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Sonntag, 25.04.27 – Wiedervorlage 25.04.36

25. April 2016

Wader_20140211_07_b300_1Sonntagabend. Stephan Sorglos setzt sich in seinen abgewetzten alten Fernsehsessel. „Beine hoch, das tut gut“, denkt sich der alte Mann, nachdem er in den letzten Stunden im Supermarkt die Sonderangebote für die kommende Woche in die Regale eingeräumt hat. Auf dem Tisch steht ein Glas Rotwein, „Tinta Negra“ ist auf dem Tetra-Pack zu lesen, abgefüllt in Kalifornien/USA. Die teuren Flaschen europäischer Herkunft kann er sich nicht leisten. „Prost Stephan, auf die Gesundheit, auf die Zukunft“, murmelt er vor sich hin und nippt gedankenverloren am seinem Glas. Es ist heute sein 70. Geburtstag.


In der „Tagesschau“ verliest die wie immer adrett gekleidete Sprecherin mit einer auf Neutralität bedachten Mimik, dass es in zwei Wochen zur Stichwahl des Bundespräsidenten zwischen Bernd Huckel von der AfD und Anton Stubenhocker von den Grünen kommt. Die Kandidaten der anderen Parteien folgen auf den Plätzen und haben mit dem Ausgang der Wahl nichts mehr zu tun. Nach der Änderung des Art. 54 GG auf Antrag der AfD ist es das erste Mal, dass der Bundespräsident nicht mehr von der Bundeswahlversammlung, sondern vom Volk gewählt wird.

Zur Eröffnung der Hannover Messe ist der amerikanische Präsident Sam Uncle angereist. In einem Filmbeitrag rühmt Bundeskanzlerin Angela Merkel die gute Zusammenarbeit, wie auch schon mit seinen drei Vorgängern, und verweist auf das seit zehn Jahren erfolgreich funktionierende Transatlantische Freihandelsabkommen mit den USA, trotz aller Bedenken in der eigenen Bevölkerung: „Aber unter dem Strich profitieren wir alle davon.“ Vizekanzlerin Frauke Fischer sieht man zustimmend Beifall klatschen.

„Die Renten sind sicher“, verliest die Tagesschau-Sprecherin mit ihrem gewohnt emotionslosen Gesichtsausdruck; „das gab Bundessozialminister Norbert Fleurop heute am Rande einer Tagung der Armutsverbände Deutschlands bekannt. Demnach ist aktuell mit keiner weiteren Absenkung des Rentenniveaus ab 2030 zu rechnen, es wird bei den bereits im Jahr 2004 beschlossenen 43% bleiben. Fleurop betonte, dass die private Altersvorsorge weiter ein wichtiger Bestandteil des Sozialsystem sei und dass das Renteneintrittsalter von heute 69 Jahren ständig dem demografischen Wandel angepasst werden müsse. Dabei müssen alle Anstrengungen unternommen werden, Migranten in den Arbeitsmarkt zu integrieren, um den Ausgleich der Rentenkassen zu garantieren.“

Zum Wetter: Vom Westen her vermehrt teils kräftige Regen-, Schneeregen- und Graupelschauer, auch einzelne Gewitter sind möglich. Sehr kühl bei teils nur 5 Grad. Mäßiger bis frischer Südwestwind mit starken Böen und einzelnen stürmischen Böen.


„Na toll. Die Nachrichten sind auch nicht mehr das, was sie mal waren“, denkt sich „Opa“ Sorglos. Wieder merkt er, dass er mit den Jahren zynisch geworden ist und zum Sarkasmus neigt. Im Fernsehen folgt ein „Tatort“, eine Wiederholung aus dem Jahr 2016. „Alter Schinken“. Die anderen Sender bringen auch nichts besonderes. Sorglos greift in eine Pappschachtel mit alten Briefen und Zeitungsausschnitten. Auf dem Deckel klebt ein Vers aus dem Lied „Schön ist das Alter“ von Hannes Wader, geschrieben vor 20 Jahren, 2007:

„Wenn du mich fragst ob es auch eine Zeit,
für mich gab in der Vergangenheit,
den einen oder anderen Tag,
an den ich gerne denken mag?
Dann sage ich ja und behalte für mich was ich weiß,
ich gebe sowieso schon zu viel von mir preis,
Erinnerungen sind dafür da,
dass man sich im Alter mal daran erwärmen kann“.

„Vergangen ist vergangen,
vor der Zukunft graut es mir,
ich lebe lieber jetzt und hier“.

Ihm fällt eine ausgedruckte Mail in die Hände, die er vor elf Jahren zu seinem 59. Geburtstag von einem Freund erhalten hat. Am 25. April 2016. Neben den üblichen Glückwünschen enthält sie Fragen zu seinem Eindruck von den österreichischen Bundespräsidenten-Wahlen, ob man TTIP nun zustimmen oder ablehnen solle und zur Rentendiskussion. Er hat sich den Brief aufgehoben, weil man sich in dem anschließenden Telefonat versprochen hatte, „In zwanzig Jahren ziehen wir mal ein Resümee.“ Handschriftlich hatte er damals vermerkt: „25.04.2016 – principiis obsta – wehre den Anfängen – Wiedervorlage 25.04.36“. Noch neun Jahre. Seine Gedanken wandern in den Supermarkt: „Ob ich dann immer noch Regale einräume? Kann ich das dann überhaupt noch? Was ist, wenn nicht? Muss ich mir eine billigere Wohnung suchen, Essen von der Tafel holen?“ Sein Blick fällt auf den Pappdeckel: „Vor der Zukunft graut es mir, ich lebe lieber jetzt und hier. Prost Stephan!“

Nr. 424 ^.^

4 Kommentare leave one →
  1. 25. April 2016 13:28

    Eine schöne Geschichte – und wenn die Nachrichten heute Abend in elf Jahren tatsächlich so sein sollten, dann graut mir tatsächlich vor der Zukunft 😉
    SMS

    Gefällt 1 Person

  2. Albert permalink
    25. April 2016 19:18

    Der Stefan Sorglos sollte vielleicht nicht zu sorglos im jetzt und hier leben.

    Bis 2030 scheint tatsächlich alles um die Rente geklärt zu sein. Ab dann haben wir die Regelaltersgrenze mit 67 und die Standardrente wird mit 43 % des Durchschnittseinkommens vor Steuern den niedrigsten Stand erreicht haben. Das ist so von der rot-grünen Schröder-Regierung im Rahmen der Agenda 2010 beschlossen worden – mit Zustimmung der Union. Aber was danach kommt, das weiß niemand. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass die Beschlüsse der Agenda 2010 schon rund 13 Jahre alt sind und selbstverständlich von jeder aktuellen Regierung verändert werden können.

    So alt wie die Diskussion um die Renten ist auch die Diskussion um die Wahl des Bundespräsidenten. Soll er vom Volk gewählt werden? Befürworter dessen hat es schon immer gegeben. Ich erinnere nur an 2004, als Merkel und Westerwelle den Horst Köhler aus dem Hut zauberten. Bei anderen Bundespräsidenten-Wahlen bin ich mir nicht so sicher, aber bei einer Abstimmung durch das Volk hätte die Bundespräsidentin 2004 Gesine Schwan geheißen – glaubt man damaligen Umfragen. Noch deutlicher war es 2010 mit Christian Wulff und Joachim Gauck. Von daher würde es mich tatsächlich nicht wundern, wenn wir eines Tages eine andere Regelung haben als die heute gültige, sprich dass der Bundespräsident vom Volk und nicht durch eine Versammlung gewählt wird, deren Zusammensetzung vom Etablissment bestimmt wird.

    Das wollte ich damit eigentlich nur sagen: Wenn wir heute in die Zukunft schauen und uns ausdenken, wie es denn sein könnte, ist ein Blick zurück, wie es denn bisher war, oft ganz hilfreich. Desto mehr Ergebnismengen ich habe, desto zutreffender wird meine Wahrscheinlichkeitsbetrachtung sein.

    Es grüßt der Albert

    Gefällt 1 Person

    • 27. April 2016 11:03

      Das stimmt. Vieles, über das wir heute diskutieren – oder uns darüber aufregen – ist ein „alter Hut“. Nur sind die „alten Hüte“ so lange nicht aktuell, bis jemand kommt, und sich einen aufsetzt.
      Ich glaube, dass die Politik das Renten-Thema nicht aufgegriffen hätte, wenn es die Medien nicht getan hätten. Warum auch? Man weiß zwar um die Probleme, aber warum soll man eine neue Baustelle aufmachen, hat man mit den anderen doch genug zu tun.
      Und die Debatte um die Wahl des Bundespräsidenten ist dem österreichischem Wahlergebnis geschuldet.
      Beide Bereiche könnten allerdings länger aktuell bleiben, denn im nächsten Jahr steht auch bei uns die Wahl des Bundespräsidenten an und Jockel Gauck hat sich noch nicht entschieden, ob er noch einmal fünf Jahre weitermachen will, und „die Rente“ scheint zum Wahlkampfthema der kommenden Bundestagswahl zu werden.
      SMS

      Gefällt 1 Person

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