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Innehalten – statt Schuldzuweisungen

21. Dezember 2016

Montagabend. Mein Handy plingt. SPON sendet eine Push-Nachricht: „Lkw rast in einen Berliner Weihnachtsmarkt, mehrere Tote.“ Ich mache den Fernseher an – und bin erschüttert. Dabei stellt sich mir die Frage – wie sicherlich vielen von uns – war das ein Anschlag, ein terroristischer Anschlag mit islamistischen Hintergrund?

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Stand heute, Mittwochmorgen, wissen wir, dass wir über die Hintergründe und erweiterten Tatumstände so gut wie nichts wissen. Vieles ist möglich aber noch nichts bewiesen. Ein festgenommener Flüchtling aus Pakistan musste wieder frei gelassen werden, weil er nicht als Täter infrage kommt. Es gibt noch viele Fragen – aber statt gemeinsam innezuhalten und Meldungen der Behörden abzuwarten, erlauben sich viele längst Antworten auf diese Fragen und sind vorschnell mit Schuldzuweisungen. Vor allem Merkels Flüchtlingspolitik wird verantwortlich gemacht. Und das alles teilweise mit einer Häme und derartig inhuman, dass ich das nur als beschämend empfinden kann.

Warum?

Anschläge, ob nun mit dem Adjektiv terroristisch oder ohne, haben bildlich gesprochen viele Mütter, aber nur einen Vater: Hass! Sehen wir uns die vielen Anschläge in Europa einschließlich der Türkei in den letzten Jahre an: Alle Täter wurden vom Hass geleitet. Die einen mit einem islamistischen, andere mit einem rechtsextremen Hintergrund. Und wie reagieren viele Menschen drauf? Mit Hass. Hier und jetzt wieder mit Hass auf die Flüchtlinge, auf die Muslime. Ist das nicht absurd? Anschlagstäter wollen vor allem Angst und Schrecken verbreiten, wollen die Gesellschaft spalten, wollen Hass sähen. Wird also teilweise mit Hass reagiert, ist diese Saat bereits aufgegangen und die Täter haben gewonnen. Wir sollten gemeinsam – alle – innehalten und trauern. Würden wir das hinkriegen, dann würden die Täter, die Terroristen, auch verlieren.

Besinnliche Weihnachten

Heute Morgen sagt ein Pastor im Radio, „Unter diesen Umständen ist niemandem fröhliche Weihnachten zu wünschen. Aber besinnliche Weihnachten.“ Ja, besinnen wir uns auf unsere humanitären Werte – bleiben bzw. werden wieder sachlich und bedienen wir nicht all das, was neudeutsch unter „postfaktisch und Fake-News“ fällt. Das wäre gut! Trotz alledem.

Nr. 465

8 Kommentare leave one →
  1. 21. Dezember 2016 12:04

    Lesetipp: Internationale Presseschau zum Anschlag in Berlin
    3 Auszüge, die widersprücherlicher nicht sein könnten:

    Le Monde (Frankreich)
    „Was auch immer die Rechtspopulisten in Deutschland und Frankreich sagen, die die islamistische Gewalt ausnutzen und die EU zerstören wollen: Selbst die Zögerlichsten der 28 Mitgliedstaaten sehen ein, dass ein nationaler Rückzug illusorisch und eine gefährliche Wahnvorstellung ist. Der Kampf gegen den islamistischen Terrorismus läuft über eine verstärkte Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten und nicht über eine Zerstückelung Europas.“

    Telegraph (Großbritannien)
    „Wenn irgendeine Erinnerung nötig ist, warum es richtig für Großbritannien war, die Kontrolle über seine Grenzen wiederzugewinnen, muss man nur nach Deutschland blicken. Ob nun der Horror in dieser Woche in Berlin von jemandem verursacht wurde, der durch Angela Merkels Politik der offenen Tür ins Land gekommen ist – Deutschland hat bereits tödlichen Terror erlitten, der erleichtert wurde durch das Scheitern der EU, seine externen und internen Grenzen zu kontrollieren. Die erste Pflicht eines Staates ist die Sicherheit seiner Bürger; das bedeutet ordentliche Einwanderungskontrollen. Zum Glück wird Großbritannien das bald wieder haben.“

    Magyar Idök (Ungarn)
    „Seit Jahren läutet in Europa der Wecker ohne Unterlass. Aufwachen, alter Kontinent, alte Bevölkerung! Der grüne und reiche Traumstaat der (ideell) Ausgebrannten, der an nichts Glaubenden, der Kinderlosen wird nicht ewig so bleiben können. Da draußen ist eine ganz andere Welt und gewiss, sie wird hierherkommen! Du musst was tun, wenn du das nicht haben willst. (…) In bestimmten westeuropäischen Ländern sind die Werte allzu sehr in die Schieflage geraten. Die politische Korrektheit überschreibt das menschliche Leben. Auf die nüchterne Vernunft hören, gilt schon als Populismus. (…) Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass nun Deutschland oder Europa aufwachen würde. Beide sind fatalerweise zu behäbig und fettleibig geworden, um den Weckruf zu hören.“

    Alles unter diesem Link: http://www.sueddeutsche.de/medien/presseschau-zum-anschlag-in-berlin-deutschland-und-europa-sind-zu-fettleibig-um-den-weckruf-zu-hoeren-1.3304386

    Besinnliche Weihnachten. SMS

    Gefällt 2 Personen

  2. 22. Dezember 2016 10:05

    In Deutschland und Europa läuft die Großfahndung nach Anis Amri, dem mutmaßlichen Attentäter von Berlin. Dank der Dokumente, die der Täter im Sattelschlepper deponierte, gibt es nun einen Verdächtigen. Das ist leider nur auf den ersten Blick ein Erfolg, in Wahrheit könnte dahinter ein furchtbares Versäumnis stehen: Die Sicherheitsbehörden wussten, dass Amri gefährlich war, deshalb hatten sie ihn schon im Sommer abschieben wollen, doch dann verloren sie ihn aus den Augen. Es ist ein schrecklicher Gedanke: Hätte das Attentat verhindert werden können? Zwölf Menschen nicht sterben müssen? Dutzende weitere nicht verletzt werden? Ob die Behörden vermeidbare Fehler machten, ob sie überfordert waren oder die Kapazitäten fehlten, spielt dabei schon fast keine Rolle mehr.

    Für Kanzlerin Angela Merkel ist der schlimmste denkbare Fall eingetreten: Ein mutmaßlicher Täter, der im vergangenen Jahr als Flüchtling nach Deutschland kam. Und überforderte Behörden, ein Staat, der womöglich versagt hat. Mehr Angriffsfläche können Merkel und ihre Flüchtlingspolitik nicht bieten. Selbst diejenigen, die ihre Flüchtlingspolitik im Grundsatz richtig fanden, haben das Staatsversagen der Silvesternacht von Köln kritisiert. Und nun ist es offenbar wieder geschehen, nur schrecklicher. Von jetzt an wird es keine Rolle mehr spielen, dass der Terror wohl auch ohne Flüchtlinge nach Deutschland gekommen wäre, dass die Attentate von Nizza, Paris und Brüssel nicht von Flüchtlingen begangen wurden.

    Vielleicht werden wir jetzt eine Debatte über die Grenzen von Solidarität und Mitmenschlichkeit führen – ehrlicher, offener, das könnte eine Hoffnung sein. Zu befürchten ist, dass es dafür schon fast zu spät ist, dass gar nicht mehr diskutiert wird, sondern nur noch geschrien, beschuldigt, gehasst.

    Text von Christiane Hoffmann – mehr dazu gibt es im neuen SPIEGEL zu lesen.

    Trotzdem, schöne Weihnachten

    Gefällt 3 Personen

  3. 1. Januar 2017 09:53

    Was ist sachlich und was ist unsachlich, wo hat der Staat versagt und wo nicht.
    Es ist viel Wut da, Ohnmacht, man weiss nicht wie man sich ausdrücken soll und darf, ich weiss nur das seit dem eine gewisse Menschen Gruppe hier unkontrolliert eingetroffen ist viel Unheil über uns gekommen ist und recht wenig Positives, auch im Positiven steckt noch viel verborgen wo sich erst Jahre später zeigen wird ob das gut oder schlecht ist für unser Land.
    Ich weiss auch das offene Grenzen nicht gut sind, Grenzen hatten schon immer den Sinn des Schutzes, offene Grenzen sind schön und Klasse für gute Menschen, offene Grenzen sind schön und Klasse für schlechte Menschen, jedoch nicht für Menschen die in Frieden leben wollen.
    Hätte hätte, Fahradkette, laber laber Rabarber, da hilft nicht viel Reden sondern man müsste mehr Handeln, man muss Gesetzte nicht nur machen sondern auch ausführen, und das humane eben einfach gegen Verbrecher etwas zurücksetzten, denn im Ernstfall vernichten diese unsere Kinder, Verwandte und Bekannte.

    Liebe Grüße und ein gutes neues Jahr.
    Lucian

    Gefällt 1 Person

    • 3. Januar 2017 10:00

      Moin Lucian,
      ja, deine Fragen sind berechtig und ich stimme dir zu, dass vorhandene Gesetzte erst einmal ordentlich umgesetzt werden sollen, bevor „man“, sprich viele Politiker, nach schärferen Gesetzen rufen. Denn wir wissen doch alle, dass ein Gesetz nur soviel wert ist, wie die Beachtung auch kontrolliert werden kann. Und die innere Sicherheit ist nicht allein durch Gesetze gegeben, die kann die Legislative machen wie sie will, sondern die Exekutive muss sie auch umsetzen, umsetzen können mit genügend Personal.
      Mit den Grenzen bin ich nicht ganz deiner Meinung. Ich habe das Reisen in einem Europa ohne Grenzen schätzen gelernt und auch die Wirtschaft hat davon profitiert. Besonders die deutsche Wirtschaft. Und Terroristen / Kriminelle haben es auch schon vor dem Schengener Abkommen geschafft, Grenzen unerkannt zu überschreiten. Ich erinnere da an die 70er Jahre ….
      Viele Grüße und ich wünsche dir auch ein gutes Jahr 2017, machen wir das Beste draus! 😉

      Gefällt mir

      • 3. Januar 2017 15:23

        Das mit den Grenzen stimmt schon, damals in den 70igern waren die Grenzen zu und die Terroristen sind in der DDR gesessen und sind nicht soleicht über die kontrollieretn Grenzen rein und raus gekommen, aus der DDR schon weil sie dort meiner Meinung nach viel Unterstützung hatten.
        Die aussage das wir auch vorher oder es schon immer Verbrechen und Terror gab stimmt wohl, jedoch ist es doch sehr auffällig was momentan abgeht und diese Anschläge nur so leicht durch zuführen sind oder waren, weil die Grenzen offen sind und die vorhandenen Gesetzte nicht richtig durchgeführt werden.
        Aber egal wie, es kommt so wie es kommt, der Deutsche hat eben keine gute Ausgangsposition und muss alles was gegen die Menschenheit gerichtet ist doppelt und dreifach überdenken, obwohl ich mich da garnicht verantwortlich für fühle was damals passiert ist ……

        Liebe Grüße
        Lucian

        Gefällt 1 Person

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