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He seegt so un se seggt so – oder „Verwirren mit Zahlen“

4. April 2020

Scharbeutz-Haffkrug. Nur ein paar Spaziergänger sind am Ostseestrand unterwegs. Alles sehr überschaubar. Keine Wunder: Kurz zuvor mussten wir sehen, wie ein HH-Wohnmobil, Mann & Frau, von der Polizei nach HH zurück geschickt wird. Wenn ich es richtig verstanden habe: „Sie erhalten dann zwei Bußgeldbescheide über je 150 Euro mit der Post“ spricht der Uniformierte, wünschte eine „gute Heimreise“ und steigt in seinen Dienst-Mercedes. Oh ha! Das wird jetzt teuer!

Dabei scheinen wir doch auf einem guten Weg zu sein. So hört und liest man. Allerdings meint meine Lieblings-Mathematikerin: „Journalisten sind keine Mathematiker.“ Auf meine Frage, ob ich sie so in meinem Blog zitieren darf, kam „NEIIIN! Du weißt doch, Pauschalurteile sind nur tendenziös richtig. Es gibt auch wirklich gute Artikel. Aber ….“

In der Tat. Wer das Thema aufmerksam verfolgt, dem ist sicher auch schon die ein oder andere Ungereimtheit aufgefallen. Es muss halt geschrieben, gesendet oder veröffentlicht werden. Immer wieder neu – und dann schreibt der eine so und die andere sagt so. Beim Umgang mit Zahlen werden oft Äpfel mit Birnen verglichen und manch selbst erstellte Berechnung ist nicht unbedingt nachvollziehbar. „Zahlen allein sind von sachlicher Klarheit. Werden die aber falsch interpretiert oder emotionalisiert, dann verunsichert das nur die Menschen!“ Ja, so ist das wohl.

Heute Vormittag sehe ich die Wettervorhersage …

… und denke mir, dass dieses Bild mit der Breite für die späteren Tage durchaus mit den möglichen Auswirkungen der Pandemie vergleichbar ist: In knapp zwei Wochen können wir 20 oder 12 Grad haben. Oder, oder, oder! Und unmittelbar danach spricht der Moderator sinngemäß, dass sich die Zahl der Infizierten nur noch alle 9,5 Tage verdoppelt und wir nächste Woche die erforderlichen 10 und mehr Tage erreicht haben würden, um ab dem 19. April die Einschränkungen wieder lockern zu können. Da ist so immer wieder von Politiker und Wissenschaftlern angedeutet worden und das weckt Hoffnungen.

„Meier, glaube nicht alles was du im Fernsehen oder Internet siehst“, ermahne ich mich und schaue nach, was SZ und Spiegel so schreiben:

Au ha. He seggt 11 und se seggt 9. Wat sall ik glöven? Ik bin verdattert! Na ja, Journalisten sind eben …, nein, nein, das will ich gar nicht sagen. Vielleicht hat jeder nur andere Daten für seinen Logarithmus genommen. Vielleicht. Wenn ich Pi mal Daumen die JHU-Steigerung der letzten 5 Tage nehme [5t*log(2)/log(912/621)], dann kommt mein Taschenrechner wie der Spiegel auf 9,0 Tage Verdoppelungszeit.

Ich wünsche mir nur mehr Sorgfalt und dass Zahlen nicht nur so in den Raum geworfen werden.
Aber Medienkritiken wie die des Journalisten Jakob Augstein: „Medienhysterie … anstatt zu mäßigen, wirkt der Journalismus noch als Brandbeschleuniger.“ (30. März via Twitter), oder die des Medienwissenschaftlers Otfried Jarren, der den ÖR eine „besondere Form der Hofberichterstattung“ vorwirft und von „Systemjournalismus“ spricht (DLF 2. April), teile ich nicht in den Ausmaßen.
Vielleicht ist es so, wie der omnipräsente Virologe Prof. Dr. Christian Drosten am 30. März in einem NDR-Interview sagte: „Mir und anderen Wissenschaftlern werden Aussagen angehängt, die so nicht stimmen. … Ich sehe in der Gesellschaft und den Medien die Neigung, zu dramatisieren und zu überzeichnen.“

Wie auch immer, noch mal zur Wettervorhersage: Die maßgeblichen Wissenschaftler weisen immer auf die unbekannten Größen in ihren Modellberechnungen hin. Sie müssen viele Annahmen schätzen. Auch wenn das bisweilen überhört wird. Dabei ist der Umstand immens wichtig. Niemand weiß z. B., wie viele Infizierte es wirklich gibt. Nirgends! Die Dunkelziffer kann man nur ahnen: Mal 5, mal 10? In den USA mal 20? Wie ehrlich sind die Meldungen bspw. aus China oder Russland? Irgendwann werden wir nachlesen können, dass Studien zufolge …. der Verlauf so oder so eingeschätzt wird. Wie bei der letzten großen Pandemie (Spanischen Grippe) Damals. Vor 100 Jahren. Denn die einzig bekannten Größen sind die Bevölkerungszahl und die der Toten (aus den Ländern, die die ehrlich der WHO melden). Der Rest wir er- und berechnet.

Die aktuellen Zahlen gibt es bei der Johns-Hopkins-Universität und dem Robert-Koch-Institut für Deutschland (mit den bekannten Gründen der Abweichungen durch den Meldeweg in Deutschland).

Habt eine schöne Osterwoche,
trotz alledem – lasst euch nicht verwirren
und fangt euch keinen Bußgeldbescheid ein!

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aktualisiert: 5. April 2020

5 Kommentare leave one →
  1. 5. April 2020 08:00

    Guten Morgen.😷
    So ein Pech aber auch. Jetzt hätte ich Zeit und würde euch besuchen wollen 🚗, aber jetzt darf ich nicht. 🙄
    Bei den ganzen Zahlen gehe ich einfach drüber weg. Die nehme ich nicht so genau. Wie du schon sagst, der eine so, die andere so. Hauptsache die Infektionskurve wird flacher und wir überstehen das alle gut. 🍀
    Lasst dich nicht anstecken und bleibe gesund 😘

    Gefällt 1 Person

    • 9. April 2020 10:25

      Moin. Danke. Du auch. Und stimmt, Zahlen hin oder her, Hauptsache wir überstehen das alle halbwegs glimpflich.
      Grüße von OH nach H 😉

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