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Das Klagen der Wirte

27. Oktober 2019

Harz im Oktober 2019. Zunächst ein Blick ins Lexikon: Der Wirt, das heißt so viel wie der Erweisende, also jemand, der uns etwas zukommen lässt. Wenn damit unsere Bedürfnisse befriedigt werden, nennen wir das Wirtschaft. Zum Beispiel Gastwirtschaft. Nur blöd, wenn niemand mehr da ist um sich etwas erweisen zu lassen und seine Bedürfnisse woanders befriedigt. Das musste auch der Wirt dieser Gastwirtschaft in Altenau erkennen. Bezahlt wurde hier zuletzt noch in DM. Seitdem steht der Laden leer und verkommt zur Bruchbude. Und das ist im (West)Harz leider kein Einzelfall, das ist die Normalität.

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[Bild vergrößern] Aber nicht nur Harzer Gastwirte klagen, weil die Kunden (Touristen) ausbleiben. Klagen gibt es bundesweit aus der Land-, Fischerei- und Forstwirtschaft. Alle möchten uns etwas erweisen, natürlich gegen Bezahlung, aber immerhin zur Befriedigung unserer Bedürfnisse, doch entweder werden sie vom Staat oder der Natur in ihrem Handeln reglementiert. Oder von beiden.

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[Bild vergrößern] Es ist noch nicht lange her, da standen an diesem Ort hohe Fichten in Reih und Glied. Nicht, weil die Natur sie so erschaffen hatte, sondern aus wirtschaftlichen Gründen von Menschenhand angepflanzt. Holz für unsere Bedürfnisse. Nach zwei zu trockenen Jahren und dem ein oder anderen Sturm sind die monokulturigen Fichten ein gefundenes Fressen für die Borkenkäfer geworden. Ergebnis: Wald tot. Die Touristen werden sich daran gewöhnen müssen. Im Nationalpark will man nun Natur Natur sein lassen und baut auf den natürlichen Wandel vom Wirtschafts– hin zum Naturmischwald. Das beklagen die privaten  Forstwirte. Sie haben Angst, dass sich so die Borkenkäfer auf ihre Wirtschaftswaldflächen ausbreiten können. Um dem vorzubeugen, werden die befallenen Bäume am Rande des Nationalparks (wie hier) gefällt und abtransportiert. Ob’s was nutzt?

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[Bild vergrößern] Ein Blick von Torfhaus (~ 800 m) auf den Brocken (1141,2 m). Deutlich sind die halbtoten und bereits abgestorbenen Fichtenkulturen in den unteren Regionen zu erkennen. Uns wurde erklärt, dass im Harz die natürliche Mischwaldgrenze bei ~ 800 m liegt und nur darüber, bis zur klimatisch bedingten Waldgrenze bei ~ 1000 m, die Fichten als heimisches Gehölz gelten. Diese Höhen soll der Borkenkäfer nicht so mögen. Und deshalb ist die von gesunden Fichten umgebene Brockenkuppe auch kahl. Ah ha!

Das noch zur Land- und Fischereiwirtschaft: Viele Landwirte klagen und protestieren aktuell gegen das Agrarpaket des Bundesregierung: Weniger düngen, mehr Insektenschutz. Die Landwirte wollen das – platt gesagt – genau anders rum. Und die Fischwirte klagen über die neuen Fangquoten, bspw. werden die erlaubten Fangmengen für Hering und Dorsch in der Ostsee deutlich gesenkt. Und warum das alles? Weil es dem Staat Spaß macht? Bestimmt nicht! Vielleicht liegt es an der Erkenntnis, dass nur ein nachhaltiger Umgang mit den natürlichen Ressourcen auch unsere zukünftigen Bedürfnisse befriedigen kann. Und über die mag sich jeder so seine Gedanken machen. Weniger ist manchmal – auf Dauer – mehr. Tote Wälder, durch Überdüngung verunreinigtes Grundwasser, Insektensterben und ein Rückgang der Fischbestände zeugen davon, dass unsere Natur nicht unendlich auszuquetschen ist. Wie an den Waldanblick im Harz sollten wir uns auch daran gewöhnen – sonst wird aus dem Klagen ein Aussterben der Wirte. Siehe Altenau.

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2 Kommentare leave one →
  1. 27. Oktober 2019 17:59

    Nicht zu vergessen die Kausalität: Solange Menschen glauben, ein Grundrecht auf Fleisch für unter 5 Euro/kg zu haben, solange wird es die unwürdige Massentierhaltung geben, dadurch die Gülle, dadurch überdüngte Felder, dadurch zu hohe Nitratwerte im Grundwasser, dadurch auch hohe Schadstoffeinleitungen in die Ostsee, dadurch weniger Fischnachwuchs.
    mdr.de/wissen/umwelt/ostsee-verschmutzung-100.html
    Nicht die Landwirte sind das Problem, sondern auf ihren Höfen, Ställen und Ländern entsteht es und nur die Landwirte selbst können es lösen. Wenn nicht freiwillig durch Selbstbeschränkungen, dann eben auf staatlichen Druck. Subventionen bekommen sie doch genug und deshalb sollte das auch möglich sein!

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    • 2. November 2019 09:01

      Moin. Ich neige mal wieder dazu dir nicht zu widersprechen. Und gut dass du allgemeinen von Menschen sprichst, denn ich denke, das ist auch ein allgemeines – europäisches – Problem. Deshalb gibt es ja bspw. auch ein Verfahren der EU gg. Deutschland wegen Nichteinhaltung der Nitratwerte im Grundwasser und die Bundesregierung ist in der Pflicht etwas zu tun, weil sonst Strafzahlungen drohen.

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