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Unsere ÖR-Medien – eine „Lügenpresse“?

3. Mai 2019

Vorweg: Ich bediene mich einer alten nach Aufmerksamkeit buhlenden Presse-Masche: Wenn es zum Ausrufezeichen nicht reicht, wird ein Fragezeichen hinter eine Überschrift gesetzt, die von der Sache her unhaltbar ist. Nein, ich will das mit der “Lügenpresse” weder behaupten, noch will ich unsere Medien derart in Frage stellen. Aber ich weiß sehr wohl, dass das bisweilen geschieht. Der bekannte Journalist Heribert Prantl sagte vorgestern in einem DLF-Interview: “Man reagiert am besten so, dass man gute, kluge, ordentliche, kritische Arbeit macht und sich nicht einschüchtern lässt. Ich bin eigentlich ganz zuversichtlich, dass sich der Vorwurf des Lügenjournalismus dann nicht lange halten werde.” Man beachte seine Wortwahl und kehre sie nur mal gedanklich um!

Pressekodex1-Wahrhaftigkeit

Prantls Zuversicht sollte Ansporn für jeden Journalisten sein. Gut, wer die Nachrichten in den großen Zeitungen bzw. deren Online-Portalen liest, der sollte um deren tendenzielle Ausrichtung wissen. Der SPIEGEL ist eben nicht die Springer-WELT und die SZ nicht die Springer-BILD. Usw.. Aber wie sieht es aus mit den Öffentlich-Rechtlichen, ARD, DLF, ZDF? Klar, wir haben die Presse- und Meinungsfreiheit und dazu gehört auch kritische Fragen zu stellen oder zu kommentieren. Unbedingt. Ich möchte absolut keine österreichischen Verhältnisse bei uns haben! Anderseits sind die durch unsere Gebühren finanzierten Medienanstalten zur Neutralität und Überparteilichkeit verpflichtet. So gibt es immer wieder Vorwürfe über tendenziöse Berichterstattungen und von Verschwörungstheoretikern wird gar eine staatlich gelenkt Manipulation der öffentlichen Meinung durch die ÖR-Medien unterstellt.

Die Ursachen dafür setzen der ÖRR selbst – ohne Zensor. Es ist die Art und Weise, oft eben auch in einem boulevardesken Stil, der sich von den Privat-Medien in nichts unterscheidet. Nur sind die auf Klicks und Verkäufe angewiesen, der ÖRR nicht. So wundert es kaum, dass ÖRR-Gremien eigene Sendungen kritisieren, weil bspw. in Talkshows eine “Alarmistische Zuspitzungen erzeugt wird, die auf negative Erwartungen, Beunruhigung und Angst abzielt.” Unvergessen bleibt auch die ARD-interne Kritik wegen des Eindrucks der Voreingenommenheit während des Ukraine-Konflikts. Dazu “Chemnitz 2018”, usw., da bleibt etwas haften ….

Tweet-dasselbe-dasGleiche-

Haften bleibt eben auch ein durch gewählte Formulierungen erzieltes Bild. Es sind die Feinheiten in unserer Sprache, die ein Bild so oder so erzeugen können. Damit meine ich nicht den Unterschied zwischen dasselbe und das Gleiche (Anm.: @Schreibspecht ist Journalist bei den KN). Angeblich soll mittlerweile lt. Duden – weil jeder Zweite den Unterschied nicht kennt – beides richtig sein. Nein, ich meine die korrekte Wortwahl in den Nachrichten. Ich hatte hier schon das Beispiel mit soll und muss, selbst das ZDF titelt: AfD muss mehr als 400.000 € Strafe zahlen. Nein, das stimmt so nicht, es wäre schön, wenn sie müssten, aber bisher soll die AfD 400.000 € Strafe zahlen, wie sich der BR korrekt ausdrückt (um beim ÖRR zu bleiben).
Andere Beispiele gibt es genug. Das mit der Dürre hatte ich schon: Selbst die Tagesschau macht aus der Pressemeldung des DWD, die Headline ist ein einfacher Satz mit Kausalität und Konjunktiv, eine Überschrift mit Fragezeichen (so wie oben) und im Leadsatz steht eine Warnung, die es vom DWD so nie gegeben hat. Gut, solche Umschreibungen mag man noch als journalistische Freiheit ansehen. Doch wenn der MDR zu einem schweren Unfall “plötzlichen Hagel” als Ursache erklärt und Zusammenhänge suggeriert, ohne die polizeilichen Ermittlungen abzuwarten, dann ist das, na ja, ich sag’ mal: “schlampig”. In einem weiteren MDR-Beitrag hieß es: … wegen eines Hagelschauers und plötzlicher Glätte (sind) knapp 50 Fahrzeuge ineinander gefahren.” Damit scheint alles klar zu sein. Mitnichten! Im Netz gibt es eine Witterungs-Anamnese eines bekannten Meteorologen. Anhand der Daten meint er beweisen zu können, dass es nicht wegen, sondern während eines Hagelschauers zu dem Unfall kam. Die Ursache wäre dann vermutlich “nicht angepasste Geschwindigkeit bei widrigen Witterungsverhältnissen” – und nicht ein plötzlich eintretendes Naturereignis, welches den Unfall unvermeidbar machte. Dieser kleine Unterschied in der Wortwahl – wegen oder während – wird zu einem großen Unterschied bei der straf- und zivilrechtlichen Betrachtung.

Meedia-Lindner-190430

Wer nun meint, ich sei ein Kleinigkeitskrämer, jemand, der Kleinigkeiten übertrieben wichtig nimmt, der sollte das bedenken: Das wichtigste Handwerkszeug der Journalisten ist die Sprache. Durch den Gebrauch unterschiedlicher Formulierungen für denselben Sachverhalt können sie einen positiven oder negativen Beigeschmack erzeugen, der durchaus geeignet sein kann, Leser, Zuschauer oder –hörer zu beeinflussen oder zu manipulieren. Wenn das viele Medien im gleichen Tenor machen, dann stimmt der Lindner-Spruch (Bild). Bei den Privaten mag das vielleicht zur Sicherung ihrer Einnahmen zum Geschäft gehört, die ÖR-Medien müssen sich davon unterscheiden. Der unvergessene Hanns Joachim Friedrichs († 1995), “Mister Tagesthemen” bis 1991, sagte kurz vor seinem Tod  in einem SPIEGEL-Interview dieses Vermächtnis für alle Journalisten:

Das hab‘ ich in meinen fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.

Selbstverständlich war für Friedrichs eine korrekte Wortwahl und eine ausgewogene Berichterstattung. Beides vermisse ich heutzutage gelegentlich bei den ÖR-Medien. Aber nein, zur “Lügenpresse” gehören sie (für mich) deshalb noch lange nicht. Wenn, dann gebührt dieser Titel anderen. Aber ein bisschen mehr Sorgfalt ist sicherlich angebracht. Schließlich erwarten wir wenigstens von dem gebührenfinanzierten ÖRR einen Qualitätsjournalismus. Doch so einfach scheint das nicht zu sein. Diese Aussage stammt vom DLF-Redakteur Marco Bertolaso:

Nachrichtenredaktionen – Kläranlagen für die Sprache
Der Vergleich hört sich nicht sehr schön an – aber Nachrichtenredaktionen sind in dieser Hinsicht wie Kläranlagen. Die Sprache, die uns erreicht, ist an manchen Tagen stärker verunreinigt als der Rhein in den 1970er-Jahren.
Die gesellschaftliche Debatte ist voller Versuche, über Wörter und Begriffe zu manipulieren, zu diskreditieren oder einfach geschickt zu lügen. Wir versuchen, die Nachrichten, die Sie erreichen, von all dem frei zu halten. Unsere Aufgabe ist, zu erklären, was hinter einem Begriff steht.

Heute ist der Tag der Pressefreiheit. Wir müssen uns dieser bewusst sein. Dann gerät – für den Moment – eine falsche Wortwahl in den Hintergrund: Lieber so, als wenn Berichte “von oben” diktiert werden würden.

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6 Kommentare leave one →
  1. 3. Mai 2019 21:11

    Vollkommen richtig: „Das wichtigste Handwerkszeug der Journalisten ist die Sprache. “ – Also bist Du kein „Krümelkacker“ sondern jemand, der die Sprache kennt und deren bewußte Anwendung verlangt. Also mach weiter so! Lege Deinen Finger in die schmerzende Wunde!
    Wünsche Dir ein schönes Wochenende.
    🙂

    Gefällt 2 Personen

    • 11. Mai 2019 08:07

      Moin. Ein Wochenende später: Ich wünsche dir ebenso ein schönes Wochenende und Danke für die Blumen 😉
      Nur mal so am Rande, wie sich ein Meteorologe auf Twitter ständig über „Dummschrieb“ in diversen Medien echauffiert, wenn die über das Wetter nur Blödsinn schreiben:

      Grüße von der Ostsee

      Gefällt 1 Person

  2. 4. Mai 2019 10:48

    Nach der Überschrift habe ich ein Bashing der ÖR vermutet und war gespannt, was folgt. Nichts von Substanz dazu. Aber du hast verstanden, wie es funktioniert.

    Tatsächlich ist seit Jahren bei Umfragen ein Vertrauensverlust auch in die ÖR feststellbar. Das hat Gründe: In den Redaktionen muss mit weniger Personal innerhalb kürzerer Zeit immer mehr erledigt werden. Daruter leidet die Qualität, auch bei den ÖR. Oft genug werden Pressemeldungen ungeprüft übernommen, bestenfalls ein bisschen umgeschrieben, und so passieren die von dir beschriebenen Fehler.
    Natürlich sind die relevant: Warnt die Tagesschau vor einer Dürre, dann ist das wie Öl ins Feuer der Klimaschützer zu gießen. Wenn die AfD nach einer Entscheidung der über der Bundestagsverwaltung stehenden Instanz weniger als die 400000 Euro Strafe zahlen muss, dann werden Interessierte das nicht verstehen, weil das ZDF geschrieben hat, sie müssen über 400000 Euro zahlen. Wenn wir noch nicht einmal den ÖR glauben können, geht Vertrauen verloren.

    Ein Punkt fehlt: Pressemeldungen sind häufig versteckte PR und in den Redaktionen fehlt oft die Sensibilität, das zu erkennen. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte mit den Lungenfachärzten und deren Erklärung zu der zu geringen Feinstaubgrenze. Natürlich behaupten die, aus freien Stücken und eigener Überzeugung gehandelt zu haben. In Journalistenkreisen herrscht jedoch die Meinung vor, dass das eine PR-Masche der Autobranche war. Doch selbst die ÖR haben diese Meldung zunächst ungefiltert übernommen und Gegenstimmen, die das Positionspapier ad absurdum geführt haben, wurden erst später veröffentlicht.

    Die Medien sind die vierte Gewalt im Staate. So oft wie sie das ausnutzen, so oft werden sie auch benutzt. Dazwischen steht Hajo Friedrichs.
    Das war das Wort zum Sonntag am Samstag von S.

    Gefällt 1 Person

    • 11. Mai 2019 08:12

      Moin. Antwort eine Woche später: Danke für deine fachliche Sicht der Dinge. Mit der Pressefreiheit usw. ist es vielleicht wie mit der Demokratie: Es gibt immer etwas zu bemängeln, aber alle Alternativen sind viel schlimmer.
      Grüße aus Scharbeutz

      Gefällt 1 Person

  3. 4. Mai 2019 15:02

    Seid bitte nicht päpstlicher als der Papst.
    Die halbwegs Gebildeten unter uns können ganz bestimmt eine Wertung vornehmen und wissen, daß sie auch bei ARD & ZDF nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen dürfen.
    Die Bildungsfernen interessiert das alles so wie so nicht. Die stopfen weiter ihr Fast-Food in sich rein, schmeißen die Plastikbecher in die Gegend und geben sich so prollig, daß Gedanken über den Klimaschutz (Tagesschau) und Geschwindigkeitsbeschränkungen (MDR) nicht nur nicht aufkommen, sondern unter ihresgleichen überhaupt nicht aufkommen dürfen.
    Last but not least: Für die Klimaskeptiker und Klimawandelleugner ist die gesamte Klimadiskussion so wie so nur eine Lüge, alles Fake-News und da kann Mann formulieren was Mann will, Mann erreicht die nie nicht mehr. Frau übrigens auch nicht.
    So, gleich schaue ich mir die Bestätigung an, daß Hannover heute wieder absteigt. Meine Laune sinkt gerade Richtung Nullpunkt (:

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    • 11. Mai 2019 08:18

      Moin. eine Woche später: H96 ist rechnerisch immer noch nicht abgestiegen, aber heute? BL bleibt spannend. Jedenfalls bis heute 17:20 Uhr.
      Und ja, ich gebe dir recht: Die Besetzung diverser Themen in den Medien spiegelt wahrscheinlich nicht das Interesse der Bevölkerung wieder. Es keimt der Verdacht, dass mitunter viel über etwas berichtet wird, worüber sich nur wenige Gedanken machen.
      Grüße aus Scharbeutz

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