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„… aber die andern schummeln doch auch!“

6. November 2015

… oder: „Wenn die Realität zu Norm wird …!“

Gestern. Sportunterricht (ich war als ehrenamtlicher Integrationsbetreuer dabei). Die Kinder sollen eine Übung machen. „Nicht schummeln!“ höre ich die mahnenden Worte der Lehrerin. Postwendente Antwort der Ertappten: „Aber die andern schummeln doch auch!“ Klar denke ich, that’s life, das Fehlverhalten anderer gilt als Rechtfertigung für die eigenen Fehler.

Sport20151104_2b

Kindern mache ich in solchen Momenten keinen Vorwurf. Kinder werden nicht als „Schummler“ geboren, Kinder werden von uns Erwachsenen zu „Schummlern“ gemacht, so wie unsere Eltern uns zu „Schummlern“ gemacht haben. Das vererbt sich. Generationsübergreifend.

Shitwetter-Spiegelbild

Und wir selbst? Was sagt uns der Blick in den Spiegel? Wie vorbildlich waren / sind wir? Öhm, ja. Themawechsel!

FSK-18J KNZ Print 250 4c.pdf

Auf den nachrichtlichen Einheitsbrei habe ich im Moment null Bock. Der Fernseher bleibt aus. Zurzeit sollten Nachrichtensendungen so wie so der „Freiwilligen Selbstkontrolle“ unterliegen: FSK ab 18! Sex-Filme dürfen Jugendliche nicht sehen, obwohl die meisten in dem Alter schon genug darüber wissen. Aber in den Nachrichtensendungen dürfen sie jeden Tag sehen, wie die Erwachsenen „bescheißen“, Stichworte VW, FIFA/DFB, Deutsche Bank – nicht zu vergessen der ADAC und Uli Hoeneß. Auch die parteipolitisch motivierte Wortklauberei in der Flüchtlingsfrage ist nicht vorbildlich. Und über TTIP will ich gar nicht reden, weil dazu nur bekannt ist, dass die bisher ausgehandelten Vertragsbedingungen nicht bekannt sind. Was hat diese Intransparenz mit Demokratie zu tun? All das und viele andere „bad News“ dürfen unsere Kids jeden Tag sehen, Sex-Filme aber nicht.

Ok, vielleicht war das jetzt ein bisschen der Vergleich zwischen Äpfel mit Birnen. Doch eins lässt mich hoffen: „Der deutsche Durchschnitts-Jugendliche, wie ihn die aktuelle Shell-Jugendstudie im Jahr 2015 zeichnet, ist eigentlich ein ganz guter Typ.“  Das ist zumindest das Fazit der SZ.

Bild-Shell-Politisches-Interesse

Besonders lässt mich hoffen, dass die Politikverdrossenheit weiter sinkt und die jungen Leute immer weniger Probleme mit der Zuwanderung haben. Letzteres ist logisch und wichtig, denn der Wunsch nach eigenen Kindern ist gesunken und nur durch Zuwanderung kann dem demografischen Wandels entgegengewirkt werden.

Bild-Shell-Zuwanderung

Ein Ergebnis finde ich noch bemerkenswert: Sich an „Gesetz und Ordnung“ zu halten ist für die Jugend heute wichtiger als früher. Denn wenn das „Schummeln“ die Realität bestimmt und wenn die Realität zur Norm wird, dann nützen alle Regeln nichts. Vor 40 Jahren habe ich zu Beginn meiner Ausbildung gelernt, dass Gesetze nur so viel wert sind, wie sie kontrolliert werden. Das ist heute noch so, siehe Volkswagen, usw., usw.. Doch wenn das Befolgen der Regeln mehr zur Selbstverständlichkeit werden würde und weniger der Kontrolle bedürfte, dann wäre das ein großer Schritt. Konjunktiv, trotzdem: „Schummeln gilt nicht!“

Bild-Shell-Jugendstudie-Logo

Nr. 383 ^.^

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5 Kommentare leave one →
  1. Albert permalink
    6. November 2015 19:41

    Nabend,
    die Schummelei, oder korrekt der Betrug, ist sicher so alt wie die Menschheit selbst. Schon im alten Testament ist geschrieben, dass Jakob den göttlichen Segen durch seinen Vater Isaak auf betrügerische Art zum Nachteil seines Bruders Esau erlangt hat.
    Wird ein Betrug dadurch besser? Nein, aber wir leben schon seit Menschengedenken damit.
    Vieles gilt auch als Kavaliersdelikt, z.B. die nicht richtig ausgefüllte Steuererklärung oder die Schwarzarbeit.
    Statt Nachrichtenverbot wäre ich genau umgekehrt für eine Verpflichtung: Alle Jugendlichen sollen einmal am Tag Nachrichten sehen oder hören oder lesen. Die Nachrichten können auch eine abschreckende Wirkung haben. So wie „Rauch gefährdet ihre Gesundheit“ auf Zigarettenpackungen könnten Untertitel eingeblendet werden „Lug und Betrug führt Geldstrafen und Freiheitsentzug“.
    Zu VW: Alle reden über VW. Allerdings ist doch bekannt, dass die Verbräuche auch anderer Marken nicht mit den Prospektangaben übereinstimmen. Das lässt doch vermuten, dass das, was hinten an Schadstoffen rauskommt, auch nicht stimmt. Nun gerät das KBA in den Fokus. Als ich das gelesen habe, musste ich lachen: Wenn es ein KBA-Leiter gewagt hätte, gegen die mächtigen Autokonzerne vorzugehen und die angegebenen Schadstoffwerte anzuzweifeln, dann wäre er von dem jeweiligen Verkehrsminister wahrscheinlich sofort entlassen worden. Nein, andersrum: Berichte über die widersprüchlichen Werte gibt es schon lange. Das Ministerium hätte das KBA anweisen müssen. Manchmal ist es doch gut, wenn sich die EU in Brüssel in die nationale Verwaltung einmischt.
    Es grüßt Albert aus SH

    Gefällt 1 Person

    • 7. November 2015 10:21

      Moin.
      Sicher ist das Schummeln ein Betrug, moralisch gesehen – im strafrechtlichen Sinne gehört noch der Vermögensvorteil dazu.
      Doch so weit will ich den Begriff „Schummeln“ gar nicht fassen, eher im Sinne von „Nicht immer ganz ehrlich“ sein. Neulich lief auf NDR2 ein Beitrag dazu, wie oft wir täglich „bei der Wahrheit schummeln“, bis hin zur Notlüge. Das geht schon los, wenn du deiner Liebsten um des eigenen Seelenfriedens Recht gibst, obwohl du anderer Meinung bist. Oder deinem Chef. Gut, manchmal ist es das gleiche 😉 Und man kann das auch Toleranz nennen 😉
      Zur Rolle des KBA: Für mich zeigt sich hier in der Tat der mächtige Einfluss der Wirtschaft. Natürlich haben alle gewusst, es gibt zahllose Beiträge dazu, dass die Automobilindustrie bei der Messung der Verbräuche usw. unter Laborbedingungen alles ausgenutzt hat, was nicht explizit verboten ist. Das war die Realität und die ist zur Norm geworden. Lediglich dass VW mit zusätzlicher Software verbotenerweise die Werte manipuliert hat, ist neu.
      Ich bin gespannt, wie das weitergeht ….
      Kavaliersdelikte: Klar, vieles gehörte früher zum „guten Ton“, das oberste Gebot war, sich nur nicht erwischen zu lassen. Aber heute im digitalen Zeitalter des Datenabgleichs, wo wir nicht nur durch Facebock & Co immer mehr zum gläsernen Menschen mutieren, wird es natürlich immer schwieriger.
      Viele Grüße aus Scharbeutz

      Gefällt 1 Person

      • 7. November 2015 20:51

        Hmm.. „Vermögensvorteil“ – ist das nicht auch im Sport so? Wenn ein Stürmer sich im Strafraum fallen lässt und dafür einen unrechtmäßigen Elfmeter zugesprochen bekommt, der im schlimmsten anzunehmenden Fall den Ligaverbleib garantiert, womit mehr Einnahmen in die Vereinskasse gespült werden?
        Das nicht einhalten von Regeln bedeutet über kurz oder lang Anarchie.
        Ehrlichkeit gehört zu den Grundregeln der Gesellschaft. Meine Großeltern und meine Mutter haben Sie mir regelrecht „eingebleut“. Ich kann sagen, dass ich noch nie in meinem Leben – weder bei einer jugendlichen Mutprobe, noch als HARTZ IV-Empfänger – in einem Supermarkt etwas gestohlen habe.
        Deshalb habe ich vor keinem Politiker Respekt – und deshalb bin ich immer mehr „auf Krawall gebürstet“, wenn ich sehe, dass andere Mitmenschen sich nicht an Regeln halten. Früher habe ich mir meinen Teil gedacht, weil es die Ausnahme war. Heutzutage ist es die Regel und ich bin immer weniger bereit dies durchgehen zu lassen, weil ich davon einen spürbaren Nachteil habe. Beispiel: ich stehe seit mehreren Minuten beim Bäcker am Tresen und warte darauf, dass ich dran komme und grade als ich an der Reihe bin, kommt ein Kunde rein gehastet und verlangt ein Doppelback und 10 Brötchen ohne überhaupt von mir Notiz zu nehmen. Mein Hinweis, dass ich zuerst dran bin wird dann mit dem Kommentar „ich war doch schon lange vor Ihnen hier“ beantwortet. Wie gesagt – früher hätte ich mir meinen Teil gedacht und die Fresse gehalten. Heute gibt’s was auf dieselbe..

        Gefällt 1 Person

      • 8. November 2015 09:24

        Moin Peter,
        ja ja, die Regeln. Ich stimme dir zu, wenn sich keiner dran hält, jeder macht was er will, ohne sich an die Gesetze zu halten, dann haben wir Anarchie – oder Revolution, wenn’s die Masse macht. Umso wichtiger sind die polizeilichen Behörden, die an den Kreuzungen der gesellschaftlichen Wege den Verkehr regeln, Vorfahrtsverletzer kontrollieren und mit einer Buße belegen. Klar, passiert das nicht, dann sind wir nichts anderes als ein leckes Boot im Ozean der Anarchie. Und dann heißt es nur noch „blub, blub, SOS, Untergang“, dann ist man für jede Hilfe dankbar.
        Doch wer kontrolliert die Kontrolleure? Was passiert, wenn die mit 0 Ahnung sich 8 Stunden am Tag nur den feisten Hintern im warmen Bürostuhl breit sitzen – und darüber hinaus noch fürstlich nach Besoldungsgruppe 15 entlohnt werden?
        Antwort: Nichts! Siehe unser KBA in Flensburg. Aber das ist kein neuzeitliches Phänomen. Das gab’s schon immer – in dem Zusammenhang ist übrigens der Begriff des 08/15 Beamten entstanden. Der Schriftsteller Kirst hat sich später für seine Romantrilogie nur des Begriffs bedient und nicht selbst kreiert. Das kannst du mir nun glauben oder nicht 😉
        Hilfe naht nun vom „weißen Ritter“, dieser heldenhaft unerschrockenen und unbestechlichen Figur aus dem Groschenroman. Da wir aber nicht mehr im Mittelalter leben und es keine Ritter mehr gibt, nennen wir ihn heute „Weltpolizist“. Wo auch immer er meint ein „SOS“ zu hören, da greift er ein und sorgt für Recht und Ordnung. Jedenfalls so, wie er es versteht – was aber nicht immer von jedem verstanden wird.
        Verstanden haben das nun jedoch Autofirmen wie VW, die nationalen Zulassungsbehörden wie das deutsche KBA sollen unter EU-Kontrolle gestellt werden und dem mafiösen Fußball geht es auch an das sprichwörtliche Leder.
        Es ließe sich noch zeilenlang weiter philosophieren, aber jetzt ist Schluss. Im Grunde genommen könnte alles so einfach sein, wenn sich jeder von uns an diese ethische Regel halten würde: „Was du nicht willst, dass man dir tu’, das füg’ auch keinem anderen zu.“
        In dem Sinne lieber Peter, schön mal wieder mit dir geschrieben zu haben 😉

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  1. Schummeln II | Ich sag' mal ...

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