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Ein paar Sekunden im Leben – oder „er ist gestorben“

1. Juni 2015

Spargel mit Weinglas

Im Augenwinkel: … „ist gestorben“. Der Rest eine Textzeile. Ein kurzes Aufflackern des Handys. Sofort verabschiedet es sich wieder in das Dunkel des stromsparenden Ruhemodus. Maschinell-ökonomische Emotionslosigkeit.

Die Hand mit dem Spargel auf der Gabelspitze hält für den Bruchteil einer Sekunde inne. Reflexartig. Während das Gemüse sogleich im Mund gemächlich zu einer verdauungsleichteren Konsistenz verarbeitet wird, laufen die Synopsen in den Hirnwendungen plötzlich auf Hochtouren. Ein Kaltstart. Von null auf hundert in null Komma nix. Keine Frage nach dem Wer. Das war die Meldung, auf die zwar niemand gewartet, aber mit der jeder gerechnet hat. Jeder, der ihn kennt …, kannte.

Kopfkino. Ein kurzer Film läuft ab, blitzartig aus dem Archiv eingespielt: Ein lauer Aprilabend vor zwei Jahren. Eine Flasche Wein. Drei Gläser. Er wusste, dass er wohl als Erster von uns gehen würde. Er wünschte sich, dass wir in dem Moment glücklich sind, dass wir dann ein Glas Wein auf und für ihn trinken. Tod und Glück? Irritation.  „Wenn es für mich an der Zeit ist, möchte ich den Freiraum haben, meinen Weg glücklich gehen zu können. Das kann ich, wenn ich weiß, dass meine Lieben um mich herum mein Glück teilen und nicht darunter leiden. Ich möchte, dass meine Lieben glücklich darüber sind, dass ich nun meinen Weg gehen kann.“  Glück gleich Freude statt Trauer. Eine anspruchsvolle Formel. In unserem Kulturkreis.

Der Spargel ist gekaut. Ein Schmunzeln. Das ist wie „Der Drops ist gelutscht“, oder sinngleich „Der Zug ist abgefahren.“ Vielleicht „geht“ er nicht, sondern „fährt“ seinen Weg. Mit dem Zug. Jetzt ohne Bahn-Streik. Zielbahnhof: Nirwana. Das würde gut zu ihm passen. Wieder ein Schmunzeln. Ein Griff zum Weinglas. Spargel und Wein, das ist wie … Tod und Glück? Vielleicht. Kann sein. Noch ein Schluck. Gut so!

Der nächste Spargel rutscht von der Gabel.

Glück ist flüchtig, kaum zu fassen. Es tut gut, sich sein zu lassen.

Und die Stille senkt sich leis´ in dein Gemüt.

Und das Leben lenkt sich wie von selbst und blüht.

Zeilen aus dem Lied „Schlendern“ von Konstantin Wecker. Er hat das Lied gerne gehört. Und doch kann „Glück“ manchmal so schmecken, wie dieses Stück Spargel: „bitter“.

Im Augenwinkel: Eine Träne. Vor Glück oder Trauer? Oder beides?

für H.

 

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6 Kommentare leave one →
  1. Bienemaja permalink
    1. Juni 2015 10:07

    wer ist gestorben ? der Spargel ?

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  2. 1. Juni 2015 11:16

    Lieber Sven, es hat mir gefallen, wie Du mit der Situation fertig geworden bist. LG

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  3. 7. Juni 2015 07:36

    Moin Moin Sven ,ich wünsch dir alles Gute zum Geburtstag

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