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„Zwei Fragen: was hast du geantwortet und wetten dass …?“

18. September 2018

Scharbeutz – Altweibersommer – Abendspaziergang an der Bucht

Gestern Abend. Das Telefon klingelt. Eigentlich habe ich nach einem ausgedehnten Spaziergang keine Lust mehr auf Konversation, sondern möchte lieber faul auf dem Sofa liegen. Uneigentlich schaue ich doch auf das Display. Es ist mein Journalistenfreund. Ich gehe ran.

„Moin.“
„Ja auch, nur schnell zwei Fragen: Erstens, was hast du geantwortet und zweitens wetten dass, dass Maaßen geht?“
Den zweiten Teil seiner Frage verstehe ich, den ersten nicht: „Wie, wem geantwortet?“
„Na dein Blogbeitrag von heute, was hast du deinem Balkonnachbarn geantwortet?“
„Ach so, das meinst du. Den habe ich gefragt, was er für eine Krankheit hat oder ob ihm die Sonne nicht bekommen ist? Dann bin ich rein. Und Maaßen, na ja, da magst du Recht haben.“
Triumphierend ertönt vom anderen Ende der Leitung: „Ich habe Recht! Das was die WELT heute berichtet, das ist alles inszeniert. Ich habe dir zwei Links geschickt.

Ich widerspreche besser nicht. Mein Freund ist ein alter erfahrener Haudegen und ich habe manches von ihm gelernt: „Schreibe keine Ironie, die versteht der Leser nie“ hat er mir gleich zu Beginn meines Blogger-Lebens eingetrichtert. Später hat er mir aufgezeigt, was alles so von Interessenvertretungen und Lobbyisten an die Medien lanciert wird. Beispielsweise wird – so mein Freund – meist dann über unsere angeblich so marode Bundeswehr berichtet, wenn Beratungen über den Wehretat anstehen. Und als in diesem Dürre-Sommer Ernteausfälle absehbar waren, hat er mir die Forderungen der Landwirte nach Hilfe vom Staat prophezeit. Richtig. Wenige Tage später meldete sich die Landwirtschaftskammer mit einer Milliardenforderung zu Wort. Ihr erinnert euch?

„Das Ergebnis vom Koalitionsgipfel morgen stand schon am Freitagabend fest. Merkel, Nahles und Seehofer haben zwar Stillschweigen vereinbart – aber was glaubst du denn, warum alle drei in den letzten Tagen behaupten konnten, die Koalition wird nicht wegen Maaßen scheitern? Der einzige Grund, warum die sich Freitag auf morgen vertagt haben, ist der CSU-Parteitag vom Wochenende und Seehofer wollte dort keine neue Baustelle. So, und das haben die an die WELT durchstechen lassen und die berichtet nun häppchenweise. Und wer ist die WELT? Springer! Und wer ist Springer? BILD! Und was schreibt BILD: Merkel dementiert den WELT-Bericht nicht! Ich wette mit dir um eine Kiste Härke, dass ich Recht habe!“
„Aber Seehofer hat doch Maaßen sein Vertrauen ausgesprochen“
, wende ich ein.
„Na und? Ein Umfrageergebnis später kapiert auch Seehofer, dass seine krawallige Art selbst bei den Bayern nicht ankommt. Also macht er auf Wendehals und wird sich morgen als großer Einiger präsentieren, dem es zu verdanken ist, dass die Koalition hält. Und Maaßen wird sich in der Rolle des Bauernopfers zu gefallen wissen. Glaub’s mir.“
„Ja, ja. Und am Ende hat BILD Maaßen absichtlich in eine Falle gelockt, um ihn durch Suggestivfragen zu seiner Antwort zu verleiten – wohlwissend, was danach passiert. Wahrscheinlich stammt die Idee dazu aus dem Kanzleramt!“
leite ich das Ende unseres Gesprächs mit einem ironischen Unterton ein.
„Wer weiß? Auszuschließen ist nichts!“

Das Gespräch ist beendet. Die Tagesschau berichtet über das, was die WELT schreibt. Allein die Kommentatorin ist skeptisch. Heute ist Dienstag. Keine (Online)-Zeitung hat das Thema ausgelassen. Damit wissen nun auch alle Nicht-WELT-und-BILD-Leser: Maaßen wird gehen. Wird er es? Und ich frage mich heute Morgen eins: „Haben wir nicht wichtigere Themen, als über den Abgang eines politischen Beamten zu debattieren?“

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13 Kommentare leave one →
  1. 18. September 2018 09:29

    Übe die Wichtigkeit zu entscheiden überlassen die gläubigen Konsumenten den Medien, erst das lässt ein moderiertes Informationssystem funktionieren.

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    • 19. September 2018 11:12

      Moin Puzzle. Eine wichtige Erkenntnis drückst du gelassen aus. Und die Medien sich sich ihrer Rolle als „Vierte Gewalt im Staate“ sicher bewusst ….
      Grüße aus Scharbeutz

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  2. 18. September 2018 09:44

    Moin Sven,
    Deine Reaktion diesem kurzzeitigen „Nachbarn mit Integrationsproblemen“ gegenüber war super… und aus Politik halte ich mich, zumindest in der Bloggerwelt lieber raus. 😉
    Liebs Grüßle in den schönen Norden von Hanne🍀🌞

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    • 19. September 2018 11:07

      Moin Hanne. Ja. Im Moment ist eine junge Familie mit einem Kleinkind da. So ganz geräuscharm ist das nicht. Aber das ist mir tausend mal hoch zehn lieber als ….
      Das habe ich eben schon einmal geschrieben (ich arbeite mich bei den Antworten heute von unten nach oben durch 😉 „Und sich bisweilen bzw. im Blog aus der Politik raus zu halten muss nicht bedeuten gänzlich unpolitisch zu sein. Darum habe ich heute Morgen das in meine Tastatur getickert:“
      https://sven2204.wordpress.com/2018/09/19/was-der-dieter-wohl-dazu-sagen-wuerde/
      Liebe Grüße aus dem Norden in den Süden!

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  3. 18. September 2018 10:44

    Genau, schon meine Oma hat mir ans Herz gelegt , über Politik und Religion nicht in der Blogger Welt

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    • 19. September 2018 11:03

      Den Spruch kenne ich sinngemäß von unserem damaligen Fußballstammtisch her. Zwei Themen waren absolut tabu: Fußball und Politik. Hätten wir damit angefangen, wären wir am folgenden Wochenende wegen zu vieler Verletzte nicht spielfähig gewesen 😉

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  4. 18. September 2018 10:53

    zu diskutieren. (Plöde Handys)
    Immer zu schnell 😉
    Dein Strandbild ist herrlich!
    Jetzt haben wir schon Mitte September und wieder 30°.
    Da kannst du noch prima im Strandkorb liegen.
    Ich hätte aber gerne endlich Regen ☔
    Deine Beiträge lese ich sehr gerne 👍

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    • 19. September 2018 11:01

      Moin Brigitte. Danke.
      Ja das Wetter war hier gestern irgendwie … komisch. Nach meinem Empfinden. Ich habe nichts gegen einen schönen Altweibersommer aber gestern, nee, das war nicht meins. Vielleicht liegt’s daran, dass mein „Untermieter“, der „Herr Bechterew“, ein Sensibelchen ist und diese Wetterumschwünge nicht so mag.
      Egal, dass müssen wir durch! Grüße nach Bremen!

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  5. 18. September 2018 12:15

    Hallo Sven, obwohl mir natürlich der Begriff „Konversation“ bekannt ist, habe ich schnell mal geguckt, was Wiki meint – und das fand ich dann lustig: „unverbindliches, oft nur um der Unterhaltung willen geführtes, zwangloses Gespräch“ und „Die Konversation ist ein Gespräch unter Beachtung von Umgangsformen.“
    Über alles mit Politik halte ich mich jetzt raus.
    Liebe Grüße – heute noch nicht wieder vom Wannsee

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    • 19. September 2018 10:56

      Moin Clara. Dann bin ich ein „unkonservativer Konversationist“? Oder so ähnlich 😉
      Nee, im Ernst: Abends, wenn das Sofa ruft, habe ich meist keine große Lust mehr auf Telefonate. Dann schaue ich schon wer anruft und entscheide ob ich da bin oder nicht 😉
      Und sich bisweilen bzw. im Blog aus der Politik raus zu halten muss nicht bedeuten gänzlich unpolitisch zu sein. Darum habe ich heute Morgen das in meine Tastatur getickert:
      https://sven2204.wordpress.com/2018/09/19/was-der-dieter-wohl-dazu-sagen-wuerde/
      Grüße von der Ostsee in Richtung Wannsse. Genießen wir die schönen Tage!

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  6. 18. September 2018 18:44

    Habe ich Recht oder habe ich Recht? Als Springer-Bild heute Mittag von einer Beförderung Maaßens zum Staatssekretär als eine gesichtswahrende Lösung für alle berichtete, war für mich die Sache durch. Diese Möglichkeit hatte keine andere Redaktion so richtig auf dem Schirm. Aber Springer-Bild-Welt haben es gewusst!
    Maaßen wird also Staatssekretär im Innenministerium unter Seehofer. Wenn die Innenminister gehen, gehen oft auch die Staatssekretäre. Wollen wir wetten, ob Seehofer nach der Bayern-Wahl geht und mit ihm Maaßen?
    Kiste Härke bitte bei mir abliefern!

    Anmerkung, das will ich noch erwähnen:
    Ich lese hier über „aus Politik halte ich mich raus“. Meinetwegen. Aber jeder sollte wissen: Das Leben besteht aus Politik. Politik ist die Regelung aller Angelegenheiten in unserem Gemeinwesen. Es vergeht kein Tag ohne Politik und nichts beeinflusst unser Leben so wie die Politik. Ich meine nur. Denn wer sich raus hält und auf die vorhandene Politik / Regeln keinen Einfluss nehmen will, der sollte sie auch nicht kritisieren. Das hat was von „wasch mich, aber mach mich nicht nass“

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  1. Was der Dieter wohl dazu sagen würde …? | Ich sag' mal ...

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