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Haben wir ein Mentalitätsproblem?

14. August 2019

Gestern. Ich steige ins Auto, das Radio geht an und ich höre noch wie irgend so ein Experte den Deutschen ein Mentalitätsproblem attestiert:
„Den Deutschen ist ihre Gründlichkeit wichtiger als Pragmatismus. Die Deutschen versuchen immer alles ganz genau zu machen, 100prozentig, und sie übersehen dabei, dass die letzten 5 Prozent so viel Energie kosten, dass dabei viel Wichtiges auf der Strecke bleibt.“

[695] Die-Deutsche-Gründlichkeit-bAch so. Ich liebe diese klischeehaften Beurteilungen – und zwar so sehr, dass ich den Sender wechsele. Doch dann geht mir die Frage durch den Kopf, ob der Experte nicht recht haben könnte? Ist der BER vielleicht deshalb noch nicht fertig, weil es die Bauabnehmer allzu genau nehmen? Ich erinnere mich an eine Diskussion, dass die Bau- und Schutzvorschriften nicht bis ins kleinste Detail beachtet werden sollten …. Und was ist mit Stuttgart 21? Sind die dort nicht aus ähnlichen Gründen im Zeitverzug? Ganz zu schweigen von der FBQ, dem Tunnel von Fehmarn nach Dänemark, für den die Dänen als Baubetreiber seit Jahren auf eine Baugenehmigung aus Deutschland warten. Ursprünglich sollte die Querung schon fertig sein …, inzwischen wird das Jahr 2028 angepeilt – vorausgesetzt das BVerwG gibt bald grünes Licht.

Heinrich Mann fällt mir ein, ein Satz aus seinem Buch Der Untertan: „Den deutschen Bürokraten macht uns so schnell keiner nach.“ Mag sein, vielleicht war das schon immer so, sein Buch hat er vor über 100 Jahren geschrieben. Entspricht es der deutschen Mentalität, alles immer ganz genau zu machen? Ich weiß nicht. Doch dann fällt mir auch mein „Oppa“ ein, der für mich Zeit seines Lebens genauso kluge Weisheiten parat hatte, wie beispielsweise Heinrich Mann: „Jede Medaille hat zwei Seiten!“ Was ist also die Kehrseite der deutschen Gründlichkeit? Ad hoc fallen mir die eingestürzte Ponte Morandi in Genua (heute vor einem Jahr, 43 Tote) und der ausgebrannte Grenfell Tower in London (vor zwei Jahren, 71 Tote) ein. In beiden Fällen darf wohl behauptet werden, dass Vorschriften nicht gründlich genug gefasst oder beachtet wurden. Ob das die o. g. letzten „5 Prozent“ waren?

Nun ja, es müssen nicht gleich die Extreme bemüht werden. Anderseits fehlt es in Deutschland wirklich am Wichtigen: Vieles ist noch so altbacken analog, hauptsächlich in Verwaltungen und Behörden, dass wir im digitalen Zeitalter nur noch als Mittelmaß gelten. Angeblich gibt es fortwährende Sicherheitsbedenken, um Behördenangelegenheiten online zu erledigen – Bedenken, die so im benachbarten Ausland nicht unbedingt geteilt werden. Und wissen Facebook & Co. nicht so wie so mehr über uns, als staatliche Stellen jemals würden speichern wollen? Über den Datenschutz in den so genannten Sozialen Medien macht sich die Masse der Nutzer nur wenig Gedanken.

So, nun lasse ich euch mit der Frage nach dem Mentalitätsproblem alleine. Hast du eins? 😉 Oder ist die Frage so überflüssig wie ein Planschbecken hier am Ostseestrand? 😉

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6 Kommentare leave one →
  1. 14. August 2019 20:24

    Ich halte es mit denen:
    https://www.baumannundclausen.de/
    🙂

    Gefällt 1 Person

    • 15. August 2019 08:17

      Moin. Oh ja, Baumann & Clausen, die sind hier jeden Tag auf R.SH zu hören.
      Wenn Deutschlands Verwaltungen tatsächlich so arbeiten würden, wie es die beiden Satiriker darstellen, na dann Prost Mahlzeit 😉
      Grüße aus dem Norden

      Gefällt 1 Person

  2. Albert permalink
    14. August 2019 20:29

    NEIN, NEE, NEJ, NO!
    Wir mögen was weiß ich für Probleme haben – nebenbei: Probleme, die manches Land gerne hätte anstelle der eigenen – aber ganz sicher kein Mentalitätsproblem. Auf alle Fälle wir Nordlichter nicht.
    Außerdem: Das mit der Gründlichkeit hat auch seine zwei Seiten: Manches ist wichtig, da gehen nur 100 % damit kein böses Ende kommt, Anderes ist nicht so wichtig, da kann man auch mal fünfe gerade sein lassen. Aber Korinthenkacker gibt es natürlich überall.

    Gefällt 1 Person

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