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Die Geschichte von Nadim

13. Januar 2019

Vorsätze. Vorsätze, weil es nicht nur ein Vorwort ist, sondern Sätze, und diese vor der Geschichte stehen: Ich habe lange überlegt, ob ich diese unvollendete Geschichte erzählen soll? Wen interessiert’s? Vielleicht liegt es an meinem momentanen Langeweilesyndrom, denn statt im Kurzurlaub zu weilen plagt mich mein Herr Bechterew und ich komme nicht so richtig aus der Wohnung raus – was bei diesem feucht-grauen Wetter jedoch kein Verlust ist. Also Zeit genug, um endlich mal wieder meine Ablage aufzuräumen. Dabei stoße ich auf eine Notiz, ein Gespräch am 10. Juli letzten Jahres. Mit Nadim.

Nadim

Travemünde. Ein Spaziergang. Wir haben Wind vom Osten und der drückt das Wasser in unsere Bucht. Von der Promenade aus sehe ich Nadim am Strand sitzen. Er blickt auf’s Meer, neben ihm liegen eine Plastiktüte und ein Buch.

Nadim lerne ich Ende Sommer 2015 im Rahmen meiner ehrenamtlichen Arbeit kennen. Er spricht kaum ein Wort Deutsch. Verständigt wird sich meist auf Englisch, nötigenfalls per ÜbersetzungsApp. Direkt habe ich zwar nichts mit ihm zu tun, aber wir sehen uns fast jede Woche.

Heute, nach drei Jahren Schule, spricht Nadim perfekt Deutsch. Ein unvergessener Schmunzel-Moment ist für mich, als er kurz vor den Sommerferien einen deutschen Mitschüler grammatikalisch korrigiert: „Der Porsche Panamera hat den gleichen und nicht denselben Motor wie der Audi A7 und der Porsche ist schneller als und nicht wie der Audi.“ Ein anderer Schüler kommentiert das auf Französisch anerkennend mit „voilà“ und wird ebenso verbessert, weil die Betonung nicht stimmt und es besser „Chapeau“ heißen müsste. Was für ein kleiner Klugscheißer denke ich mir mit einem breiten Grinsen 😉

Nun sitzt dieser Nadim da am Strand und blickt scheinbar gedankenverloren auf die See hinaus. Wer ist Nadim? Als ich mich seinerzeit über ihn erkundige, erhalte ich die Antwort im Konjunktiv: „Er sagt, er sei Jemenit, sei 14 und heiße Nadim. Über den Verbleib seiner mit ihm geflüchteten Familie wisse er nichts.“ Angeblich hat er deshalb auch keine Papiere.

„Moin Nadim“ begrüße ich ihn. „Oh, hallo Herr Meier. Spaziergang?“ Ich antworte: „Jou, und du?“ Die Antwort lässt auf sich warten und ist mehr eine Frage: „Ich habe gelesen, dass auf der Ostsee am Ende des 2. Weltkrieges auch viele Menschen auf der Flucht ertrunken sind?“ Seine Betonung liegt auf auch. „Ja, zigtausende. Die genaue Zahl kennt niemand.“ antworte ich. „Wie auf dem Mittelmeer, da sind in den letzten Jahren auch zigtausende Flüchtlinge ertrunken, die genaue Zahl kennt auch niemand!“ erwidert er.

Dann erzählt mir Nadim, dass wir in Deutschland eine „Phantomdiskussion“ führen: „In Deutschland tun sie so, als wenn die Flüchtlinge, die über’s Mittelmeer kommen, gerettet werden wollen um danach weiter nach Deutschland zu reisen. Das nennen sie dann Asyltourismus.“ Nadim schüttelt den Kopf. „Die Zahlen passen: Die Organisationen sagen, im letzten Jahr sind 200.000 Flüchtlinge über’s Mittelmeer gekommen und in Deutschland wurden 200.000 Asylanträge gestellt. Dann rechnen sie eins und eins zusammen und glauben, alle Boatpeople sind in Deutschland. So ein Blödsinn! Die Organisationen sagen auch, in Europa sind im letzten Jahr 650.000 Asylanträge gestellt worden. Niemand weiß, wie viele davon über’s Mittelmeer gekommen sind. Es sind wahrscheinlich die meisten. Die Organisationen sagen nur Zahlen, die sie kennen, auch bei den Toten – und die Menschen hier ziehen die falschen Schlüsse daraus. Niemand spricht über die Zahlen, die niemand kennt.“

Nadim holt sein Smartphone aus der Tasche und zeigt mir ein Video, wie ein großes Schlauchboot auf einen Strand zufährt und die Menschen an Land springen. Aufgenommen wurde der Film vom Boot aus. Ich ringe mich durch ihn nicht zu fragen, ob er seine eigene Flucht gefilmt hat. Ich belasse es dabei, dass er mir erzählt was er erzählen möchte.

„Viele Boote schaffen das nicht und gehen im Mittelmeer unter. Die Menschen wollen erst dann gerettet werden, wenn sie wirklich kurz vor dem Ertrinken sind. Wer viel in seine Flucht investiert, will sein Ziel erreichen. Es ist nicht das Ziel, von einem Rettungsboot in den nächsten europäischen Hafen gebracht zu werden, denn dort werden wir Flüchtlinge registriert und wenn wir woanders einen Asylantrag stellen, werden wir irgendwann dorthin zurück geschickt, wo wir registriert worden sind. Ziel ist es, dort einen Asylantrag zu stellen, wo wir hin möchten, ohne vorher registriert worden zu sein. Verstehen sie das?“

Ich denke, ich verstehe Nadim ganz gut. „Und dann wundert man sich in Deutschland, dass viele Flüchtlinge nicht mehr da sind, wenn sie abgeschoben werden sollen. Wissen sie überhaupt, wie viele von uns in der Illegalität leben müssen – um nicht dahin gebracht zu werden, wohin sie nie mehr zurück wollen?“

Ohne auf eine Antwort zu warten wechselt Nadim das Thema: „Sind aus ihrer Familie 1945 auch welche ertrunken?“ fragt er weiter. „Nein. Meine Familie väterlicherseits ist vor den Sowjets über Land geflüchtet. Auf dem Wege sind auch viele Menschen ums Leben gekommen. Meine Vorfahren haben es damals aber glücklicherweise geschafft.“ Dabei zeige ich auf die andere Seite der Bucht, auf Meck-Pom. „Das da drüben war bis 1990 die DDR, erst hieß es Sowjetische Besatzungszone. Weil viele Menschen mit der kommunistischen Diktatur nicht einverstanden waren, haben viele bis zur deutschen Wiedervereinigung versucht aus der DDR zu flüchten. Tausende auch über die Ostsee. Es gibt nur wenige, die es geschafft haben. Die meisten wurden von den Patrouillenbooten aufgegriffen und dann eingekerkert oder sind ertrunken.“

„1990 haben sich auch der Nord- und der Süd-Jemen vereinigt. Jetzt herrscht dort seit Jahren ein schrecklicher Bürgerkrieg, eine große Hungersnot und viele Menschen sind krank. Nach meinem Abitur will ich in Lübeck Medizin studieren und dann den Menschen in meiner Heimat helfen. Ich bin auserwählt das zu können und so werde ich es tun!“ Das sonst so schelmische Gesicht blickt mich ganz ernst an. „Das ist mein Weg und ich werde jeden Stein zur Seite rollen, der mir im Weg liegt! Inschallah!“

Ich traue das Nadim zu. Er ist nicht nur sehr intelligent, sondern auch schlau …. Als ich mich verabschieden will und ihm viel Glück wünsche, stellt er mir noch eine Frage: „Herr Meier, können sie mir erklären, warum es in Deutschland mittlerweile so viele fremdenfeindlichen Stimmen gibt? Ich merke davon zwar hier selbst noch nichts, aber was ich lese, macht mir ein bisschen Angst.“

Au ha. „Nein Nadim, erklären kann ich dir das nicht. Ich kann dir nur meine Meinung sagen: Wir Deutschen helfen gerne und viel. Wir spenden wann immer es nötig ist und als 2015 eine Millionen Flüchtlinge nach Deutschland kamen, wäre das ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer nicht zu schaffen gewesen. Doch dann haben die Menschen gemerkt, dass die Regierung ziemlich planlos reagiert und dadurch ging viel Vertrauen in den Staat verloren. Vielleicht brauchen besonders wir Deutschen immer einen Plan. Weil der nicht erkennbar war, hat das viele Menschen verunsichert. Das wiederum hat es den rechtsnationalen Populisten leichtgemacht, die Gesellschaft aufzuhetzen und zu spalten. Wir haben in Deutschland jedoch kein Problem mit den Flüchtlingen, sondern ein Problem mit rechtsnationalen Populisten, die die Flüchtlinge zum Problem erklären.“

Nachsätze. Ich frage den jungen Mann an diesem 10. Juli 2018, ob ich über unser Gespräch in meinem Blog schreiben darf? “Ja, schreiben sie, aber verwenden sie bitte den Namen Nadim. Ich möchte, dass sie über Nadim schreiben.” Anschließend sitze ich im Auto, lasse seine – bewusst gewählten (?) – Worte Revue passieren und mache mir Notizen. Mit vielen Fragezeichen. Ich bin mir darum in dem Moment gar nicht mehr so sicher, ob ich überhaupt etwas schreiben will. Ich weiß um die Schattenmenschen in Deutschland, in Europa …, ich weiß, dass Flüchtlinge aus dem Jemen im Gegensatz zu anderen Staaten eine fast 100%ige Anerkennungsquote haben, ich weiß … so vieles nicht. Aber eins weiß ich: Ich wünsche Nadim, dass sein Wunsch in Erfüllung geht. Gesehen habe ich Nadim seitdem nicht mehr – was aber hoffentlich nur an mir liegt, weil ich nun andernorts tätig bin.

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11 Kommentare leave one →
  1. 13. Januar 2019 18:55

    Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gibt es mehr als wir denken. Nach einem Bericht der Diakonie waren es 2015, 2016, etwa 60.000, zurzeit sollen es immer noch etwa 30.000 sein. Wegen dieser Zahlen hat das BAMF 2015 einheitliche Regelungen für den Umgang mit den „Unbegleiteten Minderjährigen“ erlassen. Im Behördenjargon werden sie auch UMA genant, unbegleitete minderjährige Ausländer.
    Es gibt Berichte, dass geschätzt ein Drittel der UMA in Wahrheit volljährig sind und dass die Hälfte aller UMA ohne Ausweispapiere bei den Behörden vorstellig werden.
    Als UMA zu gelten hat Vorteile. Sie haben Zugang zu unserem Schulen, werden besser, möglichst bei Pflegeeltern, untergebracht und eine Abschiebung ist deutlich erschwert.
    Seit 2015 werden die UMA wie die erwachsenen Flüchtlinge nach einer festen Quote bundesweit auf die Kommunen verteilt und nicht mehr vom örtlichen Jugendamt in Obhut genommen. Die Verteilung erfolgt nach dem Königsteiner Schlüssel.
    Das sind die Fakten. Über die Gründe können wir nur mutmaßen.

    Gefällt 1 Person

  2. 13. Januar 2019 18:59

    Da muss mehr als nur ein Gefälltmir-Sternchen her, aber was soll man dem Artikel noch hinzufügen, was nicht schon darinsteht? Umfassend und gut.

    Gefällt 3 Personen

  3. 13. Januar 2019 23:09

    Allein durch diese wenigen Worte über Nadim und seine klugen Fragen ist mir der junge Mann sehr sympathisch.
    Ich hoffe, dass er seinen Weg geht!

    Gefällt 2 Personen

    • 15. Januar 2019 10:34

      Moin Clara. Ja, der junge Mann weiß sympathisch zu sein. Oder besser, zu wirken. Mitunter habe ich mich gefragt, was davon Fassade ist, wie es in seinem Inneren aussieht? Aber in die Seele eines Menschen können wir ja schlecht hinein blicken ….
      Grüße von der Ostsee!

      Gefällt mir

  4. 14. Januar 2019 11:43

    Moin Sven.
    Das nasskalte Schmuddelwetter bei uns plagt auch mich bzw meine RheuMa😉 zur Zeit immer wieder und nervt ziemlich. Aber da müssen wir durch gelle und deine Geschichte hier ist faszinierend zu lesen.
    Liebe Grüße von Hanne und komm trotz der unerwünschten Besuche des Herrn Bechterew gut in die Woche 🍀🌞

    Gefällt 1 Person

    • 15. Januar 2019 10:35

      Moin Hanne, danke für die Genesungswünsche. Es geht aufwärts und Herr Bechterew ist dabei auszuziehen 😉
      Ich wünsche dir auch eine schöne Woche!

      Gefällt 1 Person

  5. 17. Januar 2019 00:26

    Hab ich gern gelesen, weil es sozusagen aus erster Hand kommt.
    Dem jungen Mann wünsche ich, dass er sein Ziel erreicht!

    Gefällt 2 Personen

    • 17. Januar 2019 10:06

      Moin Brigitte, danke. Ja, manchmal hören sich Geschichten von Betroffenen ganz anders an, als sie in der öffentlichen Meinung vorherrschen. Und drücken wir dem jungen Mann die Daumen, dass er an sein Ziel gelangt 😉
      Grüße!

      Gefällt 1 Person

Trackbacks

  1. #Wochenstart – der 21. Januar 2019 | Sven Meier erzählt

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