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Meine alte Ottomane (I)

20. Dezember 2017

Ottomane-b1Oder warten auf …, nein, nicht den Weihnachtsmann, sondern die Möbelpacker. Ihre Zeit ist um, nun geht sie den letzten unvermeidlichen Weg und wird demnächst als Rauch durch den Schornstein der Neustädter Müllverbrennungsanlage in den Himmel aufsteigen. Dabei habe ich lange mit mir gehadert, habe immer wieder gesagt: „na ja, sie tut’s ja noch“. Aber nun ist Schluss, die Beziehung ist hin, die kann man nur noch schwerlich durch Zudecken kaschieren.

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Die Möbelpacker wollen zwischen sieben und vierzehn Uhr erscheinen. Das neue Sitz-Schlaf-Möbel rein, das alte raus. Nun warte ich bereits über zwei Stunden neben der mittlerweile von mir in seine Einzelteile zerlegten alten Ottomane. Rund zwanzig Jahre hat sie mich begleitet, besser gesagt „ertragen“. Im wahrsten Sinne des Wortes. Nur gut, dass sie nicht erzählen kann – es muss manchmal „ganz schön belastend“ für sie gewesen sein. Und ich habe Zweifel, ob das neue Teil auch so viel „wegstecken“ kann wie das alte – der Stauraum ist doch etwas kleiner.

Wegen meiner „Altlasten“ werden die Möbelpacker wohl erst am Ende ihrer Tour hier sein. Also Zeit zum Lesen. „Sigmar Gabriel meint, die SPD habe sich zu sehr für Homosexuelle und zu wenig für Industriearbeiter eingesetzt.“ schreibt Margarete Stokowski in ihrer Kolumne auf SPON. Tja, so ist er, der Lehrer aus Goslar. Dabei habe ich seinen Gastbeitrag im SPIEGEL – „eine offene Debatte über Begriffe wie ‚Heimat‘ und ‚Leitkultur‘ zu führen“ – erstens als Selbstkritik verstanden, denn er hatte jahrelang als Vorsitzender den Kurs der SPD zu verantworten, und zweitens nicht geteilt. Zum einen habe ich Probleme mit einer „Leitkultur“ und zum anderen geht das Industriezeitalter seinem Ende entgegen: Zwölf Prozent der Arbeitsplätze sind durch Automatisierung bedroht. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Schon 2015 wusste die damalige Arbeitsministerin und aktuelle SPD-Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles: „Es gilt, zukunftsweisende Modelle zu entwickeln, welche die Fähigkeiten der Menschen mit den technologischen Möglichkeiten von Maschinen sinnvoll kombinieren.“ Ich sag‘ mal …: „Redet nicht nur drüber, tut es einfach! Dann ist auch den ‚Industriearbeitern‘ geholfen und euch bleibt das Schicksal meiner Ottomane erspart.“

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6 Kommentare leave one →
  1. 20. Dezember 2017 12:15

    1. sei froh, dass dein „Schlafsitzmöbel“ eure „Geheimnisse“ mit ins „Grab“ nimmt, und
    2. denke ich, dass Gabriel falsch verstanden wird. Ich interpretiere seine Aussage so, dass die SPD zwar nach vorne schauen muss, aber dabei nicht den Fehler machen darf, Menschen zurück zu lassen oder abzuhängen. Der „Industriearbeiter“ ist doch nur ein Synonym für die, die sich abgehängt fühlen. Den Menschen ist wichtiger morgen noch eine gut bezahlte Arbeit zu haben und weniger die Homoehe. Frage die Arbeiter, die Siemens und General Electric gerade entlässt. Oder die vielen Arbeitskräfte in der Automobilindustrie, die sich nicht nur wegen einer möglichen Automatisierung ihrer Arbeitsplätze Gedanken machen, sondern wegen der andauernden E-Auto-Diskussion schlichtweg Angst haben, zukünftig nicht mehr gebraucht zu werden, weil ein E-Auto von wesentlich weniger Arbeitskräften produziert werden kann, als ein Pkw mit Benzin- oder Dieselmotor. Wichtig ist, dass wenigstens die zukünftigen Arbeitsgenerationen über eine schullische IT-Grundausbildung verfügt, die ihnen den Start in ein digitales Arbeitsleben erleichtert. Aber das ist auch keinen neue Erkenntnis, nur hat sich in Deutschland in der Beziehung bisher nicht viel getan.
    SMS

    Gefällt 3 Personen

    • 20. Dezember 2017 12:29

      Moin. Ich will dir ja nicht unbedingt widersprechen. So kann man es auch interpretieren. Können wir uns darauf einigen, dass sich vielleicht der „Lehrer aus Goslar“ – mal wieder – nicht so ganz glücklich ausgedrückt hat, indem er diese Auslegungsbandbreite zulässt?

      Gefällt 1 Person

    • Albert permalink
      23. Dezember 2017 10:37

      Wir sollten das nicht zu eng sehen. Für mich ist unsere „Leitkultur“ unser Grundgesetz. Das beinhaltet alles Wichtige und gibt uns den Rahmen vor. Darüber hinaus über Kultur und Heimat zu debattieren ist für mich keine primäre Aufgabe der Bundespolitik. Das soll in den einzelnen Ländern, Regionen, geschehen, aus einem ganz banalen Grund: Wir hier in Schleswig-Holstein haben hier und da vielleicht andere Vorstellungen und Gepflogenheiten als die Bayern, weil unsere Mentalität eine andere ist und wir nicht dieselben Traditionen pflegen. Oder hat schon mal jemand ein Biikefeuer am Strand des Bodensees erlebt?
      Eine IT-Ausbildung ist sicherlich sehr wichtig und wird den Start ins Berufsleben erleichtern. Gleichermaßen wäre auch das Grundgesetz mit seinen Grundrechten als Lernstoff hilfreich. Jedes Schulkind sollte lernen, dass im Art. 1 steht „Die Würde des Menschen ist unatastbar“. Und dass mit Menschen alle Menschen gemeint sind, nicht nur bestimmte. Wenn das jedes Kind verinnerlicht hätte, würde es sich vielleicht so manche Handlung oder Aussage im späteren Leben überlegen und davon ablassen.
      Albert

      Gefällt 2 Personen

  2. 13. Januar 2018 13:53

    👍 Hauptsache deine Neuanschaffung ist so bequem wie das alte Teil war 😴

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Trackbacks

  1. Die alte Ottomane (II) | Ich sag' mal ...

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