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VW, die Diesel und eine Verschwörungstheorie

22. September 2015
VW Golf TDI > nicht so ganz < Clean Diesel

Ein World Car? VW Golf TDI > doch nicht so ganz ein < Clean Diesel

Jungen interessieren sich für Autos. Jedenfalls früher. Ich bin ein Junge, jedenfalls früher. Aber das Interesse an allem, was vier Räder und einen Motor hat, ist geblieben. Nur hier in meinem Blog habe ich das Thema bisher nie aufgegriffen, vllt. weil es mir zu fachlich war. Da sich aber viele Blogger (den Journalisten gleich) reflexartig auf die Big News stürzen, hat das Thema  >Auto< heute aus gegebenem Anlass bei mir Premiere. Und ich werde mir den Spaß erlauben, zu den Fakten eine Verschwörungstheorie zu entwickeln – also bitte nicht alles ganz so ernst nehmen:

Fakten sind, dass Dieselmotoren im Vergleich zu Ottomotoren nicht nur weniger Kraftstoff verbrauchen, Diesel ist auch meist viel billiger als Benzin. Kein Wunder also, dass in Deutschland fast die Hälfte der Neuzulassungen auf Selbstzünder entfällt. Die Abgase dieser Fahrzeuge enthalten jedoch naturgemäß besonders viel Stickoxid und sind deshalb schädlich für die Menschen. Um den Stickoxid-Ausstoß zu begrenzen, gibt es Normen (bspw. die Euro 6), deren Einhaltung durch Tests nachgewiesen werden muss – derzeit durch den sog. Neuen Europäischen Fahrzyklus (NEFZ). Dieser Test gilt allerdings als realitätsfern und soll den Herstellern zahlreiche Schlupflöcher bieten, die Autos für die Tests zu optimieren. Deshalb gibt es Bestrebungen, dieses Verfahren durch das sog, World-Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedure (WLTP) zu ersetzen. Die EU-Kommission möchte diesen neuen Test ab 2017 einführen, die Hersteller fordern eine Aufschiebung bis min. 2020. Soweit die in der Fachpresse nachzulesenden Fakten. Unumstritten ist sicherlich auch, dass die Auto-Lobby, voran die deutsche, die meisten ihrer Forderungen in Brüssel bisher durchgesetzt hat – und sei es unter tatkräftiger Mithilfe deutscher Regierungen.

Doch nun wird es spannend, denn wahrscheinlich hat niemand der Protagonisten mit der International Council on Clean Transportation (ICCT) gerechnet. Die ICCT ist eine 2001 gegründete gemeinnützige Organisation mit der Aufgabe, von Lobbyisten unbeeinflusste Forschung zu betreiben. Sie hat ihre Sitze in Washington, San Franzisko und Berlin – der Chef in Deutschland (für Europa) heißt Peter Mock.

Wegen der Widerstände der Autobauer gegen den neuen WLTP-Test hat die Berliner ICCT-Zentrale (mit technischer Unterstützung des ADAC) im letzten Jahr (2014!) bei 32 Diesel-Pkw von zehn verschiedenen Herstellern verglichen, wie unterschiedlich diese in den beiden Verfahren abschneiden. Das Ergebnis: Im aktuellen NEFZ-Test hielten alle Autos die gültige Euro-6-Norm ein, im WLTP-Test nur 10. Besonders die Diesel-Pkw von BMW sollen beide Tests bestanden haben. Über das genaue Ergebnis wurde (auf Druck der Hersteller?) Stillschweigen vereinbart.

Vllt. deshalb und angeblich wegen einiger Widersprüche hat Peter Mock den Vorgang von Berlin an seine Kollegen in den USA weiter gegeben. Dort, wo es die strengsten gesetzlichen Diesel-Abgasgrenzwerte der Welt gibt, sollte man ebenfalls testen. Ob man auf diesem Wege der Auto-Lobby einfach mal die Grenzen aufzeigen wollte, ist nicht bekannt. Jedenfalls nahm so das Drama seinen Lauf. Die US-Amerikaner haben sich (mit technischer Unterstützung der West Virginia University) zunächst zwei VW-Modelle und einen BMW vorgenommen, Mercedes soll sich verweigert haben. Auf dem Prüfstand haben die drei Testkandidaten den offiziellen California Air Resources Board (CARP) Test bestanden, allerdings haben die beiden VW-Modelle im Praxistest der Universität ein zigfaches an Stickoxiden raus gepustet, als es die US-amerikanischen Grenzwerte zulassen. Der BMW hat die Vorgaben weitgehend eingehalten. Damit war der Verdacht der Manipulation seitens VW geweckt, die Suche nach den Ursachen begann und die US-Umweltbehörde EPA wurde eingeschaltet. Es folgten mehrmonatige Gespräche zwischen der Behörde und VW, wie es ein Schreiben der EPA an VW beweist. Im Dezember 2014 (!) hat VW deshalb in den USA rund 500.000 Pkw in die Werkstätten beordert, um ein Software-Update einzuspielen. Allerdings führte die Programmkorrektur zu keinem Erfolg und die EPA sah sich im Juli 2015 veranlasst, die 2016er-VW-Modelle nicht für den heimischen Markt zu zertifizieren. Der Rest ist bekannt.

VW-Vorsitzender Winterkorn: wie lange noch? Wan geht er, so wie Piëch es wollte?

VW-Vorsitzender Winterkorn: Wann geht er, so wie Piëch es wollte?

Nun wird niemand ernsthaft behaupten, dass der ehemalige VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch von all dem nichts wusste. Und wer war seinerzeit – und ist heute noch – der verantwortliche Konzernvorstand für Forschung und Entwicklung? Richtig, der Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn. Und zwar seit 2007, die Manipulationen an den US-VW sind ab 2009 nachgewiesen. Ich vermute mal ganz stark, dass das (mit) die wahren Beweggründe (über die viel gerätselt wurde) von Piëch waren, Winterkorn los zu werden. Piëch wusste, was passieren würde, und mit einem neuen, unbefangenen Vorstandsvorsitzenden würde der VW-Konzern heute sicherlich besser da stehen, als mit dem belasteten Winterkorn.

In den USA werden die Tests ausgeweitet werden und es ist zu vermuten – siehe den Test in Deutschland – dass es auch noch andere Hersteller treffen wird. Wäre Piëch nicht im April mit dem Rauswurf von Winterkorn gescheitert, dann hätte der Konzern heute einen Vorsprung: zwar nicht durch Technik, aber beim Personal. Ich bin gespannt, wie sich der Albtraum für VW entwickelt, was die Großaktionärsfamilien Porsche & Piëch sagen werden – und wer noch träumt, nicht erwischt zu werden ….

Nr. 371 ^.^

10 Kommentare leave one →
  1. Albert permalink
    22. September 2015 21:31

    Nabend.
    Zu der Verschwörungstheorie mit Piäch: Das ist wirklich graue Theorie und entbehrt jeder Grundlage. Ich kann mir das nicht vorstellen.
    Was ich mir aber vorstellen kann, besser, was nachzulesen ist, ist, dass im Grunde genommen die deutsche Regierung von den Betrügereien wusste. Erst vor drei Monaten hat die Bundesregierung auf Anfrage der Grünen eingeräumt, dass die herkömmlichen Messmethoden unzureichend sind.
    Es ist schon länger bekannt, dass die unter Laborbedingungen erzielten Ergebnisse wenig mit den Werten in der Praxis gemeinsam haben – darüber wird bei uns nicht erst jetzt berichtet. Nur reicht in Deutschland bzw. in Europa dieser Labortest zur Normerfüllung aus. Das ist in den USA zwar auch so, wie im Beitrag oben beschrieben, aber darüber hinaus ist es explizit verboten, so habe ich heute von einem Fachmann im Radio gehört, das zum Unterschreiten der Grenzwerte Veränderungen, sprich Manipulationen, gegenüber dem Alltagsbetrieb vorgenommen werden. Mit anderen Worten: So wie das Auto auf der Straße fährt, so muss es den Test bestehen, und darf auf einem Prüfstand nicht durch eine Änderung in einen anderen Modus geschaltet werden. Genau das hat VW aber gemacht. Wie ich gehört habe, aus Kostengründen. Durch größere Filter, die die Autos um 100 $ teurer gemacht hätten, aber auch einen höheren Kraftstoffverbrauch zur Folge gehabt hätten, wären diese Probleme vermeidbar gewesen. Dass das funktioniert scheint BMW bewiesen zu haben.
    Albert.

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    • 24. September 2015 10:40

      Moin.
      ich war nun zwei Tage weg und musste mich gestern Abend zuhause erstmal wieder auf den aktuellen Stand bringen. Gelandet bin ich beim Zippen durch die Fernsehprogramme bei Markus Lanz und Axel Friedrich. Was er zu sagen hatte, hat mich nicht großartig überrascht, aber die Aussage, dass in den USA die realen Verbrauchswerte nur durchschnittlich 2%, in Europa aber 37% über den von den Herstellern angegebenen Werten, ermittelt auf Prüfständen, liegen, schon. Also nicht die 37%, aber die 2%.
      Und erst während der Gesprächsrunde habe ich mitbekommen, dass Winterkorn doch „zurückgetreten wurde“ 😉
      Warten wir mal ab, was noch so passiert ….
      Viele Grüße aus Scharbeutz

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  2. 24. September 2015 12:01

    Nachtrag: siehe – der ganze Artikel / das Interview unter:
    http://www.spiegel.de/auto/aktuell/volkswagen-die-folgen-der-abgas-affaere-fuer-europa-a-1054383.html

    „Eine Software zu verwenden, die die Abgasreinigung eines Fahrzeugs im Prüflabor einschaltet und auf der Straße nahezu aus, ist in Europa verboten. Das regelt eine EU-Verordnung zur Typgenehmigung von Kraftfahrzeugen für die Abgasnormen 5 und 6. Darin steht klipp und klar, dass die Verwendung von sogenannten Abschalteinrichtungen unzulässig ist. Wenn sich herausstellen sollte, dass in der EU, ähnlich wie in den USA, diese Abschalteinrichtung in Autos aktiv war, dann ist das nicht mehr Gegenstand der Betriebserlaubnis, die für dieses Fahrzeug erteilt wurde. Die Betriebserlaubnis würde damit erlöschen.“

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  3. 27. September 2015 10:27

    Getrickst wurde ja schon immer. Damals in der Formel 1, als ein Rennstall immer beim letzten Tankstop Bleikügelchen in den Tank goss, damit das Mindestgewicht nicht unterschritten wurde – als es raus kam wurden Sie disqualifiziert. Klar: wer bescheisst, der fliegt!
    Aber mal im Ernst? Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es die Amis, die ja nun bis in die 70er Jahre Benzinfresser mit wummernden 8 Zylindern gebaut haben nun auf einmal geschafft haben Ihre Autos sauberer zu kriegen als die deutschen Hersteller. Da fehlen Ihnen glatt 30 Jahre Erfahrung. Alles was komplizierter ist als ein Toaster müssen die doch anfertigen lassen. nee, nee.. warten wir mal ab, da werden sicher noch ein paar amerikanische Namen auftauchen, wenn es um die „kreative“ Umgehung von Grenzwerten geht.. 😉

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    • 27. September 2015 10:47

      Moin Peter,
      stimmt, getrickst wurde schon immer – überall. Da wird sich wohl auch nichts dran ändern, solange jeder auf seinen Vorteil bedacht ist. Leider sind die (ergaunerten) Vorteile des einen zum Nachteil des anderen.
      USA: Sicherlich waren und sind die Amis große Umweltsünder, aber sie sind nicht untätig. Wenngleich sie viel mehr tun könnten. Aber in vielen Punkten könnte sich Europa auch die USA als Vorbild nehmen, bspw. was Abgasgrenzwerte von neu zugelassenen Pkw betrifft.
      Es ist für mich ein Hohn, wenn ich ganz aktuell das in den Nachrichten lese:

      Berlin blockiert neue EU-Abgastests
      Im Zeichen des Abgasskandals bei VW sollte die Bundesregierung eigentlich neue Tests in der EU vorantreiben. Doch Berlin steht auf der Bremse. Laut einem Papier der zuständigen Arbeitsgruppe will sich die mächtige deutsche Autolobby Schlupflöcher sichern.
      Die deutsche Bundesregierung schickt in Zeiten der Abgasaffäre bei Deutschlands größtem Autobauer die falschen Signale an die europäischen Partner. Demnach versucht Berlin trotz des Skandals, die Einführung eines neuen, realistischeren Abgastests durch die EU zu verzögern.
      http://www.n-tv.de/wirtschaft/Berlin-blockiert-neue-EU-Abgastests-article16019376.html

      Viele Grüße! 😉

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