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Weizsäcker – mein ganz persönlicher Nachruf

1. Februar 2015

Nachrufe. Es gibt die weit verbreitete, klischeehafte Meinung, dass nirgends so viel gelogen wird, wie auf Beerdigungen. Ich will das an dieser Stelle gar nicht in Frage stellen – vielleicht bin ich als Blogger deshalb auch mehr als sparsam mit Nachrufen. Einen, mehr oder weniger, gab es im November 2013: Dieter Hildebrandt. Als Willy Brandt 1992 starb, hätte es wahrscheinlich auch einen gegeben, aber das war vor dem Blog-Zeitalter.

In einer gemeinsamen Gedenkstunde von Bundestag und Bundesrat zum 40. Jahrestag der Kapitulation spricht Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Bundestag. In seiner Rede zum Ende des Zweiten Weltkriegs betont er, der 8. Mai sei ein "Tag der Befreiung" von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft gewesen und appelliert an die Jugend, nicht in Feindschaft und Hass, sondern in einem friedlichen Miteinander zu leben. Er erinnert auch an die Leiden der Bevölkerung in den östlichen Ländern und fordert die friedliche Nachbarschaft als zentrale Aufgabe der deutschen Außenpolitik.

Richard von Weizsäcker († 31. Januar 2015) bei seiner Rede am 8. Mai 1985 , in der er das Kriegsende am 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ bezeichnete. Foto: BPA

Authentisch zu sein, besser sein zu können, das ist ein Privileg. Insbesondere, wenn es sich um Personen des öffentlichen Interesses handelt. Bundespräsident Gauck weiß davon ein Lied zu singen. Wenn man etwas Substanzielles sagt, oder tut, kann man nicht erwarten, dass alle Beifall klatschen – Kritik ist vorprogrammiert. Es gehört viel Stärke dazu, die dann auszuhalten. Weizsäcker hatte diese Stärke und für diese habe ich ihn 1985 bewundert.

Mitte der 60er zogen meine Großeltern mit in das Haus meiner Eltern bei Peine (NDS) ein. Nein, über eine Nazi-Vergangenheit meiner Großeltern wusste und weiß ich nichts, nur dass sie Flüchtlinge aus Pommern und zunächst in NRW untergekommen waren. Dort, wo sie mit meinem Vater bis Anfang 1945 in Pommern wohnten, wohnen heute Polen in Polen. In der Wohnung meiner Großeltern zeugten Bilder von dem ehemaligen Zuhause. Natürlich wollte ich als Kind mehr dazu wissen …, und mein Großvater hat viel erzählt. Später, in den 70ern, haben “wir jungen Leute”, jedenfalls einige und sicherlich geprägt durch die “68er”, eine selbstkritische Auseinandersetzung mit dem Thema eingefordert. Auch wenn wir, die Gnade der späten Geburt, keine Zeitzeugen waren, waren wir doch von denen umgeben. Manche Äußerung aus den Mündern der Altvorderen zeugte von einem …, ich sag mal, “Generationskonflikt”. Sicherlich gab es viele gute und deutliche Zeichen der Distanzierung von der Nazi-Schreckensherrschaft, beispielsweise Willy Brandts “Kniefall von Warschau” 1970, aber wir haben auch mitbekommen, dass diese “Bitte um Vergebung für ganz Deutschland” auf viel Ablehnung bei den Konservativen unserer Nation stieß. Mein Großvater hat (mir gegenüber) dazu nur geschwiegen ….

Wir mussten letztendlich bis 1985 warten. Ich muss vorausschicken, dass ich bis dahin unsere Bundespräsidenten für mehr oder weniger “Grüß-Auguste” gehalten hatte. Umso erstaunter war ich, als ich die Rede von dem damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker sah, immerhin einem CDU-Mann. Sein Satz, dass der “8. Mai 1945 der Tag der Befreiung von einem menschenverachtetem System und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft” ist, war so etwas wie ein “mittleres Erdbeben” für mich. Nicht dass der Inhalt neu war, neu war dieses Bekenntnis von der allerhöchsten Stelle im Staat, und das vor dem “hohen Haus”. Wow. Für mich hat er damals zum Ausdruck gebracht, dass die Flucht meiner Großeltern, meines Vaters, nicht das Ergebnis des “verlorenen” Krieges war, sondern konsequenterweise mit der Machtergreifung Hitlers 1933, mit jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte, zusammen hängt. Alle, die sich noch an diese Rede 1985 erinnern, wissen auch, dass Weizsäcker dafür nicht nur Beifall erhalten hat ….

Kolportiert werden Vorwürfe von Alt-Kanzler Kohl, dass sich Weizsäcker immer für den “Klügsten und Besten” gehalten habe. Stimmt, war er auch, mindestens in seiner Zeit! Nun ist “Richard Karl Freiherr von Weizsäcker” gestern am 31. Januar verstorben. Mit ihm geht einer der ganz, ganz Großen. Chapeau!

Ein Satz noch, auch das hat Weizsäcker in seiner Rede am 8. Mai 1985 gesagt, sein Vermächtnis an die Nachkriegsgenerationen, an die “jungen Menschen”, wie er sagte: “Lassen sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder gegen Türken, gegen Alternative oder gegen Konservative, gegen schwarz oder gegen weiß. Lernen sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.” Als wenn Weizsäcker 1985 geahnt hätte, dass es knapp 30 Jahre später “Pegida” geben würde. 

Link: Kondolenz von Bundespräsident Gauck zum Tod von Richard von Weizsäcker

Nr. 320 (WP260) ^.^ (aktualisiert 25.08.2019)

4 Kommentare leave one →
  1. 1. Februar 2015 21:57

    Ja, Chapeau! Aber nur sinnbildlich. Isch abe keinen Hut!
    Im Ernst, von allen CDU-Politikern war er mir noch einer der Liebsten. Und desto mehr er auf Distanz zu Kohl ging, desto sympathischer wurde er mir.
    So überfällig seine viel zitierte Rede 1985 auch war, sie ist wenig im Vergleich zur Brandts Warschauer Kniefall fünfzehn Jahre zuvor.
    Das ist meine Meinung.

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    • 3. Februar 2015 22:07

      Die darfst du selbstverständlich haben und hier auch äußern. Und ich widerspreche dir auch nicht.
      😉
      (Habe ich doch auch früher nie getan)
      😛

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  2. 4. Februar 2015 09:00

    Menschen, Politiker von Format sind heute selten. Ich mag behaupten, wieder sind es weniger geworden.
    Ob zur selben politischen Fraktion zugehörig oder auch nicht. Humanistische Werte zu pflegen, für seine Überzeugung zu kämpfen und das Rückrat dafür einzutreten, gehört Respekt ausgesprochen.
    *verbeug*

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    • 6. Februar 2015 21:18

      Ja, einer weniger.
      Und wenn ich mir die aktuelle Lage so anschaue, dann habe ich Zweifel wegen des Nachwuchs.

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