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Arabische Folklore oder fluide Lage …?

2. Februar 2018

Wer sich ein Politikmagazin wie Monitor im Fernsehen ansieht, der erwartet kritische und keine Jubelbeiträge. Ansagen wie „Im Nahen Osten gibt’s wieder Krieg, der beschert uns weitere Waffenexporte und sichert unsere Arbeitsplätze!“ wird es nicht geben.

Screen-Monitor-Waffenexporte-in-Türkei

Gestern bin ich beim Zappen bei Monitor gelandet. Es ging u. a. um den aktuellen Angriff der Türkei auf Syrien. Anmoderation von Georg Restle: „Laut türkischer Regierung ein Kampf gegen kurdische Terroristen, laut Experten ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg ….“ Im Beitrag ging es um deutsche Waffen im Kriegsgebiet und dass die Türkei von Dschihadisten, wie der als terroristische Vereinigung geltenden Ahrar al Sham, unterstützt wird.

Mit jeder Sendeminute stieg allerdings meine Verwirrung: Das klang mir zu sehr nach Empörung. Selbstverständlich ist jeder Krieg und besonders die Opfer zu beklagen. Aber was ist zu erwarten? Die Türkei ist ein NATO-Mitglied und wurde auch aus Deutschland mit Kriegsgerät beliefert. Nebenbei: Mercedes-Lkw gibt es überall auf der Welt zu kaufen, Motoren für selbst produzierte Fahrzeuge gibt es nicht nur von MTU oder Renk und Heckler&Koch-Waffen werden vielerorts in Lizenz hergestellt, bspw. auch in der Türkei.

Screen-Monitor-Waffen-in-Türkei

Eine Einordnung fällt mir schwer. Zumal die jetzt von der Türkei bekämpften syrischen Kurden bisher als westliche Verbündete im Kampf gegen das Assad-Regime galten und vom Westen dafür mit Waffen beliefert wurden. Die Bundesregierung spricht von einer „fluiden Lage“ und dass eine völkerrechtliche Einordnung bisher nicht möglich sei.

Eine andere Sichtweise hat der Kabarettist Dieter Nuhr (aus seinem Jahresrückblick 2017):
„Kriege im Nahen Osten, da kann man nichts machen. … Da massakriert man sich kontinuierlich seit 8.000 Jahren. Seit da Leute wohnen, wird ständig gleich der Krummsäbel gezogen – das ist ein Teil der arabischen Folklore ….“

Terroristen, Freiheitskämpfer – wer ist was und wer gegen wen? Plötzlich sollen die Guten von gestern die Bösen von heute sein? Wer steigt da noch durch? Ich nicht. Monitor-Restle hat den Beitrag so abmoderiert: „Da führt ein Nato-Partner mit Hilfe islamistischer Terroristen einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen westliche Bündnispartner mit jeder Menge deutscher Waffen und die Bundesregierung spricht von einer fluiden Lage, die sie nicht bewerten will. Geht’s eigentlich noch verlogener?“ Das kann man so sagen. Muss man aber nicht. Ich erlaube mir Hanns Joachim Friedrichs mit seinem Vermächtnis zum Journalismus zu zitieren:
„Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken ….“
Sollte das nicht auch für Politikmagazine wie Monitor gelten? Zumindest die Frage nach der „Verlogenheit der Bundesregierung“ hätte ich mir anstelle von Herrn Restle erspart.

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2 Kommentare leave one →
  1. 2. Februar 2018 20:16

    Kennst du noch Yücel? Vor ein paar Tagen haben wir uns zufällig in der Stadt getroffen. Beim Espresso hat er mir die Hintergründe des Türkei-Krieges erklärt. Ich versuche das hier für dich auf Reihe zu bringen und hoffe deine Verwirrung wenigstens nicht zu vergrößern:

    Yücel war wichtig, dass die Peschmerga, die von unser Bundesregierung mit Waffen gegen den IS beliefert wurden, nichts damit zu tun haben. Die Peschmerga sind die Streitkräfte der Autonomen Region Kurdistan im Irak und der YPG in Syrien nicht unbedingt freundlich gesinnt.

    Die YPG, die jetzt von der Türken angegriffen wird, ist in Syrien der mitlitärische Arm der kurdisch-syrischen PYD und die widerrum ist ein Ableger der kurdischen PKK, die allgemein als terroristische Vereinigung gilt. Auch bei uns, ebenso in den USA, aber nicht in Russland, dort dürfen sie sich frei bewegen.

    Für die Türkei sind also die PKK, PYD und YPG Terroristen, die bekämpft werden müssen. Und das präventiv, bevor sie an der Grenze zur Türkei erstarken, in die Türkei einsickern und dort Unruhe sorgen.

    Für die USA sind die Kämpfer von der YPG jedoch keine Terroristen, sondern Verbündete bei der Verfolgung ihrer eigenen Interessen: Die syrische Assad-Regierung schwächen und den Einfluss des Irans in Syrien eindämmen. Genau das Gegenteil wollen die Russen und deshalb üben sie auch keine Kritik an dem Vorgehen der Türkei.

    Alles klar? Morgen kann das schon wieder anders aussehen, denn es gilt das arabische Sprichwort: „Meines Feindes Feind ist mein Freund.“ Mit anderen Worten: Wenn morgen der Feind meines Feindes nicht mehr sein Freind ist, dann ist er wieder meiner.

    Ich werde mir den Beitrag gleich selber ansehen, Monitor wird jetzt auf tagesschau24 wiederholt.
    SMS

    Gefällt 1 Person

    • 3. Februar 2018 10:09

      Moin.
      Danke für die Aufklärung.
      Aber war die Türkei nicht mal auf der Seite der USA oder des Westens mit dem Ziel, Assad zu stürzen?
      Wenn ich das richtig verstehe, ist die Türkei nun auf die Seite Russlands umgeschwenkt und nimmt Assad als gegeben hin, so lange sie die Hoheit an der Grenze zu Syrien hat? Also kann man das jetzt als konsequente Fortsetzung der Offensive von 2016 sehen?
      Und die Türkei wird von der Freien Syrischen Armee unterstützt, einem Sammelsorium von Kräften, die Assad zwar stürzen wollen, aber nun quasi unter der Obhut der Türkei den Puffer zwischen dem von der der Assad-Regierung kontrollierten syrischen Gebiet und der Türkei bilden – für den die USA eigentlich die kurdische YPG vorgesehen hatte?
      Das ist alles ganz schön verworren ….

      Liken

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