, da habe ich schon immer ein Problem mit gehabt.

Egal. So ganz klar ist mir das alles (noch) nicht. Um bei dem Begriff „Konto“ zu bleiben, haben wir nicht auch „Abschreibungskonten“? Es gibt doch Beziehungen, die einer (emotionalen) Abhängigkeit unterliegen können, z. B. zu einem Vorgesetzten oder dem Partner? Und wie ist es mit den helfenden (ehrenamtlichen) Verhältnissen, in die wir oft mehr investieren (müssen) als jemals als Rendite wieder zurück kommt? Dazu hat mir mal ein Bekannter, Nervenarzt, geschrieben: „Ein Helfersyndrom allein ist nicht schlimm, schlimm wird es erst, wenn jemand zum hilflosen Helfer mutiert!“ Bedeutet das: „Wer gibt, wer hilft, wer für andere da ist, der kann sich bis zu einer gewissen Grenze auch selbst stabilisieren: seelisch, körperlich und psychosozial.“? Ist das die Einzahlung, die Rendite?

Für mich persönlich sag’ ich’s jetzt mal so: „Ich fühle mich gerade wie eine ‚Beziehungs-Bank’  mit mehreren Konten.“ Sollte ich mir jetzt gleich draußen in der November-Sonne Gedanken über das Gesamtsaldo machen, wie ich vielleicht Einzahlungen generieren oder die Rendite verbessern kann? Oder Auszahlungen vermindern? Der berühmteste aller deutschen Kaiser würde nun sagen: „Schaun mer mal!“ Und vielleicht sind ja „meine 3 Affen” so etwas wie eine Bankenaufsicht, meine Innenrevision. Doch was geschieht, wenn einer Bank die Insolvenz droht? Sie schlüpft unter einen der „Rettungsschirme“. Unter uns Menschen wird das dann wohl „Burnout“ und „Psychologe“ genannt ….

Einen interessanten Beitrag dazu gibt es auf der Seite von Siegbert Scheuermann, bei dem ich mir auch das Foto „Model Beziehungskonto“ entliehen habe.

Ach so, der nächste Kommentar ist übrigens Nr. 1.300. Nur mal so 😉 … und die bräunlich dargestellten Wörter sind verlinkt.

Bis demnächst und keine November-Depressionen bitte …

^.^

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8 Kommentare leave one →
  1. 4. November 2012 16:54

    Das ist schwere Kost nach Spaziergang, Kaffee und Kuchen.
    Wenn ich das Modell des Beziehungskontos betrachte, kommst du mathematisch natürlich überhaupt nicht weiter. Wenn ich dir helfe, zahle ich etwas aus, stelle mein Konto ins Soll. Normal wäre, daß du das einnimmst und als Haben verbuchst. Empfindest du das aber z.B. als autoritäres Verhalten, dann wäre das demnach auch eine Auszahlung, also auch ein Soll. Das ist bilanzbuchhalterischer Blödsinn. Vergiß es!
    Der Mensch hat schon immer einmal von jemanden die sprichwörtliche „Schnauze voll“ gehabt, es hat schon immer wieder einmal etwas „das Faß zum überlaufen gebracht“, oder einfach „Flasche leer“. Dies wirst du auch ohne Kontoauszüge merken und entsprechend reagieren.
    Manchmal habe ich das Gefühl, daß all die Psycho- und Soziologen Probleme erst aufwerfen, die wir ohne sie nicht hätten!
    Liebe Grüße
    Doris

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    • 5. November 2012 00:24

      Verehrte Frau Doris, Modelle sind immer Verkleinerungen und/oder Vereinfachungen des Lebens und von komplexen Prozessen. Da wo ein Modell durch eigene Komplexität nicht mehr handhabbar ist, hat es seinen Zweck verfehlt. Und – Modelle können keine Wahrheit abbilden. Wenn sie allerdings helfen, Grundzusammenhänge besser zu verstehen, einen Prozess leichter zu überblicken, andere nicht zu überfordern und sich selbst nicht ausnutzen zu lassen, finde ich sie hilfreich. Wenn alle Menschen selbst-bewusst, wehrhaft und freundlich wären, bräuchte es viele Modelle nicht.
      Viele Grüße,
      Siegbert

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    • 6. November 2012 07:23

      Moin,
      dazu fällt mir nur ein, dass Geistes- und Naturwissenschaften schwerlich miteinander zu verknüpfen sind. Deshalb will auch auch gar nicht versuchen, ein „Beziehungskonto“ mathematisch zu betrachten.
      Wenn ich allerdings ehrlich zu mir selbst bin, muss ich sagen, dass ich zumindest in meinem Unterbewusstsein auch diese Konten führe. Aber das ist doch nur eine Begriffsbestimmung für etwas, was es wohl schon immer gegeben hat. Deshalb bewerte ich das nicht über. Und klar habe ich auch schon „Beziehungen“ gekappt, in denen ich mich, ich sag‘ mal, „ausgenutzt“ fühlte, wo nichts zurück kam. Aber kommt das nicht bei jedem von uns vor?
      Das „Modell“ oben macht vielleicht einiges verständlicher. So wie mein alter Dozent immer zu sagen pflegte: „Bildlich gesprochen macht anschaulich.“
      ❤ Ostseegrüße

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  2. 4. November 2012 16:57

    In meinem Eifer habe ich vergessen auf den 1.300. Kommentar zu verweisen. Gibt es dafür auch nur Pommes, wie bei meinem 15.000. Seitenaufruf letzte Woche? #grins#

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  3. 5. November 2012 07:15

    Lieber Sven,was für ein interessanter Blog ,bringt einem zum Nachdenken.Ich wünsche Dir eine schöne Woche,liebe Grüße Erika

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    • 6. November 2012 07:38

      Moin Erika,
      na ja, nachdenken kann ja nie schaden, sofern wir dann etwas besser verstehen. Aber ansonsten sind solche Sachen für mich eher etwas für einen „philosophischen Abend“, so wie neulich: https://sven2204.wordpress.com/2012/10/22/die-fassade/ ,
      als dass ich mir darüber große Gedanken mache. Aber interessant fand ich das Thema auch 😉
      ❤ Ostseegrüße

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