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Mir fällt dazu keine Überschrift ein: FASD

2. Februar 2019

Wahre Worte - Hanneweb-190129b

Der Vers ist ein Ausschnitt der Blog-Seite von hanneweb: “Wahre Worte” – oder wie Karl Valentin heute wohl sagen würde: “Der Mensch is guad, de Leit‘ san schlecht!”

In solchen Momenten denke ich oft an die Kleinsten unter uns, an “sind so kleine Hände”.

Nein, Kinder werden nicht böse geboren, grundsätzlich nicht. Der renommierte US-Psychiater Eric Berne hat sich vor ~70 Jahren in seiner Transaktionsanalyse sinngemäß so ausgedrückt: “Der Mensch folgt einem Lebensskript. Das ist ein unbewusster Lebensplan, der in der Kindheit aufgestellt, von den Eltern beeinflusst und durch spätere Ereignisse gerechtfertigt wird.” Mittlerweile wissen wir, dass das zwar richtig, aber nur ein Teil der Wahrheit ist. Früher sagte man, “das wurde dem Kind mit in die Wiege gelegt”, heute nennen wir es eine unvermeidbare genetische Disposition oder eine vermeidbare embryonale Entwicklungsschädigung: Für all das kann ein Mensch nichts, doch es ist das Papier, auf dem der Lebensplan geschrieben wird.

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Bis vor ein paar Monaten hatte ich noch nichts von FASD (Fetal Alcohol Spectrum Disorder) gehört. Erst als es bei einem von mir ehrenamtlich betreuten Schützling diagnostiziert wurde, habe ich mich damit beschäftigt. Sicher, wir wussten, dass die Mutter des mittlerweile Jugendlichen während der Schwangerschaft alkoholabhängig war, deshalb kam er auch in eine Pflegefamilie. Aber über seine Verhaltensweisen haben wir uns trotzdem mitunter gewundert, konnten sie oft nicht richtig einordnen. Mit dem Wissen von heute relativieren sich die bösen Eigenarten (um bei dem Begriff böse zu bleiben): Antisoziales Verhalten, emotionale Auffälligkeiten und mentale Defizite sind alltäglich. Siehe dazu bspw. FASD bei Schulkindern und das erklärt dann einiges. “Was kann ein Kind dafür, wenn es bereits im Mutterleib durch Alkohol geschädigt wurde?”

Manches erinnert mich dabei an ASS (Autismus-Spektrum-Störungen). Autisten sind zumeist durch genetische Ursachen in ihrer Entwicklung gestört – obwohl sie sehr intelligent sein können: Albert Einstein gilt heute als Genie einerseits, anderseits als ein Asperger-Autist mit diversen Verhaltensauffälligkeiten.

In diesem Kontext hat das o. g. Einstein-Zitat für mich eine besondere Bedeutung. Wenn ich “das Böse” als Begriff weitläufig auslege und manche Verhaltensoriginalität wertneutral als böse einstufe, dann wird schnell klar, dass – egal ob FASD oder ASS – die davon Betroffenen dafür nichts können. Sie benötigen nicht nur unsere Hilfe, sondern ebenso unseren Schutz davor, “das Böse nicht zuzulassen”. Vielleicht hat Einstein das sogar so gemeint, nämlich auch auf sich selbst bezogen?
Beispiel Trump: Sein auffälliges Verhalten veranlasst spätestens seit seiner Wahl zum US-Präsidenten weltweit Psychiater ungefragt Ferndiagnosen medial zu präsentieren. Nach Einstein würde nicht der böse Präsident die Welt bedrohen, egal was ursächlich für das Böse in ihm ist, sondern die Menschen um ihn herum, die ihn unterstützen. Steile These 😉

Plakat der US-Organisation arcmeck.org aus dem Jahr 2013

Hinweis: 1. Mein Beitrag erhebt keinen Anspruch auf wissenschaftliche Korrektheit. Als Quellen dienen mir Unterlagen aus Fortbildungen der Lebenshilfe und eigene Recherchen auf Fachseiten. 2. FASD ist ein Sammelbegriff und steht auch für das fetale Alkoholsyndrom (FAS). 3. ASS führt die unterschiedlichen Autismustypen zusammen.

Bemerkung: Nach meinen Erfahrungen mit einem FAS-Kind, einigen Autisten und Kindern mit ADHS/ADS, habe ich wegen gleichender Symptome bei einer Dipl. Pädagogin nachgefragt. Die Antwort hat mich überrascht: FAS(D) wird meist nur in spezialisierten Kliniken diagnostiziert. Für Kinderärzte und Psychologen ist oft eine andere Diagnose … einfacher, weil sie dann nicht den Alkoholismus in der Familie ansprechen müssen. In Deutschland werden geschätzt jährlich 10.000 Kinder mit FAS(D) geboren, wovon die meisten allerdings ohne Diagnose bleiben und damit auch nicht die Hilfen bekommen, die sie so dringend benötigen.

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8 Kommentare leave one →
  1. 2. Februar 2019 10:13

    Für deinen so interessanten und tiefgründigen Beitrag braucht es eigentlich auch keine Überschrift Sven. Denn umfasst alles, basierend auch auf meinen Beitrag, Zitate im Blog und muss bzw sollte man in sich sacken, arbeiten lassen.
    Liebe Grüße von Hanne und hab noch ein schönes Wochenende 🍀

    Gefällt 1 Person

    • 4. Februar 2019 13:54

      Moin Hanne, stimmt, wenn wir immer wüssten, in welchem Zusammenhang Zitate entstanden sind, wären sie oft anders, oder besser, zu verstehen. Oder dem gilt die Interpretationsfreiheit. 😉
      Das Wochenende war schön, danke, nun lass uns die Woche genießen 😉

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  2. 2. Februar 2019 10:41

    Das fetale Alkoholsyndrom war mir in der Tat auch fremd. Wenn ich das richtig verstehe, wird in Deutschland eines von 80 Kindern mit einer embryonalen Entwicklungsschädigung geboren, weil die Mutter während ihrer Schwangerschaft Alkohol getrunken hat?
    Wahrscheinlich sollten wir uns viel öfters fragen, wenn uns Menschen mit auffälligem Verhalten begegnen, ob sie für uns nicht sichtbar an einer Entwicklungsstörung leiden, für die sie nichts können, mit der sie aber leben müssen.
    Grüße aus deiner alten Kreisstadt

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  3. 2. Februar 2019 11:41

    Korrektur. Meine Frau sagt, die Symptome sind wohl bekannt, früher wurde wegen der dazu gehörenden Gesichtsfehlbildungen oft hinterrücks getuschelt: „Dem Kind steht das Freischießen (Schützenfest) ins Gesicht geschrieben.“ Nur der Fachbegriff als solcher war uns beiden nicht bekannt.

    Gefällt 1 Person

    • 4. Februar 2019 13:57

      Haha, deine Frau ist Ja so klug 😉
      Den Spruch kannte ich allerdings noch nicht, aber stimmt, Kindern mit FAS kann man – so man denn weiß, worauf man achten muss – ihre Behinderung im Gesicht ansehen.

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  4. 3. Februar 2019 14:00

    Danke Sven, einiges war mir bekannt, denn ich betreue ja seit 2004 Kinder über den Großelterndienst. Ich hatte mal einen Jungen mit Asperger Syndrom – sehr interessant.
    Aber eine Frage – ist nur die Alkoholkrankheit der Mutter ausschlaggebend oder kann auch ein alkoholkranker Vater dieses „Gen“ weitergeben?
    Mit Gruß von Clara

    Gefällt 1 Person

    • 4. Februar 2019 14:16

      Moin Clara, die Antwort auf deine Frage ist ein klares JEIN.
      Vorab, ich schreibe das so, wie ich es verstanden habe und maße mir keine wissenschaftliche Korrektheit an!
      Wir müssen unterscheiden:
      1. Durch süchtige Verhaltensweisen, egal ob Alkohol oder anderes Zeugs, können Spuren im Epigenom hinterlassen werden, auch der Mann kann dann über seinen Samen seinen Teil an die Nachkommen „vererben“.
      2. Die embryonale Entwicklungsschädigung bei dem FAS ist allein auf den Alkoholkonsum der Mutter während der Schwangerschaft zurück zu führen.
      3. Es kann natürlich alles zusammen kommen: Eine süchtige Mutter, einen süchtiger Vater, damit kann bereits das Erbgut eines Ungeborenen geschädigt sein – und dann noch reichlich Suchtmittel während der Schwangerschaft.
      Grüße von der Ostsee

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