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… denn es steht geschrieben … (Vorurteile)

29. Oktober 2013

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Samstag. Nach einem schönen Ausflug sitze ich mit einem Pott Tee am Lapi und lese. Die Onlineausgabe vom SPIEGEL. Mehr im Selbstgespräch sage ich: “Oh, Werder führt eins zu null gegen die Wölfe”. Ruhe. Nur kurz, dann aus der gegenüberliegenden Zimmerecke ein fragendes “so?”. Ich antworte “ja, steht hier, im Spiegel-Liveticker”. Und um meinem vermeintlichen Fußballwissen Nachdruck zu verleihen, füge ich hinzu: “Arnold hat für Werder eingenetzt. Gebt dem Nachwuchs eine Chance.” Dass mir der Name “Arnold” in Verbindung mit Werder Bremen so was von überhaupt nichts sagt, äußere ich lieber nicht. Damit würde ich mein Fußballwissen in Frage stellen. Nee. Während ich noch überlege, ob “Arnold” vielleicht ein Nachwuchsspieler aus der Regionalligamannschaft der Bremer ist, sagt die Stimme aus der anderen Zimmerecke zu mir: “Ich habe zwar keine Ahnung vom Fußball, aber der NDR sagt, dass Arnold bei den Wolfsburgern spielt und es eins zu null für Wolfsburg steht!”

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Ups. Nun bilde ich mir ein, nicht zu denen zu gehören, die “ihre Bildung aus der BILD haben”, aber auf den SPIEGEL meinte ich mich verlassen zu können. Und in der Tat, Werder hat in dem ganzen Spiel null Tore geschossen, Wolfsburg dafür dann noch zwei, und somit 3:0 gewonnen.

Wob-Bre-3-0-bild

Nun auch der SPIEGEL. Auch denen geht es also um die schnelle Meldung, um Klicks, statt um Seriosität, Korrektheit. Die “vierte Gewalt”, die sind doch alle gleich …! Obwohl, so ein Lapsus wäre der BILD nicht passiert – es ist ja nicht alles falsch, was in der BILD steht. Oder? Vorurteile!

Und wenn ich schon mal dabei bin: Es ist auch ein Vorurteil, dass wir mitunter so unsere Probleme mit Minderheiten haben. Nein, im Gegenteil. Hier zwischen Scharbeutz und Timmendorf ist am vorletzten Sonntag sogar ein zwei Kilometer Strandabschnitt für eine kleine Minderheit gänzlich gesperrt worden:

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So sind wir …! Klar, es hat auch mürrische Stimmen gegeben. Tagesgäste, die aus dem Umland kommend an einem sonnigen Sonntag ein bisschen am Strand spazieren gehen wollten. Und nicht durften. Ob es wirklich 32 Golfer waren mag zudem angezweifelt werden, aber so steht’s geschrieben. Ob der Strand auch für andere Minderheiten gesperrt worden wäre? Vielleicht für ein Kulturfest von Sinti und Roma? Da sind wir wieder bei den Vorurteilen, wenn man glaubt, dass nicht.

Ich schweife ab. In meinen Gedanken. Mir fällt die Mitteilung ein, dass in einer hannoverschen Kantine das Schnitzel mit der pikanten Sauce nun nicht mehr diskriminierend “Zigeunerschnitzel” heißt sondern …, jedenfalls anders. Unweigerlich muss ich dabei an die “Jäger” denken. Ob sich die “Tiertotschießer” auch diskriminiert fühlen? Heißt dieses Schnitzel in Hannover vielleicht bald “Schnitzel mit Pilz- und Sonstwas-Sauce”? Und die “Negerküsse”. Wie heißen die jetzt korrekt? Und was ist mit den “Hamburgern”, mit den “Wiener- oder Frankfurter-Würstchen”? Und mit den “Parisern” …? Habe ich wegen der bisher benutzten Begriffe, die in vielen Büchern, Rezepten, Gedichten und was weiß ich nicht wo geschrieben stehen, irgendwelche Vorurteile? Und warum wird das Wort “Vorurteil” eigentlich abwertend, negativ belegt? Oder ist das auch schon wieder ein Vorurteil (von mir)?

“Vorurteile”, oder “im­pli­zi­te Assoziationen”, wie es im Fachchinesisch heißt, sind doch wichtig und umfassen negative wie auch positive Erfahrungen, die uns helfen, schneller Entscheidungen zu treffen. Meine Tochter zum Beispiel unterliegt dem Vorurteil, dass Herdplatten heiß sind. Seit nunmehr über zwanzig Jahren fasst sie in der Nähe solcher Kochstellen reflexartig immer den gleichen Entschluss, sie nicht einfach anzufassen. Das ist doch positiv!? Und durfte ich eben überhaupt “Fachchinesisch” sagen, oder müsste ich “politisch korrekt” besser “in der Wissenschaft” sagen? Aber sind Politiker überhaupt immer “korrekt”, oder schwingt aus dem Englischen übernommenen “political correctness” nicht britischer Humor mit?

Egal. Eins weiß ich, das ist kein Vorurteil, und das steht geschrieben wie in Stein gemeißelt – oder (dank Udo Lindenberg) in Stahl eingebrannt:

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Hinter’m Horizont geht’s weiter.

Nachtrag: Ein Artikel von Peter, geschrieben am 8. September 2014, der dazu passt: KLICK

Nr. 253 ^.^

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7 Kommentare leave one →
  1. DMMS permalink
    30. Oktober 2013 20:19

    Ha ha – Maike – Katharinenhof. Woher ist das weiß? Der Bildname! Und wo ist das?
    Tja, mit Werder ist dumm gelaufen, und daß dem Spiegel solch ein Fauxpas passiert, hätte ich nicht gedacht. Wenn es dich tröstet, ich hätte auch nicht gewußt, daß Arnold ein Wolfsburger ist.
    Zu den Schnitzel habe ich einen Link aus der HAZ:
    http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Zigeuner-Sauce-soll-wegen-Diskriminierung-umbenannt-werden
    lese selber.
    Bis bald wieder,
    viele liebe Grüße aus Hannover 🙂

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    • 12. November 2013 12:26

      Ach du bist so nett,
      wieder ein Link – ja, ich weiß schon, warum ich aus der Ecke weggezogen bin 😉 Nee, aber im Ernst, ist das nicht ein bisschen übertrieben? Ich habe gerade in eine Antwort zu einem Kommentar von Peter geschrieben: „Ich versuche mir gerade vorzustellen, wie eine christliche Minderheit in …. Ach nee, lieber nicht 😉
      Ist das „typisch deutsch“, was hier so abgeht?
      Bis bald,
      bis später

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      • 12. November 2013 19:27

        HAHAHAHAHA, ich kann’s nicht glauben. Da haben die tatsächlich das Zigeunerschnitzel auf den „Index“ gesetzt.. ROFL. Was für halbschwule Heimleiter sitzen den da im Stadtrat? Dann wird bestimmt auch der Zigeunerbaron dort im Theater nicht mehr aufgeführt – oder der Text politisch korrekt umgeschrieben – nur was reimt sich auf „von Sinti und Roma demokratisch gewählter Weisungsbevollmächtigter“??

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