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Wenn der Job krank macht …

1. Oktober 2017

Grömitz. Wir gönnen uns Kaffee und Kuchen. So wie früher, wenn wir mal Zeit für eine Pause hatten. „Interne Dienstbesprechung“ nannten wir das dann. Nur blickten wir dabei aus einem unserer Büros auf eine Stadtstraße, nun sitzen wir in einem Café mit Blick auf die See.

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Er sieht nicht gut aus. Alles andere wäre gelogen. Die Krankheit hat ihn gezeichnet. „Schön dass es mit dem Treffen … geklappt hat“, sagt er – ohne „noch einmal“. „Wir müssen immer sehen wie es zwischen den Behandlungen passt, um mal für ein paar Tage raus zu kommen.“ Die Worte seiner Frau klingen fast schon entschuldigend, weil sie sich so kurzfristig bei mir gemeldet haben. „Ich bin doch Rentner und kann mir meine Zeit einteilen“, erwidere ich mit einem Schmunzeln und versuche die Situation ein bisschen aufzuheitern.

Im Laufe meiner letzten Dienstjahre ist mir mein damaliger Büronachbar zu einem, ich sag‘ mal „guten Kumpel“ geworden. Andere würden vielleicht schon „Freund“ sagen. Als ich vor über zwei Jahren von seiner schweren Erkrankung erfuhr, war ich erschrocken. Gesund leben schützt auch nicht vor Krankheiten. Einerseits. Anderseits hat er sich im täglichen Dienstbetrieb viel „zu Herzen“ genommen. Viel zu viel. Er meinte oft zu mir, dass er gerne so ein „dickes Fell“ hätte, wie ich es angeblich haben soll. Nun will er „wieder einen Arbeitsversuch“ starten. Seine Frau schüttelt den Kopf: „Die Arbeit hat dich krank gemacht, mit deinem ersten Arbeitsversuch vor einem Jahr bist du grandios gescheitert – und jetzt willst du es noch einmal versuchen?“ Sie sagt nicht „wieder“ und ihr „noch einmal“ klingt wie „ein letztes Mal“. Einen Nachsatz wie „du spinnst doch“ oder „du bist verrückt“ verkneift sie sich. Ihrem Gesichtsausdruck ist aber deutlich zu entnehmen, dass sie ihn denkt – und dass sie sich deswegen Sorgen macht.

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Beim Spaziergang kommen wir ins Plaudern. Er erzählt mir von einem Kollegen. „Der sieht noch schlechter aus als ich. Jetzt ist er in den Ruhestand versetzt worden. Stress dienstlich, Stress privat, Alkohol – und dann ist er abgestürzt.“ Leider passiert so etwas allzu oft: „Ja, oft bedingt das eine das andere und es entwickelt sich eine Spirale, an deren Ende das Aus steht. Oder die sprichwörtliche ‚Gosse‘ wie bei …“. Er fällt mir ins Wort: „… oder die Kiste wie bei mir. Aber zum Glück haben sie mich ja noch nicht in den Ruhestand geschickt!“ Ich spüre, wie wichtig ihm das ist. Es geht ihm nicht ums Geld, sondern weil ihn die Versetzung in den Ruhestand gedanklich der Endlichkeit seines Lebens ein Stück näher bringen würde.

Er fragt mich: „Hast du das niemals bereut, vorzeitig gegangen zu sein?“ Klare Antwort: „Nein, keine Sekunde! Der Job und mein Bechterew wären doch nur noch mit starken Medikamenten vereinbar gewesen und deren Nebenwirkungen hätten mich richtig krank gemacht. Also scheiß was auf die Abzüge, Lebensqualität kannst du nicht mit Geld bezahlen! Mein Ausstieg mit 50 war trotz der Abzüge eine meiner klügsten Entscheidungen überhaupt!“ Sein Blick verrät Verständnis: „Das glaube ich dir. Das alles hier kannst du jeden Tag haben – ohne Stress, und macht eine ausladende Handbewegung zur Ostsee hin. „Ich muss 300 Kilometer fahren oder kann nur an den Eixer Kiessee gehen. Scheiß Job! Scheiß Stress! Scheiß ….“

Der Rest ist Schweigen. Minuten später verabschieden wir uns an meinem Auto und auf der Heimfahrt frage ich mich, ob das „noch einmal“ passieren wird?

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3 Kommentare leave one →
  1. 1. Oktober 2017 20:24

    !

    Gefällt 1 Person

  2. 1. Oktober 2017 20:45

    😦

    Gefällt 1 Person

  3. Albert permalink
    3. Oktober 2017 19:06

    Macht wirklich immer der Job krank, oder ist es nicht vielmehr die Einstellung des Menschen zum Job?

    Gefällt mir

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