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Reichsoberbedenkenträger

9. April 2019

Fridayforfuture-Forderungen

Es war Anfang der 90er Jahre – also vor über 25 Jahren. Irgend eine Sitzung und um was es ging, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich jedoch noch gut, wie ein junger Juso, zu der Zeit war er wohl der Braunschweiger Juso-Bezirksvorsitzende, in einem plakativen Redebeitrag Forderungen aufstellte und ich ihm widersprach. Gar nicht mal in der Sache, sondern im Stile wie es mein Großvater mir eingebläut hatte: “Bedenke, jede Medaille hat ihre zwei Seiten!” Worte sind das eine, die Umsetzung das andere. Nach ein paar Jahren in Amt und Würden wusste ich sehr wohl, dass wir für die Umsetzung noch so guter Forderungen nicht nur Mehrheiten benötigen, sondern bisweilen auch die erforderlichen Finanzmittel. Heute nennen wir das Realpolitik. Damals wurden meine Argumente von dem Juso mit einem Wort abgebügelt: “Reichsoberbedenkenträger!” Der damalige Jungsozialist heißt Hubertus Heil und ist heute unser Bundesminister für Arbeit und Soziales. Heute weiß er, was (u. a.) ich damals erklärt habe.

An diese Geschichte musste ich gestern denken, als in den Nachrichten über die Forderungen der #FridaysForFuture-Bewegung berichtet wurde. So sehr wie ich den jungen Leuten in der Sache recht gebe, so sehr bezweifele ich die rasche Umsetzbarkeit ihrer Forderungen. Da bin ich wieder der “Reichsoberbedenkenträger”. Warum? Nur um 2 Punkte zu nennen:

  • In dem Papier heißt es: “Die Verwirklichung dieser Forderungen muss sozial verträglich gestaltet werden …. Diesbezüglich müssen Regierungen entsprechende Konzepte vorlegen.” Genau das ist die Krux: Sozialverträgliche Konzepte. Wenn ich mir die Auswirkungen vorstelle, bin ich über jede konstruktive Hilfestellung der Klimaschützer dankbar, wie diese innerhalb des geforderten Zeitraums sozialverträglich gestaltet werden können. Momentan sehe ich eher eine Überforderung des Staates damit.
  • Weiter heißt es: “Der Staat muss seiner Verantwortung gegenüber der Umwelt und nachfolgenden Generationen i. S. v. Art. 20a GG und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte gerecht werden.” Ja, auch das klingt gut und ist zu unterschreiben. Aber: Ich erinnere mich gelernt zu haben, dass der Staat wir alle sind. Nicht nur die Politik bzw. Regierung. Wir alle sind in der Verantwortung und können/sollten auch etwas tun: Jeder von uns kann/sollte versuchen seinen eigenen persönlichen ökologischen Fußabdruck zu verkleinern. Nur nach dem Staat, sprich nach der Politik zu rufen, hat so etwas wie wasch mich, aber mach mich nicht nass!

Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich haben die jungen Klimaschützer recht, genau wie die der IPCC und allen anderen NGOs. Sinnbildlich gesprochen fährt die Menschheit sehenden Auges gegen die Wand. Noch wäre Zeit abzubremsen, aber wir tun es nicht. Warum nicht? Weil uns der persönliche Hedonismus, um im Bild zu bleiben, der Rausch der Geschwindigkeit, wichtiger ist als das, was kommen wird. Schlimmer noch: Die meisten Menschen hoffen mit ihrer Schwarmintelligenz, dass es nicht so schlimm werden wird. Die Schriftstellerin Leona Siebenschön schrieb 1970, vor fast 50 Jahren: “Es dämmert der Verdacht, daß der ‘point of no return’ auf dem ‘selbstmörderischen Kurs’ zur Selbstzerstörung und Umweltverheerung mit den Mitteln der Wissenschaft allein nicht mehr zu vermeiden ist.” Stimmt. Wir leben in Absurdistan. Und was damals als “point of no return” bezeichnet wurde, heißt heute “Kipppunkt des Klimas”. Aber beides gehören zu den Absurditäten des Lebens und ich sehe – leider – keine realpolitische Chance, in der nächsten Zeit daran etwas zu ändern. Ich irre mich gerne: Im nächsten Monat sind Europawahlen …!

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10 Kommentare leave one →
  1. 9. April 2019 12:48

    NABU, 29. Januar 2019: Kohlekraftwerke endlich auf dem Rückzug – Bundesregierung unter Handlungsdruck
    Nach zehn Jahren klimapolitischem Stillstand der Bundesregierung hat die Kohlekommission Eckpunkte vorgelegt, mit denen endlich wieder Klimaschutz stattfinden kann. Doch: Das Enddatum 2038 für den Kohleausstieg gehört noch auf den Prüfstand! …
    https://www.nabu.de/news/2019/01/25796.html
    Um bei deiner Kehrseite der Medaille zu bleiben: Deutschland ist – wie bei anderen Großprojekten auch – bei der Stromautobahn von Nord nach Süd Jahre im Verzug. Einerseits wollen wir die Akws runter fahren und sollen ebenfalls zeitnah die Kokws abschalten, anderseits kriegen wir den Ökostrom vom flachen Norden nicht in der erforderlichen Menge inden Süden, wo er gebraucht wird.
    Vielleicht weil es zu viele „Reichsoberbedenkenträger“ unter den Entscheidern gibt?

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    • 9. April 2019 13:40

      …und die Franzosen produzieren immer noch Atomstrom und die Belgier und Holländer Kohlestrom genau wie die Dänen… – Alstom läßt grüßen.
      Lufthansa, Luxair und Co lassen Linienflüge von Saarbrücken nach Luxemburg, von Frankfurt nach Luxemburg düsen. Und Opa Fritz braucht eine Leiter, um in seinen nagelneuen Kugar einzusteigen…

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      • 9. April 2019 19:58

        Moin @s. & @giskoe. Ja, ich denke es ginge auch anders, so wir alle denn wollten. Bspw. habe ich neulich irgendwo die Forderung nach einem Verbot von Innlandflügen gelesen. Und „dicke Autos“ mit „dickem Schmutzausstoß“ könnten zumindest „dicker“ besteuert werden. Usw., usw.
        Ein Blick zu alledem in die skandinavischen Länder könnte dabei hilfreich sein.
        @giskoe zu Dänemark: Sage mir bitte wenn ich falsch liege, aber meines Wissens wollen unsere dänischen Nachbarn ab 2030 ohne Kohlekraftwerke auskommen, erzeugen heute schon rund 50% des Strombedarfs aus erneuerbaren Energien und wollen ab 2050 unabhängig von fossilen Brennstoffen sein.
        Grüße aus Scharbeutz!

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  2. 10. April 2019 11:23

    Zumindest hatte ich bis 2010 jede Menge Ersatzteile in dänische Kohlekraftwerke, die nicht gerade alt aussahen, gebracht…

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    • 10. April 2019 11:53

      Moin. Ja, sie hatten und haben ja Kohlkraftwerke, nur werden die weniger. Wie gesagt, Ziel 2030. Wenn ich dich mit ein paar Zahlen langweilen darf:
      Dänemark hat wie Deutschland seine Treibhausgas-Emissionen gemessen am Referenzjahr 1990 bis Ende 2016 um rund 27,5% gesenkt. Dänemark von knapp 70 Mio. auf rund 50 Mio. Tonnen, Deutschland von ca. 1.252 Mio. auf ca. 909 Mio. Tonnen. Pro Kopf heißt das ca. 8,5 in Dänemark zu 11,0 Tonnen in Deutschland. Der EU-Durchschnitt liegt bei knapp 8,5.

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      • 10. April 2019 15:04

        Jo, nur der Einzelne sollte mal überlegen, ob es sinnvoll ist, wie du schon mal geschrieben hast, mit dem SUV zum Bäcker zu fahren… Also immer wieder die gleichen Anforderungen an jeden!

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