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CV-Tagebuch 03-26-2020 [SozPsych]

26. März 2020

Operation gelungen, Patient tot. Ihr kennt sicher diesen etwas zynisch klingen Spruch. Meist kommt der zur Anwendung, wenn jemand etwas kaputt repariert hat. Gestern habe ich den aber auch in Zusammenhang mit Corona gehört: Was nützt es, wenn die Alten unter uns zwar den Coronavirus überleben, aber nicht die fremdbestimmt auferlegte soziale Isolation? Sagen wir dann: Operation gelungen, Patient tot?

Nein, die Coronakrise hat nicht nur eine gesundheitswissenschaftliche Seite, wenngleich die medial sehr präsent ist. Auch die wirtschaftliche Seite wird noch beleuchtet, schließlich geht es um Arbeitsplätze und Dividenden. Aber die sozialpsychologische Seite? Die findet wenig Beachtung. Dabei sind es gerade die Alten, die doppelt gefährdet sind: a) durch das Virus, b) durch die Kontaktsperre.

Epidemiologen sagen, die Neuinfektionen müssten soweit sinken, dass wieder jedem neuen Fall nachgegangen werden kann. Dann wären nach und nach Aufhebungen der Beschränkungen möglich. Ja, ok, das ist verständlich.
Dem hat mir jedoch meine Sozial-Tante entgegengehalten, dass mit einer Fortdauer der Isolation insbesondere älteren Alleinstehenden die Vereinsamung droht. Und mit der Einsamkeit gibt es nicht nur die Gefahr einer funktionellen Degenerationen, sondern auch für das Leben: Einsamkeit kann depressiv machen und Depressionen können zum suizidalen Anwandlungen führen. Nur darüber spricht dann niemand.

Die sozialpsychologische Betrachtung der Krise beschränkt sich jedoch nicht nur auf die gefährdeten Alten, auch Familien geraten in den Fokus: Nachweislich, so wurde mir erklärt, gibt es nicht nur eine Zunahme der häuslichen Gewalt, sondern besonders in den Zeiten geschlossener Kindergärten und Schulen auch mehr Fälle von Kindesmissbrauch. Wir wissen, dass Enge Konflikte fördert – nur darüber spricht auch niemand.

Ich denke wir müssen allesamt aufpassen, dass wir nicht sprichwörtlich das Kind mit dem Bade ausschütten. Das wäre absolut blöd.

Was ich noch blöd finde: Auch diese Krise wird leider von einigen klickschlampesken Medien wieder dafür genutzt, um mit reißerischen Überschriften und unsachlichen oder gar falschen Berichten Geld zu verdienen. Nur zwei Beispiele von vielen:

Prof. Drosten wurde darauf via Twitter erklärt, er sei zu naiv gewesen und Medien würden eben so funktionieren. Natürlich ist auch die BILD beim Verdienenwollen vorn mit dabei:

Für mich sind die Journalisten, die so etwas verzapfen (müssen) um Geld zu verdienen, irgendwie arm & bedauernswert. Aber wahrscheinlich sehen die das ganz anders und fühlen sich super geil dabei. Nee, nee!

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18 Kommentare leave one →
  1. 26. März 2020 11:31

    Ziemlich krass, aber war mir schon immer klar wie viel Einfluss, positiv sowie auch negativ die Medien auch auf das Weltgeschehen haben, Sven! Ein eigentlich schon alter James Bond-Film „Der Morgen stirbt“ nie kommt mir dabei aktueller denn je, als James Bond-Fan immer wieder in den Sinn.
    Liebe Grüße von Hanne

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    • 26. März 2020 11:49

      Moin Hilde, ja, nicht ohne Grund spricht man von den Medien als „die vierte Gewalt im Staate“. Und wenn die Medienmacher nicht verantwortungsbewusst mit ihrem Metier umgehen, dann kann das ganz schön doof werden 😉
      Liebe Grüße zurück.
      Übrigens scheint hier gerade die Sonne und ich werde gleich mal schauen, was ob die Ostsee noch da ist 🙂

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      • 26. März 2020 11:56

        Heiße zwar Hanne, aber ansonsten muss ich dir leider wieder recht geben und genau das macht mir bissl Sorge.
        Bei 7ns scheint auch seit Tagen herrlich die Sonne, aber eiskalter Wind und Nachtfröste lassen die Sonnenstrahlen nicht wirklich genießen.
        Soviel ich weiß haut er ure Ostsee, im Gegensatz zur Nordsee ja nicht zeitweise ab und genieße diesen Anblick, vor allem auch die Ruhe dort für mich mit! 😉

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      • 26. März 2020 17:07

        Oh Hanne, oh je. Aber Sven Meier und Namen haben noch die zusammen gepasst. Das hat im Laufe der Jahre schon zu manch peinlicher Anekdote geführt, oh oh 😉

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      • 27. März 2020 09:09

        Namen sind wie Schall und Rauch, wenn nur der Mensch zählt. 😉

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      • 27. März 2020 09:15

        Moin HANNE, das hast du aber schön gesagt, DANKE 😉

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  2. 26. März 2020 11:47

    Hallo Sven, ich für mich ganz privat bin wirklich froh, dass mich diese Kontaktkrise nicht 10 Jahre später trifft. Momentan kann ich mich noch beschäftigen, kann halbwegs beim Telefonieren was verstehen, habe virtuelle Medien zum Austausch, kann lesen und auch fernsehen. Wenn das alles weniger wird und ich da womöglich in einem Heim isoliert liegen würde, könnte ich froh sein, wenn mein Zimmer im fünften Stockwerk läge und ich noch über die Balkonbrüstung käme. Hier zu Haus sind es ja sogar 7 Etagen … mehr will ich nicht spekulieren.
    Man sagt ja, jedes Ding hat zwei Seiten – hier muss die gute Seite von Corona darin liegen, dass sich die Natur ein wenig erholen kann.
    Bei mehr Vernunft der Leute und der Wirtschaft hätte man das vielleicht auch anders hinbekommen.
    Lieben Gruß von der Seniorin!!!!!!… die alle schützen wollen

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    • 31. März 2020 17:25

      Moin Clara. Große Zustimmung.
      Ich bedauere meinen Onkel, der hier in einer Einrichtung lebt. Nach einem Schlaganfall ist er erblindet und hat Kontakt nur noch über seine Ohren. Aber besuchen dürfen wir ihn nicht. Das ist schon alle blöd.
      Mich betrachtet man ebenso als gefährdet, wegen meiner 6 vorne beim Alter – als wenn mich ja irgend jemand dran erinnern müsste – und wegen meiner Autoimmunerkrankung Rheuma. Daran muss mich auch keiner erinnern, das spüre ich jeden Tag. Aber glücklicherweise bin ich / sind wir noch fit genug, die Zeit jetzt gut zu überstehen. Im Gegenteil 😉
      https://svenmeierx.wordpress.com/2020/03/31/das-letzte-maerz-dutzend/
      Im Grunde fehlt uns nix 🙂 außer die Enkelkinder 😦
      Liebe Grüße, bleibe tapfer und komme gut durch die nächste Zeit 😉

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  3. 27. März 2020 11:15

    Die Regierenden stehen zurzeit unter dem Primat der Wissenschaft. Besser gesagt, unter dem Primat einiger wenigen Wissenschaftler. In so einer Krise wie jetzt auf die Wissenschaft zu hören ist sicherlich richtig. Dabei darf alles andere aber nicht aus den Augen verloren werden. Virologen und Epidemiologen sind keine Wirtschaftswissenschaftler oder Volkswirte und ebenso keine Soziologen und Psychologen. Das sollten die Regierenden bei ihren Entscheidungen bitte bedenken.

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    • 31. März 2020 17:27

      Moin. Nun ja – Letztlich hoffe ich doch, dass die Regierenden unter dem Primat der Politik stehen, deren Aufgabe es ist, die wissenschaftlichen Erkenntnisse mit denen der ökonomischen und sozialen in Einklang zu bringen.
      Wir telefonieren mal!

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  4. 29. März 2020 15:35

    Ich möchte in deren Haut nicht stecken und in meiner im Moment auch nicht.
    Ich sag nur Ü70!
    Bleib gesund!

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    • 31. März 2020 17:32

      Moin Brigitte.
      Ich hab’s gerade bei Clara geschrieben:
      Ich bedauere meinen Onkel, der hier in einer Einrichtung lebt. Nach einem Schlaganfall ist er erblindet und hat Kontakt nur noch über seine Ohren. Aber besuchen dürfen wir ihn nicht. Das ist schon alle blöd. Und wie ihn gibt es viele. Alte in Pflegeheimen, jüngere mit Behinderungen in Pflegeeinrichtungen, usw.. Aber nach den Berichten über Einrichtungen, in denen der Virus ausgebrochen ist, ist ein Betretungsverbot sicher der beste Weg.
      Grüße nach Bermen, bleibt munter!

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      • 31. März 2020 18:09

        Ich habe gestern eine Mutter in einem Hospiz gesehen. Die Kinder dürfen sie nicht besuchen. 😥

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