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… und dann haben sie auf die Flüchtenden geschossen …

6. März 2020

Rückblick: Ich war die letzten paar Tage mal wieder als Supporter unterwegs. Und die einfachste Art der Unterstützung ist die, wenn Mann hauptsächlich faul auf dem Sofa sitzen kann, Beine hoch, und nur aufpassen muss, dass die Kids keinen Blödsinn verzapfen. Dazu ein gutes Buch, das passende Fernsehprogramm – was will Mann mehr 😉

Was ich allerdings in den Nachrichten sehe, das gefällt mir überhaupt nicht. Ich finde es abscheulich, wenn der türkische Präsident Erdogan Flüchtlinge quasi instrumentalisiert und als Druckmittel gegen die EU einsetzt. Ich will das an dieser Stelle aber nicht weiter vertiefen. Als ich in den Nachrichten dann auch noch von Schüssen an der türkisch/griechischen Grenze höre, bin ich entsetzt. Dazu die schreckliche Meldungen und Bilder, wie Griechen Flüchtlingsboote am Anlegen hindern und Gewalt ausüben.

Bevor ich mich über diese Unmenschlichkeiten empören konnte, meldete sich mein innerer Zwilling und zwang mir eines seiner Zwiegespräche auf: „Hallo! Bevor du jetzt lospolterst, erinnere dich erst einmal, wie das vor 75 Jahren hier vor unserer Haustür war! Cap Arcona, schon vergessen?“

Ja, das stimmt. Die Cap Arcona …, grausam! Über vieles wird heute besser geschwiegen und findet sich auch in den allermeisten Nachschlagewerken nicht wieder. Doch Geschichten wiederholen sich, die Geschichtsbücher sind voll davon. Nicht nur 1945 und 2020, immer und immer wieder. Das entschuldigt nichts und passiertes Unrecht rechtfertigt nicht aktuelles Unrecht. Und dennoch können solche Taten als Lehrmaterial in der Soziologie dienen. Getreu dem Grundsatz „Jede Handlung bedingt einer Motivation“ stellt sich die Frage, was hat diese Menschen motiviert so zu handeln, wie sie gehandelt haben?

Meine Familie väterlicherseits waren selbst Flüchtlinge. Ein paar Erwachsene mit Kindern unter 14 Millionen. Allein aus deren Erzählungen weiß ich, dass man den Flüchtlingen, später nannte man sie offiziell Vertriebene, inoffiziell Pollacken, in der späteren BRD nicht immer wohlgesonnen war – vorsichtig ausgedrückt. Wahrscheinlich habe ich aus dem Grund zu dem Thema ein besonderes Verhältnis. Eine besondere Last hatte damals Schleswig-Holstein zu tragen: Wie in keinem anderen Bundesland kamen hier auf vier Einheimische drei Flüchtlinge/Vertriebene. Der Mangel an Wohnraum, Nahrungsmitteln und Arbeitsplätzen war erdrückend und das brachte viel Stress mit sich – wobei meine noch lebenden Zeitzeugen-Verwandten Stress wohl als eine zu euphemistische Bezeichnung tadeln würden. Sei’s drum, die lesen das hier ja nicht. Allerdings habe ich auch Bilder wie das letzte hier im Kopf, wenn ich aktuelle Bilder von Flüchtenden sehe. Und dann tritt meist der eine Zwilling in mir mit dem anderen in ein Zwiegespräch ein. Wenn sie sich nicht mehr duzen, sondern anfangen sich zu siezen, wird’s schlimm 😉

Nach diesem Einwurf bin ich dann mal wieder weg ….

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6 Kommentare leave one →
  1. Albert permalink
    7. März 2020 12:13

    Den Auszug aus dem Artikel der Süddeutschen lese ich heute zum ersten mal.
    Mein Kenntnisstand ist der wie auch bei Wikipedia – Cap Arcona / Exkurs Stutthof-Häftlinge beschrieben. Dem stehen die Erinnerungen von Rudi Witzke auch nicht entgegen.

    Sollte stimmen, was in der Süddeutschen steht, hätte es auch nach dem Bombardemon noch Hinrichtungen gegeben. Das gehört für mich zu den vielen Gerüchten und Erzählungen, für die es keine Quellenangaben gibt. Nur einen Namen zu nennen, der mir im Zusammenhang mit der unrühmlichen jüngeren Gesichte Neustadts noch nie untergekommen ist, reicht mir nicht. Spätestens seit dem Fall Relotius schenke ich solchen Geschichten nur noch bedingt Glauben.

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  2. Albert permalink
    7. März 2020 13:17

    Um nicht missverstanden zu werden:
    1. Ich habe zu dem Namen gegoogelt. Wollenberg ist ein Historiker aus Ahrensbök mit eigenem Wikipedia-Eintrag. Trotzdem hat mir der Name nichts gesagt. Allerdings habe ich nirgends eine Quellenangabe zu dieser seiner Aussage oder eine Wiederholung gefunden.
    2. Letztlich ist es egal, oder nur für Geschichtsschreiber interessant, ob die Menschen vor oder nach dem Bombenangriff hier an Land, am Strand, erschossen oder erschlagen worden sind. Es bleiben ungesühnte Morde. Wenn diejenigen, die darüber etwas wussten, nicht geschwiegen hätten, wäre dir letzte Akte bei der Staatsanwaltschaft nicht vor ein paar Jahren geschlossen worden.

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    • 12. März 2020 10:33

      Moin. Ja, W. ist ein heimischer Historiker und es könnte passen, falls er das denn so gesagt haben sollte. Aber in der Tat, es ist egal, weil ein Mord aus niedrigen Beweggründen vor dem Bombenangriff ist genau so schlimm und verwerflich, wie danach.
      Grüße aus Scharbeutz

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  3. 7. März 2020 18:40

    Offensichtlich sind ja nicht nur die Deutschen dafür „begabt“, grausam zu sein und alles zu verjagen, was ihnen in die „Wohlstands-„Quere kommt. Ich habe schon das Gefühl, dass von dem Herrenmensch aus der Hitlerzeit noch eine ganze Menge übrig geblieben ist.
    Ich schäme mich auch.

    Gefällt 1 Person

    • 12. März 2020 10:54

      Moin Clara. Ja ja, die braune Brut kommt jetzt wieder ans Tageslicht. Na ja, den Kopf raus gehalten haben sie seit 45 ja immer wieder mal, aber jetzt treten sie deutlicher heraus als je zuvor. Meiner Meinung nach.
      Wenn hier an der Bucht jährlich am 3. Mai in Gedenkveranstaltung der Toten gedacht wird, möchte ich nicht wissen, wie viele Einheimische von ihren Vorfahren ahnen, oder vielleicht auch wissen, dass die mit dabei waren ….
      Ich stöbere gerne in solch alten Geschichtsartikeln und -büchern. Interessant, was Mann da manchmal so findet 😉
      Grüße von der heute sehr windigen Ostseeküste mit Shit-Wetter.
      Bleibe gesund – und munter!

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