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Meiers Rückblick 20/04 in 100 Sekunden

1. Mai 2020

April 2020: Monat 2 seit oder mit Corona. Vor knapp sieben Wochen herrschte hier an der Küste noch Jubel, Trubel, Heiterkeit. Der Rest ist Krise. Bisher hat eine große Mehrheit den Regierenden vertraut und die beschlossenen Maßnahmen akzeptiert. Allerdings mehren sich die Klagen, auch vor Gerichten, weil die Verhältnismäßigkeit oder Sinnhaftigkeit von Einschränkungen nicht immer bzw. immer weniger geteilt wird. Das hängt zum Teil mit unserem föderalen System zusammen, es hat aber auch eine ethische Komponente und jedes Bundesland entscheidet in eigener Zuständigkeit über Verbote, Beschränkungen und deren Lockerungen.

Ein Blick nach Schweden, weil das Land zurzeit oft als Beispiel für einen lockeren Umgang mit der Viruskrise genannt wird: Der schwedische Schriftsteller Aris Fioretos sagte vor Tagen in einem Interview mit Verweis auf das Lenin-Zitat „Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“:
„Die ganze Welt ist im Moment leninistischer als Schweden.“
Und Napoleon sagte einst: „Am Ende einer Schlacht werden die Toten gezählt.“ Aktuell sieht das nicht gut aus für die Schweden.
Jedenfalls wird aus unserem geplanten Urlaub im Norden nix, die Bundesregierung hat die aktuelle Reisewarnung bis zum 14. Juni verlängert. Am 13. wollten wir zurück sein. So bleibt nur ein Foto vom Haus unserer Bekannten 😉 Aber ist sicher besser so!

Rückblickend kann man natürlich immer sagen: Hinterher ist man schlauer. Das klingt trivial, ist es aber in dieser Krise nicht. Wer heute zu entscheiden hat, muss sich auf Daten stützen, die teilweise auf Annahmen basieren. Etwas Besseres haben wir nicht, um Entwicklungen abzuschätzen. Vieles bleibt im Ungenauen, es gibt keine Blaupausen für das alles hier. Damit müssen wir leben, ebenso mit der Einsicht, dass sämtliche Gedankenspiele spekulativ sind. Deshalb ist es keine Schande zuzugeben, schon gar nicht für Wissenschaftler, wenn man heute aufgrund neuer Erkenntnisse nicht mehr seiner Meinung von gestern ist. Das gilt insbesondere für eine zweite Infektionswelle, vor der dieser Tage häufig gewarnt wird.

Präventionsparadoxon

Der RKI-Vizepräsident Prof. Schaade findet es paradox, dass zunehmend die bisherigen Maßnahmen infrage gestellt werden:
Bei uns war doch bisher alles nicht so schlimm, Kliniken waren nicht überlastet, ergo hätte es des Shutdowns in dem Ausmaße gar nicht bedurft.
Hallo? Ja genau das war doch das Ziel und das haben wir erst einmal erreicht. In der Soziologie nennt man das ein Präventionsparadoxon: Wir sehen die Schäden nicht, die ausgeblieben sind, weil wir sie verhindert haben. Die legendäre Ruth Bader Ginsburg hat ein Paradoxon sinngemäß einmal so erklärt: „Überzeugungen aufzugeben, die funktioniert haben, ist, als würde man seinen Regenschirm in einem Gewitter wegwerfen, weil man bisher nicht nass wird geworden ist.“

2019: Heißer denn je

Wenn wir alledem etwas Positives abgewinnen wollen, dann dass der Corona-Shutdown unserer Erde eine Atempause gönnt: Weniger Autos auf den Straßen, kaum Flugzeuge am Himmel, viele Fabriken stehen still. Der Ausstoß von Treibhausgasen wird in 2020 deutlich zurückgehen. Die Pandemie ist effektiver als alle Umweltmaßnahmen zuvor. Das ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Die Kehrseite ist, dass sich die Staaten zurzeit hoch verschulden und am Ende Geld für den Green Deal fehlen wird. In Anbetracht der Klimaentwicklung wäre das fatal: 2019 war das heißeste Jahr in Europa seit Beginn der Wetteraufzeichnungen – verbunden mit viel zu wenig Niederschlägen. Das ist keine Ausnahme, sondern längst ein Trend: Elf der zwölf wärmsten Jahre fallen in die letzten zwei Jahrzehnte. Und in diesem Jahr geht es auch schon wieder los:

Jubiläumsbeitrag Nr. 750
bliev gesund un alltiet an snuutlappen denken!

9 Kommentare leave one →
  1. 1. Mai 2020 09:41

    ein sehr schöner Beitrag. Danke.

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  2. 1. Mai 2020 19:05

    In einigen Jahren können wir wählen zwischen verdursten, verhungern, weil nicht mehr genügend angebaut werden kann, oder verseuchen, weil eine Pandemie die andere ablöst. Bloß gut, dass kaum einer richtig in die Zukunft schauen kann.
    Lieben Gruß

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    • 10. Mai 2020 07:25

      Moin Clara. Manchmal denke ich so für mich, dass ich dank meiner frühen Geburt manches nicht mehr erleben werde, was ich auch gar nicht erleben will. Dann schau ich von Wolke 9¾ zu, was hier unten so abgeht.
      Und dann denke ich an mein Enkelkind. An alle kleinen Kinder ….
      Nun denn, trotz alledem, habe einen schönen Sonntag!

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      • 10. Mai 2020 21:52

        Hallo Sven, da müsste sich noch so unendlich viel tun, damit wir mit guten Gewissen diese Erde unseren Enkeln übergeben können – und genau da bin ich so wahnsinnig skeptisch. Regenwälder werden abgeholzt, nur damit Rinder darauf weiden können, um gewinnbringend Rindfleisch zu züchten. Die Gier der Firmen ist unermesslich und das Wohl der Menschen – wie gesagt ALLER Menschen – geht ihnen so etwas von am Popo vorbei!
        Ohne meinen Computer hätte ich keinen schönen Sonntag gehabt.

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  3. 2. Mai 2020 16:29

    „Überzeugungen aufzugeben, die funktioniert haben, ist, als würde man seinen Regenschirm in einem Gewitter wegwerfen, weil man bisher nicht nass wird geworden ist.“
    Jo!

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    • 10. Mai 2020 07:31

      Moin Brigitte. Jau, das Leben ist manchmal leicht erklärt. Und ich hoffe, dass Frau Bader Ginsburg dem US-Supreme-Court mit ihrer Art noch lange erhalten bleiben wird.
      Habe einen schönen Sonntag!

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  1. Mai 2020 | SvenMeierFoto
  2. Corona-Tagebuch – letzter Eintrag | Sven Meier erzählt

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