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Verständnis

6. März 2017

Huntington_Kampf_der_Kulturen -b300

Niemand muss Huntingtons Buch „Kampf der Kulturen“ gelesen haben, um zu erkennen, dass die Welt nach dem kalten Krieges multipolar und multikulturell geworden ist. Heute bestimmen die unterschiedlichen Kulturen und nicht mehr Ideologien die Weltordnung.

Nein, man muss auch nichts über das Buch gelesen haben, aber es würde vieles vereinfachen. Denn: Huntington vertrat vor mehr als 20 Jahren die Hypothese, dass es im 21. Jahrhundert zu Konflikten zwischen verschiedenen Kulturräumen kommen könnte, besonders zwischen dem westlichen mit dem chinesischen und dem islamischen Kulturraum.

Was hatten wir in den letzten 20 Jahren, was bahnt sich heute an?

Huntington schrieb damals:

Der Westen eroberte die Welt nicht durch die Überlegenheit seiner Ideen oder Werte oder seiner Religion, zu der sich nur wenige Angehörige anderer Kulturen bekehrten, sondern vielmehr durch seine Überlegenheit bei der Anwendung von organisierter Gewalt. Oftmals vergessen Westler diese Tatsache; Nichtwestler vergessen sie niemals.

Mit anderen Worten, es geht um Verständnis:

Der Westen muss zur Vermeidung weltweiter Konflikte auch andere kulturelle Wertvorstellungen verstehen. Es kommt einer Realitätsverweigerung (Verblendung) gleich, wenn die technologische Entwicklung im Westen von uns mit westlicher Kultur oder Verwestlichung gleichgesetzt wird. Die Technologien werden weltweit gerne angenommen, aber die Werte des Westens werden in anderen Kulturkreisen nicht unbedingt als universelle Werte anerkannt. Im Gegenteil.

Andere ernstnehmen und ihre Mentalität berücksichtigen, das sind zweifelsohne wichtige emphatische Voraussetzungen, um zu verstehen. Zugegeben, eine manchmal schwer umzusetzende Tugend. Gleichermaßen muss niemand die Aussagen anderer akzeptieren – das gilt ausdrücklich auch für die von Huntington – doch respektieren sollten wir sie schon. Das könnte helfen „Kämpfe“ zu vermeiden ….

Anmerkung: Ein Bezug dieser Zeilen zu aktuellen Ereignissen ist nicht „rein zufällig“, sondern gewollt.
Fragen: Ist es scheinheilig, wenn wir mit anderen „Kulturkreisen“ unsere Portemonnaies füllende Geschäfte machen, obwohl es große Unterschiede zwischen den „kulturellen Wertvorstellungen“ gibt – die wir sonst als inhuman anprangern? Oder sollen wir die Menschen in Absurdistan einfach machen lassen, was sie wollen, selbst wenn sie sich einen König wählen und auch sonst – für uns – sonderbare Vorstellungen entwickeln?

Die kleine „Meier-Trilogie“: VerblendungVerständnisVerdunstung

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8 Kommentare leave one →
  1. 7. März 2017 10:42

    Guten Morgen.
    Schwere Kost.
    Meine Gedanken dazu:
    Beim „westlichen Kulturkreis“ würde ich zwischen dem angelsächsischen und dem kontinentaleuropäischen Kulturkreis unterscheiden. Aus zweierlei Gründen: Das Vereinigte Königreich war einmal eine Supermacht und fühlt sich manchmal noch als eine, die USA sind heute eine solche und lassen andere spüren, dass sie die einzige sind. Und das Verständnis von Religion und Kirche ist bei den Angelsachsen ein anderes, wenngleich ebenso christlich geprägt.
    „Heute bestimmen die unterschiedlichen Kulturen und nicht mehr Ideologien die Weltordnung.“: Auch das sehe ich nicht ganz so, vielleicht ist es mehr eine Mischung aus beidem geworden. Sicher haben wir mit dem Wegfall des „eisernen Vorhangs“ nicht mehr das freiheitlich-demokratische Lager auf der einen, und das kommunistische-autokratische Lager auf der anderen Seite. Aber nach meiner Auffassung ist Politik immer mit liberalen, sozialistischen, konservativen oder religiösen Ideologien verbunden, eine rein technokratische, unideologische Politik ist nicht die Realität.
    Zu deiner Frage: Für mich ist einerseits die westliche Handelspolitik tatsächlich in vielen Fällen bigott, anderseits „hat jedes Volk die Regierung, die es verdient“. Das wusste schon de Maistre vor über 200 Jahren.
    Auf die Frage „ob man mit einem autoritären Staat überhaupt Handel treiben soll?“, habe ich neulich folgende Lesermeinung notiert: „Man darf die Ökonomie nicht der Moral opfern. So traurig das auch ist, aber wenn die Moral Einzug in die Wirtschaftsbeziehungen hält, können wir den gesamten Außenhandel auf ca. 30 Länder eingrenzen.“
    Egal, ob es nun „30 Länder“ oder ein paar mehr wären, die Bedeutung für unsere Wirtschaft wird deutlich. Also wer auch immer mahnend den Zeigefinger hebt, sollte sich dieser Konsequenzen bewusst sein. Bigotterie hin oder her. Das zum „Verständnis“!
    SMS

    Gefällt 1 Person

    • 8. März 2017 09:25

      Moin.
      1. Mit der Unterscheidung des westlichen Kulturkreises bin ich einverstanden.
      2. Ich will auch nicht widersprechen, dass Politik durch Ideologien geprägt ist. Aber was beeinflusst eine ideologischen Ausrichtung?
      War es bis Ende der 1980er Jahre nicht die Blockbildung, Nato auf der einen, Warschauer Pakt auf der anderen Seite – die ideologisch unterschiedlicher nicht sein konnten? Selbst die blockfreien Staaten hatte grundsätzlich ihre Präferenz für die eine oder andere Seite.
      M. E. – und so interpretiere ich Huntington – sind es mit dem Wegfall nicht mehr die unterschiedlichen Block-Ideologien, die die nationale Politik beeinflussen, sondern stattdessen der eigene Kulturkreis. Wahrscheinlich gibt es aus dem Grunde auch mehr und mehr nationalistische Bestrebungen – Stichworte America first, Brexit, Le Pen, Wilders, usw., usw. Kannst du dir vorstellen, dass es diese nationalen Bestrebungen heute geben würde, wenn es das Bündnis der Warschauer-Pakt-Staaten noch gäbe?
      Ist die Frage „ob man mit einem autoritären Staat überhaupt Handel treiben soll?“ aus eurer Zeitung? Auf alle Fälle hat die Leserantwort was ….
      Grüße aus Scharbeutz

      Gefällt 1 Person

      • 9. März 2017 10:51

        OK, so gesehen widerspreche ich dir nicht. Mit der Auflösung des Warschauer Paktes gibt es diese Ausrichtung nicht mehr und die betreffenden Staaten orientieren sich heute mehr an der eigenen Geschichte, Kultur, aber für mich sind das konservative Ideologien. Gleiches gilt für mich für die nationalistischen Strömungen in den westlichen Staaten – und da bin ich wieder bei dir – weil ein Zusammenhalt wegen der Gefahr durch den kalten Krieg nicht mehr erforderlich scheint. Nur können gerade diese Tendenzen wieder zu einem solchen führen.
        Aktuell aus der Süddeutschen von heute Morgen:
        Gabriel: „Rückfall in die Zeiten des Kalten Krieges um jeden Preis verhindern“
        http://www.sueddeutsche.de/politik/russland-besuch-gabriel-rueckfall-in-die-zeiten-des-kalten-krieges-um-jeden-preis-verhindern-1.3411688
        SMS

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  2. Albert permalink
    7. März 2017 21:27

    Guten Abend.
    Mit Verlaub, ich halte derartige Debatten für viel Wind um nichts. Fragen wir uns doch einmal ganz ehrlich, wen das interessiert? Ich behaupte, dass es 99%, vielleicht auch nur 98%, der westlichen, einschließlich der deutschen Bevölkerung egal ist, wo es welche Staatsform gibt und wie genau es dort mit den Menschenrechten genommen wird.
    „Andere Länder, andere Sitten“, das ist eine uralte Weisheit und nach wie vor aktuell. Und deshalb müssen wir auch nicht darüber diskutieren, wie das mit der Moral und der Ökonomie ist. Wer Zeit und Lust dazu hat und meint sich mit seinem schlechten Gewissen beschäftigen zu müssen, der soll das gerne tun, aber es wird nicht mehr als ein Sturm im Wasserglas dabei herauskommen. Und noch eins: Wer gerne den Moralapostel spielt, der darf schon mal bei sich anfangen und nichts mehr kaufen, was aus Staaten mit moralisch fragwürdigen Verhältnissen kommt, am Besten auch nichts mehr, was nicht fair trade und bio ist.
    Punkt. Albert

    Gefällt 1 Person

    • 8. März 2017 09:44

      Moin.
      Frage: Wenn eine große Mehrheit „nichts tut“, wird es allein dadurch richtig, „nichts zu tun“? Nennt man das dann nicht „Schwarmintelligenz“? Oder kann es sein, dass viele sich keine Gedanken über ihr Handeln machen, weil dadurch nur die Widersprüchlichkeit hervortreten würde, mit der sie sich nicht auseinandersetzen wollen?
      Sicherlich, „Andere Länder, andere Sitten“, und das mag man auch so hinnehmen – im Grunde das, was ich zum „Verständnis“ meine. Nur messen wir nicht oft genug mit zweierlei Maß? Deshalb habe ich auch nicht gefragt, „wie“, sondern „ob“ es scheinheilig ist …? Und diese Frage mag jeder für sich beantworten.
      Grüße aus Scharbeutz

      Gefällt 1 Person

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