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Liebe Sprachpolizist*innen

14. März 2019

[671] Gendergerechte Sprache Flyer Hannover 2019b

Frage vorweg: Ist das mit dem * so richtig geschrieben? Ich weiß es wirklich nicht.
Erklärung vorweg: Die folgenden Zeilen sind geschlechtsneutral und nicht diskriminierend gemeint. Ehrlich.

Es gibt Themen, die sind gesellschaftliche Dauerbrenner. Mal mehr, mal weniger, aber sie erledigen sich nicht. Ich neige dann manchmal dazu, mich auch in ein solches zu verbeißen, so wie ich in den letzten Beiträgen über unser Klima mäandert habe. Na ja, und wenn einem Themen erst einmal im Hinterkopf rumwabern, dann fallen einem vielleicht auch eher dazu passende Geschehnisse auf. Mir geht das jedenfalls so. Z. B. wie vor ein paar Tagen, als mir erklärt wurde, dass Hannover per bürgermeisterlicher Order die gendergerechte Sprache eingeführt hat. Ja, ich hatte davon gehört: Aus Lehrer sollten die Lehrenden werden, doch hatte ich das als Anregung aus dem niedersächsischem Kultusministerium verstanden. Als ich in meiner Alten Heimat zwei Lehrenden davon erzählte, kamen prompt die Fragen (sinngemäß):
“Ist das grammatisch überhaupt richtig? Wie passt das zum Partizip Präsens? Ich bin doch gerade kaffeetrinkend, also ein Kaffeetrinkender, oder bin ich ein jetzt ein kaffeetrinkender Lehrender, der zurzeit nicht lehrt, sondern erst morgen in der Schule wieder?”
Ok. Seit einigen Tagen weiß ich, dass das nicht aus dem Ministerium kam, sondern eine Regelung der Stadt Hannover ist (Flyer-Ausschnitt oben). Hannover? Hat dort nicht die Verbannung des Begriffs “Zigeunerschnitzel” von den Speisekarten ihren Ursprung?

[671] Studentenfutter-b

Nun gut. Jedenfalls habe ich in meinem Job Sinti und Roma kennengelernt, die sich als Zigeuner bezeichnen, zigeunisch sprechen und sich nicht diskriminiert fühlen, wenn sie auf einer Speisekarte von einem Zigeunerschnitzel lesen.

Und Jäger? Nein im Ernst: Neulich hatte ich eine Speisekarte in der Hand, wo der Begriff Jägerschnitzel ebenfalls vermieden wurde. Es gab Schnitzel mit einer Paprika- oder mit einer Pilz-Soße. Allerdings hieß das Wienerschnitzel Wienerschnitzel und der Hamburger Hamburger. Na ja, kann man so machen.

Gestern beim Einkaufen, Abteilung für Naschwerk & Leckereien, fragte mich ein jungen Frau, Typ Studentin, ob ich wisse, wo das Studentenfutter zu finden ist. Klar doch. Nur heißt das bei REWE-Eigenmarke ja! nicht mehr Studentenfutter, sondern Nuss-Frucht-Mischung. Äh, ja. Gut zu wissen.

Die sprachliche Gleichstellung aller Geschlechter und Vermeidung diskriminierender Begriffe ist sicher wichtig und ich weiß, dass Gender-Mainstreaming ein erklärtes Ziel der EU ist. Wenn das jedoch in Verbalakrobatik ausartet, quasi zu einer Versubstantivierung des Partizip Präsenz führt, nee, dann weiß ich nicht so recht, ob das so sein muss? Wird etwa die Grammatik für die Gleichberechtigung instrumentalisiert? Ich hoffe nicht, denn zwischen dem biologischen und dem grammatischen Geschlecht gibt es keine Zusammenhänge. Jedenfalls für mich nicht. Aber gut, Sprache war und ist immer im Wandel und vielleicht redet mein Enkelkind mal ganz anders als wir Älteren heute sprechen. Allerdings möchte ich keine Sprachpolizist*innen, die mir vorschreiben, wie ich meine letzten Jahre Deutsch zu sprechen und zu schreiben habe. Sonst fange ich mit Englisch an: Teachers, das sind Lehrer, Lehrerinnen, Lehrende in einem Wort.

Wenn das bisher Geschriebene nicht gewesen wäre, wäre mir auch bestimmt nicht dieser Artikel dazu, sinnigerweise in der schweizerischen NZZ, aufgefallen: ein Interview mit Prof. Krämer vom Verein Deutsche Sprache -> KLICK

So liebe Lesenden: Wer nun Kopfschmerzen hat, der befrage seinen Arzt oder seine Ärztin oder seinen Apotheker oder seine Apothekerin 😉

671

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4 Kommentare leave one →
  1. 14. März 2019 14:51

    Moin Sven. Ich bin begeistert, wie du diese seit ewiger Zeit mehr als nur leidigen und in meinen Augen völlig unsinnigen Themen angesprochen hast, was man inzwischen noch fast endlos erweitern kann.
    Keine Ahnung wer immer wieder solche irrsinnigen Überlegungen bis ins Uferlose ausschlachtet und bei uns tatsächlich durchbringt.
    Aber…. das lass ich nun lieber im Raum stehen, weil leider auch inzwischen typisch deutsch.
    Zigeuner waren immer stolz darauf Zigeuner, ein eigenes Volk zu sein und nicht als Sinti, Roma usw aufgegliedert zu werden.
    Insofern ist es eigentlich eher Diskriminierung des Volkes, wenn der Name in die inzwischen sehr umfangreiche Tabu-Liste aufgenommen wurde. Genau wie inzwischen auch so viele andere sehr liebevolle Bezeichnungen wie z. B. Mohr. Was inzwischen sogar soweit ging, dass es nur noch drei weiße, anstatt weise aus dem Morgenland bei uns geben darf. Eigentlich sehr diskriminierend den dunkelhäutigen Menschen gegenüber.
    Könnte mich da ganz dolle aufregen, weil alles was mal gut, schön und auch absolut nicht diskriminierend war, inzwischen so umgestellt wird, dass es dadurch erst diskriminierend wird.
    Alles eine Sache des Blickwinkels und wie viel andere, wirkliche Probleme im Land dadurch überdeckt werden können, denke ich.
    Liebe Grüße von Hanne, die so, so, oder auch so ganz bestimmt keine Sprachpolizist*in, sondern eher eine Verteidigerin von Sprache, Brauchtum und auch Schönem ist😉🌞🍀

    Gefällt 1 Person

    • 14. März 2019 19:38

      Moin Hanne.
      Bei dem Shit-Wetter hier die letzten Tage hatte ich nichts besseres zu tun als mich im Blog auszulassen.

      Nee, so richtig Lust auf draußen hatten wir nicht, ich schon gar nicht 😉
      Aber morgen Früh geht’s „runter“ zu der Lüdden. Dann ist für die nächsten Tag Schluss mit der Daddelei.
      Ich wünsche ein schönes Wochenende, nebst besserem Wetter als wir es zurzeit haben. Anderseits: Den Regen für unsere tiefen Grundwasserspiegel brauchen wir auch dringend.
      Nun denn, Grüße von der Ostsee!

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      • 15. März 2019 10:02

        Moin, bei uns sieht es auch nicht besser aus und tut doch auch mir zwischendurch mal richtig gut, etwas Dampf abzulassen.😉
        Dann wünsche ich dir gaaaanz viel Spaß mit der Lüdden und überhaupt hier unten, wo das Wetter ja angeblich ab Mitte der Woche viel besser werden soll.
        Liebe Grüße von Hanne und gib schön auf dich acht. 🍀🌞

        Liken

  2. Albert permalink
    19. März 2019 20:55

    Ein heute gelesener Kommentar, der mir aus dem Herzen spricht:
    Mit der gendergerechten Sprache will eine Minderheit ihre abwegige Auffassung durchsetzen, dadurch etwas für die Gleichberechtigung der Frauen zu tun. Abwegig schon daher, weil das sexuelle Geschlecht nichts mit dem generischen Geschlecht zu tun hat. Ein Baum ist kein Mann und eine Wanne keine Frau. Man erkennt es auch daran, dass eine Frau ein Geizhals sein kann und ein Mann eine Heulsuse. Wie soll denn bitteschön gendergerecht gesprochen werden? Wie drückt man das Gendersternchen aus? Die Sprache kommt den Frauen sogar entgegen, da die weibliche Form (weiblich kommt bekanntlich von Weib, das Weib, also sächlich!?) im konkreten Fall gesondert genannt wird: „Zwei Polizistinnen auf Streife…“, die männliche Form aber für beide gilt: „Polizisten fordern mehr Gehalt…“. Wer die Sprache beherrscht, beherrscht die Sprechenden. Das ist schon bei Orwell nachzulesen. Die Sprache gehört aber nicht dem Staat und schon gar nicht den Behörden in Hannover. Sie gehört den Menschen.

    Gefällt 1 Person

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