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CV-Tagebuch 04-08-2020 [Druck wächst]

8. April 2020

These: Stillstand ist nötig -> Antithese: Stillstand ist doof -> Synthese? (Zeitungen von gestern)

„Moin. Wollen sie verreisen?“ Manchmal spreche ich schneller als ich denke. Der Satz ist noch nicht ganz ausgesprochen, da merke ich, wie meine Frage missgedeutet werden könnte: Dieser Tage hat das Denunziantentum in SH Hochkonjunktur. So hört und liest man jedenfalls. Häufiger Tenor: Hamburger sollen gefälligst in Hamburg bleiben und Ferienwohnungsbesitzer an ihrem Erstwohnsitz. Das ist alles behördlich geregelt und wer dagegen verstößt, der wird von eifrigen Mitmenschen gemeldet. Und außerdem soll niemand durch die Republik reisen.

Ich will an dieser Stelle gar nichts über den Sinn oder Unsinn der ganzen Ein- und Beschränkungen sagen. Dazu hat sicher jeder seine eigene Meinung. Und ob die Akzeptanz all dessen dadurch steigt, dass jedes Bundesland sein eigenes Verbots-Regelwerk verkündet hat, mag auch jeder gut oder doof finden. Es lebe der Föderalismus und die Meinungsfreiheit 😉

Egal, zurück zu meinem Nach-Nachbarn, Typ rüstiger Rentner, der justement einen Reisetrolli in sein Auto lädt. „Ja, ich fahre zu meiner Tochter.“ Aus Gesprächen weiß ich, dass die irgendwo unten im Süden in Baden-Württemberg wohnt. Um einer falschen Interpretation meiner Frage zu vorzubeugen, erkläre ich halbwahrheitsgemäß, dass ich daran auch schon gedacht habe. Und dann setzt er zu seiner Rechtfertigung an: „Wissen sie, bei uns in Ostholstein sterben jeden Tag statistisch 6 Menschen. Seit dieser ganzen Verbots- und Sperren-Geschichte sind das über 100 Menschen in zweieinhalb Wochen, die wegen ihres Alters, wegen einer Krankheit oder eines Unfalls gestorben sind. Und Corona-Tote? Null. Null! Im Gegenteil: Wir haben 52 Infizierte. Kumuliert 52! Wie viel sind davon schon wieder genesen? 12? Jetzt suchen sie mal 40 Menschen unter 200.000 von Fehmarn bis Bad Schwartau, von Eutin bis Grömitz. Und außerdem geht die Belegung von Krankenhausbetten wegen Corona schon den zweiten Tag in Folge zurück.“ Der Mann hat’s mit Zahlen, ich glaube, der war mal Buchhalter. Jedenfalls habe ich keine Lust auf eine Diskussion. „Wissen sie, ich kann nicht hier rum sitzen und nichts tun, während meine Tochter am Rad dreht. Zwei kleine Kinder, Kindergarten zu, dazu ihr Job. Die braucht mich jetzt.“
Ich wünsche ihm eine gute Fahrt und dass er gesund zurück kommen soll.

Auch dieses Lokal hat geschlossen, der Betreiber versucht’s mit Humor 😉

Der Mann hat vielleicht gar nicht mal so Unrecht. Zahlen sind das eine, die sozial-psychischen und die ökonomischen Faktoren das andere. Um es nicht zu vergessen: Die Flatten-the-Curve-Strategie will erreichen, dass es zu keiner Überlastung unseres Gesundheitswesens kommt. Nicht mehr und nicht weniger. Dazu passt die aktuelle Aufforderung des deutschen Ethikrats an die Regierenden, eine breitere Debatte über die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen zu führen. Das wäre gut so, denn wir alle wünschen uns, so denke ich, eine Perspektive, ein Hoffnungsbild. Der Druck auf die Politik wächst! 

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und bleibt gesund! Oder werdet es!

7 Kommentare leave one →
  1. 8. April 2020 18:23

    Ich sehe die Lage bei uns im Norden nicht so entspannt wie dein Nachbar. Wir sind nur später dran. Nur weil bei uns die Inzidenz noch niedriger ist als anderswo, sollte das nicht zum Anlass genommen werden, quer durch Deutschland zu fahren.
    Was mich allerdings aufregt, das ist der Flickenteppich an Verboten. Die absolut ungleichen und widersprüchlichen Einschränkungen in den einzelnen Bundesländern sind für mich Zeichen von Aktionismus. Oder wer kann mir erklären, warum ich von Lübeck 100 km nach Hamburg fahren darf, aber nicht 30 km nach Mecklenburg?
    Warum sollen Besitzer erst ihre Zweitwohnungen in SH verlassen, wenn sie dann doch bleiben dürfen, aber nur, wenn sie schon hier waren, und warum dürfen sie nicht zurückkommen, wenn sie einmal nachhause zum Wäschewechseln fahren? Gefühlt halte ich dieses Hick-Hack wie Kubicki für rechtswidrig.
    Jetzt noch, ich habe es eben in der LN gelesen, der Konflikt zwischen Hamburg und SH wegen Radfahrern und Fußgängern, die von Hamburg kommend die Landesgrenze überqueren. Denen das zu verbieten, während es umgekehrt erlaubt ist, grenzt für mich an kleinstaatliches Denken und schießt für mich weit über das Ziel hinaus. Wie du geschrieben hast: Ziel der Maßnahmen ist, dass es zu keiner Überlastung unseres Gesundheitswesens kommt. Das scheint gelegentlich vergessen zu werden. Stattdessen wird Streit produziert, der so überflüssig ist wie das Virus selbst.
    Durch dieses Rumgeeiere hat sich unser Ministerpräsident Günther nicht wirklich als Krisenmanager empfohlen. Wer jetzt in Deutschland noch die uneinheitlichen Regelungen in den EU-Mitgliedsstaaten moniert, der soll bitteschön erstmal bei uns vor der eigenen Haustür kehren.
    Bleibt gesund 🙂

    Gefällt 2 Personen

    • 9. April 2020 10:33

      Moin. Stimmt. Von Sonntag bis gestern hat sich die Zahl der Verstorbenen in SH verdoppelt. Wir sind damit sicherlich noch nicht durch. Und wenn ich mir die Zahlen rings um uns herum anschaue, dann werden wir (und MeckPom) wahrscheinlich diese Zahlen auch noch kriegen. Das Virus wird wohl kaum sagen: Schleswig Holstein ist so ein schönes Land und die Leute so liebe, deswegen machen wir da einen Bogen drum.
      Bleibe gesund, bis denne!

      Gefällt 1 Person

  2. 8. April 2020 22:58

    „Das Leben, das wir in den letzten Wochen führen, hat sich ja geändert und natürlich kommt dort eine Ungeduld und auch verständlicherweise ein Wunsch nach Lösung und nach Änderung. Aber ich kann nur noch mal sagen: Wir müssen über dieses Virus und über die Krankheit mehr lernen und die Leute dürfen das Virus nicht unterschätzen. … Ich persönlich kann mir vorstellen, dass es vielleicht schrittweise bestimmte Änderungen gibt. Aber wie gesagt, das ist die Aufgabe der politischen Entscheider, das zu tun. “
    RKI-Präsident Wieler,
    heute im Deutschlandfunk
    Noch Fragen? Diese beiden Sätze sagen doch alles!
    Ich möchte bei uns keine Zahlen haben wie in Italien, Spanien, Frankreich, Belgien, Niederlande, Großbritannien, allmählich auch Schweden, die offensichtlich, wie Großbritannien, mit ihrer Politik der Herdenimmunisierung fürchterlich gescheitert sind und mittlerweile fast dreimal soviele Tote pro 100.000 Einwohner haben wie Deutschland.

    Gefällt 1 Person

    • 9. April 2020 10:38

      Nochmal Moin.
      Wo Prof. Dr. Wieler recht hat, da hat er recht – will damit sagen, dass ich seine Aussagen unwidersprochen hin und ernst nehme.
      Nein, die Zahlen unserer Nachbarländern will sicher keiner bei uns haben. Aber a) können wir sehen, in welche Richtung es noch bei uns gehen kann, und b) hat unsere Regierung wohl doch sehr viel richtig gemacht, wenn wir deutlich unter den Zahlen der anderen Staaten bleiben sollten.

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