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„2204“ ist tot – will ich Antworten?

26. Februar 2016

“Leute, ich versuche seit Jahren authentisch hier zu schreiben. Vielleicht ist das der authentischste Beitrag, den ich je geschrieben haben. Egal, der muss nun raus, den bin ich mir selbst schuldig!”

Sven20160226-Erinnerung640T

Vor knapp fünf Jahren, am 22. April 2010, habe ich hier – in dem für mich neuen Blog – das erste Mal über meinen behinderten Sohn berichtet. Es war sein 27. Geburtstag. Seitdem hat es zu dem Schlagwort “2204” noch ein paar Artikel gegeben. Dieser ist nun der letzte. Heute Morgen ist er verstorben.

Der “kleine Mann” ist am 17. Juni 1983, da war er noch keine zwei Monate alt, an einer Virusinfektion im Gehirn erkrankt. Seitdem war er schwer behindert. Im Laufe der Jahre hat er eine PEG bekommen, das ist eine Magensonde, über die Flüssignahrung zugeführt wird. Diese PEG musste jetzt erneuert werden. Normalerweise ein Routineeingriff im Krankenhaus. Gestern Nachmittag. Um 17 Uhr war er wieder auf der Station und alles war gut. Ich sollte heute um halb zehn anrufen, ob er heute wieder nachhause kommt. Um viertel nach neun klingelte mein Telefon: “Wir müssen ihnen leider mitteilen, dass ….”  Da sich die diensthabende Ärztin die Todesursache nicht erklären konnte, folgte das in den Fällen übliche Prozedere: Akte an die Staatsanwaltschaft, die hat die gerichtsmedizinische Untersuchung des Leichnams angeordnet, usw..

Auf all das habe ich keinen Einfluss. In meinem “nahen Umfeld” gibt es aber durchaus Interesse an den Antworten auf die Fragen: “Wie konnte das so plötzlich passieren”, usw., usw.?  Das halte ich für ganz natürlich. Aber will ICH die Antworten wissen –  als sein Vater, als sein rechtlicher Betreuer? Ich weiß, allein die Fragestellung könnte missgedeutet werden. Aber ICH habe immer Angst davor gehabt, mit der endgültig Frage nach dem Abschalten von plötzlich notwendigen (lebenserhaltenden) Apparaturen konfrontiert zu werden. So habe ich heute mehr als einmal gesagt: “Wenn ich als pathologischer Optimist dem Tragischen eines positiv abgewinnen mag, dann das: Einschlafen und nicht wieder aufwachen ist das, was ich mir für den ‘kleinen Mann’ immer gewünscht habe, wenn es mal so weit ist.”  Allerdings, jetzt nach knapp einer Flasche Wein, selbstverständlich nur aus rein therapeutischen Gründen, bin ich mir nicht sicher, ob ich jemals dran gedacht habe, dass ein Staatsanwalt darüber entscheidet, “ob es heute so weit war”. Ich hadere mit mir selbst.

Der “kleine Mann” wird eine Lücke reißen, nicht nur in meinem Kalender. Es ist “scheiße” wenn Eltern ihre Kinder überleben. Nach meinem “Ausstieg mit 50” vor sechseinhalb Jahren, auch um mehr Zeit für meinen Sohn zu haben – die ich hatte, und von der ich keine Minute missen möchte – ist heute für mich so etwas wie ein weiterer Lebensabschnitt zu Ende gegangen. Was folgt? Der nächste! Wie? Keine Ahnung! Aber er folgt! Wenn nicht mehr in diesem Blog, dann vllt. im nächsten. Keine Ahnung.

Doch vllt. gibt es noch einen Beitrag, Stichwort “Udo Lindenberg”  über seinen neuen Song “Durch die schweren Zeiten”, der wohl erst ab heute (im Radio) gespielt werden durfte. DER PASST!

Wie gesagt: “Ich versuche seit Jahren authentisch hier zu schreiben …”, s. o.

Nr, 411 – heute ohne ^.^

45 Kommentare leave one →
  1. 26. Februar 2016 23:48

    Das tut mir von Herzen leid lieber Sven.

    Liebe Grüße von Mathilda ❤

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  2. Vera permalink
    26. Februar 2016 23:55

    Daß ich mal die erste sein werde, die dir hier schreibt….
    Es tut mir unendlich leid, dies hier lesen zu müssen – und ich kann deinen Blog soooo gut verstehen. Dieser Verlust wird eine große Lücke reißen. Es kam jetzt doch etwas plötzlich und unerwartet, daß „der kleine Mann“ gehen mußte (durfte?)
    Mein Vater ist heute 82 geworden, – er möchte so gern gehen. ….
    Ich denk an dich und schicke dir eine Umarmung von mir zu dir! Alles Gute
    Vera

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  3. giskoe permalink
    27. Februar 2016 00:15

    Mein tiefstes Mitgefühl

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  4. Vera permalink
    27. Februar 2016 00:25

    Es tut mir so leid diese Nachricht lesen zu müssen. Ich kann sehr gut nachvollziehen, was du geschrieben hast und versuchen mit zu fühlen wie du dich gerade fühlen könntest!
    Der „Kleine Mann“ wird dir fehlen!
    Ich schicke dir eine Umarmung von mir zu dir

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  5. 27. Februar 2016 01:05

    Lieber Sven, mein herzliches Beileid.
    Viel Kraft für Dich und Deine Familie.
    Liebe Grüße von der Beobachterin

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  6. Birgit permalink
    27. Februar 2016 06:06

    Das tut mir leid. Mir kommen gerade die Tränen.

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  7. 27. Februar 2016 14:19

    Mein herzliches Beileid ♥

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  8. 27. Februar 2016 20:24

    mein aufrichtiges Beileid ,Sven ,wenn nun mal am Meer sein sollte lasse ich für deinen Sohn einen Stein über die Wellen ditschen ,versprochen

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  9. 27. Februar 2016 21:52

    Oh, tut mir leid. Alles Gute.

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  10. 28. Februar 2016 08:33

    Mein Beileid. Wir telefonieren? Rufe mich einfach an, wenn du magst. Ich drücke dich.

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  11. 28. Februar 2016 09:00

    Auch an dieser Stelle: „Unser Beileid, ‚Alter'“.
    Ich kann dich verstehen, wenn du „gewisse“ Antworten vielleicht lieber nicht haben möchtest und du es bei dem, wie es nun war, bewenden lassen möchtest. Im Moment. Es kann aber sein, dass die Fragen später in dir selbst wieder kommen. Vielleicht ist es in dem Moment besser, Antworten parat zu haben. Das ist aber nur meine Erfahrung.
    Wir sehen, hören, schreiben uns. Grüße von uns aus deiner alten Heimat – und in deiner neuen wirst du auch jetzt einen neuen Weg für dich finden. So kenne ich dich, so wird es sein.

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  12. 28. Februar 2016 13:37

    Das tut mir sehr leid. Wünsche dir viel Kraft!

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  13. 28. Februar 2016 19:10

    Mein lieber….. traurig habe ich heute Deine Nachricht erhalten und musste in Sekunden an all die vielen Dinge denken, die Du mir von Deinem Sohn erzählst hast….
    Auch an die Zeiten Deines Hoffen und Bangens in vielen anderen Situationen.
    Auch wenn ich mich hier bei WP rar gemacht habe, möchte ich Dir ein paar Zeilen hinterlassen.
    Ja, das Schrecklichste was Eltern passieren kann ist ihre Kinder zu überleben . Und ja, Es ist Scheiße!!!
    Die Flasche Wein hast Du mit Recht vernichtet. Eine Antwort…wenn wir die doch alle bekommen könnten. Jegliche Wörter des Trostes reichen nicht aus, um Deinen Verlust zu mindern. Aber Du sollst wissen, dass wir in Gedanken bei Dir und Deiner Familie sind.
    Fühle Dich ganz lieb gedrückt und geknuddelt. Wir telefonieren!!
    Ganz liebe Grüße von meinen Kids und mir.

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  14. 28. Februar 2016 19:41

    Es tut mir so unendlich leid ….kein Wort wird helfen, aber fühl dich gedrückt …ganz feste

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  15. Emma Lexa permalink
    4. März 2016 20:04

    Aufrichtige Anteilnahme.

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  16. Sylvia Kling permalink
    8. April 2016 14:22

    Ich habe es erst heute gelesen. Keine Worte habe ich. Ausgerechnet ich. Eine „Schreibertante“.
    Doch ich weiß, ich werde es in mir wälzen.
    Was entsteht, werde ich Dir schicken.

    Danke, dass Du uns an Deinen Gefühlen und Deiner Trauer teilhaben lässt.

    Liebe Grüße und bis ganz bald.

    Sylvia

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    • 1. März 2017 14:55

      Moin,
      das ist heute eine der „vergessenen Antworten“: Danke!
      Wenn einer „Schreibertante“ die Worte fehlen, dann ist das wie bei einem Architekten, dem zu viel einfällt? Na ja, oder so ähnlich 😉
      Ja, es ist eben wie es ist. Nach den Gutachten der Staatsanwaltschaft geht es nun gerichtlich weiter. Das für mich möglichst kurz und bündig, damit ich den Tod meines Sohnes auch so einsortieren kann, wie es angemessen ist.
      Solange der Verdacht von Fehlern und Unterlassungen im Pflegeheim und in der Klinik noch im Raum stehen, funktioniert das leider nicht.
      Grüße aus Scharbeutz

      Gefällt 1 Person

  17. Monika-Maria Ehliah permalink
    26. Februar 2017 16:36

    … für mich ist Sprachlosigkeit momentan die einige Antwort…
    …. ein Mutterherz das mit dir – mit euch trauert ….
    M.M.

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    • 1. März 2017 14:42

      Danke M.M.
      Ja, jetzt ein Jahr später – gut fühlt sich anders an. …

      Gefällt mir

      • Monika-Maria Ehliah permalink
        2. März 2017 08:50

        Ich kann dich so gut verstehen.
        Es ist das Schlimmste wenn Eltern
        ein Kind ins Lichtschloss Gottes gehen lassen muss…
        es tut mir so leid.
        Kraft und Segen!
        M.M..

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  18. 26. Februar 2021 12:35

    Lieber Sven, 5 Jahre ist dein „kleiner Mann“, dein Sohn, der es sicher sehr oft sehr schwer in seinem Leben hatte, der aber dich als Vater hatte, der sich ZEIT für ihn genommen hat – eines der wichtigsten Geschenke in dieser Zeit – nicht mehr am Leben. Man sagt ja, Menschen, die nicht vergessen sind, sind nicht richtig tot – aber das stimmt eben nur ein ganz kleines bisschen. Mein Hamburger Lieblingsmensch starb schon 1996 – sicher denke ich nicht nur an seinem Geburtstag und seinem Todestag an ihn – aber tot ist er trotzdem, nicht mehr da, seine Stimme und sein Lachen fehlen mir unendlich.
    Und dir fehlt dein Sohn wegen so unendlich vieler gemeinsamer Erinnerungen.
    Für mich ist der 26. Februar der Geburtstag einer sehr lieben Freundin – die hat in ganz anderer Hinsicht ganz großen Kummer mit ihren Kindern. Ihr Ex hat sie widerrechtlich vor 3 Jahren im Libanon behalten und erst nach riesigen anwaltlichen Anstrengungen darf sie jetzt zweimal im Jahr hinfliegen – was IMMER ein riesiges Konfliktpotential mit dem Ex bringt.
    Ich drücke dich jetzt einfach mal so aus der Ferne – ganz fest und teilnahmsvoll
    Grüße zu dir von Clara UND Christine

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    • 27. Februar 2021 08:11

      Moin Clara.
      Danke für deine lieben Worte.
      Ja, fünf Jahre. Hatte er es schwer in seinem Leben? Ja, mag sein – und nein. Meine Erfahrungen nach nunmehr weit über 30 Jahren mit beeinträchtigten Menschen ist die, dass sie teilweise in ihrer eigenen Welt leben, und das gut, Vollkasko und all inclusive.
      Jedenfalls die. die nie etwas anderes kennen gelernt haben …. Mein Sohn ist im Alter von zwei Monaten erkrankt, 17. Juni …, nicht nur der Geschichtsträchtigkeit wegen kann ich diesen Tag nie vergessen. Eine Virusinfektion ….
      Ja Clara, ich ich weiß, der Tod gehört zum Leben dazu. Die Trauer für mich aber auch und für mich wäre es nicht zielführend, die zu verbergen. Wobei: Der Tod meines Vaters im letzten Jahr, nun ja. Isso. Ich weiß noch nicht einmal mehr das Datum, müsste nachsehen. Der Tod meines besten Freundes, 15 Jahre ist das her, er fehlt mir heute noch, die Gespräche fehlen mir. Und wenn ich heute mal jemanden zum Quatschen brauche, einen Freund, der mir einfach nur zuhört, dann gehe ich hier auf den Friedhof an sein Grab. So gehe ich damit um das fühlt sich für mich gut an. Na ja, he seggt so un se seggt so 😉
      Viele Grüße an dich und grüße mir die Christine 😉

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      • 27. Februar 2021 12:12

        Sven, natürlich war mir sofort das Datum 17. Juni aufgefallen – irgendwie habe ich ihn ja live miterlebt, auch wenn ich noch ein Kind war. Der Sohn einer Freundin meiner Mutter saß danach viele, viele Jahre im Gefängnis, bis er vom Westen freigekauft wurde.
        Wäre Heikos Grab nicht in Hamburg, sondern in Berlin, ich wäre – zumindest in den ersten Jahren – sicher auch sehr oft zu ihm gegangen, um mit ihm zu sprechen. Ich habe einen anderen „Trick“ angewendet – fuhr hier ein HH-Auto, war Denkalarm eingestellt. – Fuhr ein Auto mit HL vorbei, war positivster Denkalarm – und kam dieses HL nach dem Ortskennzeichen, war es auch so.
        Die Christine recherchiert wie wahnsinnig im Netz nach Hörgeräten, weil sie nach über 20 Jahren stark beeinträchtigtem Hören wieder an die Grenze des noch Möglichen kommen will – auch wenn dann die „Ersparnisse“ nicht mehr als Zuzahlung im Pflegeheim oder sonstwo genutzt werden können.
        Gruß zu dir – und halbdicke Umarmung, denn heute ist ja schon der 27.

        Gefällt 1 Person

      • 28. Februar 2021 06:17

        Moin Clara.
        Tja, so hat jeder seine Marotten oder seinen „Trick“. Und das ist gut so.
        Der Christine wünsche ich viel Erfolg bei der Recherche 😉
        Grüße!

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