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Nichts gelernt – warum eine Kolumne eine Kolumne und ein Kommentar ein Kommentar ist

19. Juni 2020

zur Feldenkirchen-Kolumne

„Der Spiegel schreibt so eine Scheiße“ schimpfte die Lehrerin, wedelte mit ihrem XXL-Smartphone und las mit erhobenem Zeigefinger vor: „Kein anderer Bereich unserer Gesellschaft hat in der Coronakrise annähernd so versagt wie das Schulsystem. Nirgendwo fiel es Verantwortlichen schwerer, sich flexibel und kreativ auf eine neue Lage einzustellen. Die Schuld trifft dabei nur teilweise die Lehrer. Gut, manch einer aus dem Kollegium verfiel nach der Schulschließung Anfang März erst mal in einen ausgiebigen Frühjahrsschlaf, den er nur einmal die Woche kurz unterbrechen musste, als es eine E-Mail mit PDF-Anhang zu verschicken galt, in dem sich schlecht kopierte Aufgabenblätter befanden, deren Bearbeitung nie kontrolliert wurde.“

Möchtest du eine Blutdrucktablette?

„NEIN! Ich verstehe nicht, warum der Spiegel so eine Scheiße schreibt. Haben die irgendetwas recherchiert, haben die jemals mit Lehrern gesprochen, wie es denen gerade geht?“

Andere Frage: Was steht denn am Anfang des Artikels, unter der Überschrift?

„Moment … äh … eine Kolumne von Markus Feldkirchen“

Siehst du, eine Kolumne. Das ist kein Nachrichtenartikel, kein Kommentar, sondern eine Kolumne. Und Kolumnisten dürfen das, die dürfen mit ihrer Meinung zu einem Thema überspitzen, polemisieren und Klischees bedienen. Das ist auch der Unterschied zu einem Kommentar, der eher als sachlich-subjektive Äußerung zu einer Nachricht daherkommt.

„Wer unterscheidet denn das?“

Die Frage ist nicht nur berechtigt, ich stelle sie mir selbst hin und wieder. Und die Grenzen zwischen Kommentaren, Kolumnen und Glossen mögen fließend sein, aber eins sind sie nicht: objektive Nachrichten. Nun ja, es liegt an den Lesern selbst darauf zu achten, was sie lesen. Nicht immer ist die Art auf den ersten Blick erkennbar. In dem Zusammenhang finde ich sehr interessant, was im neuen Reuters Digital-Report über Deutschland zu lesen ist:

zum Reuters Institute Digital News Report 2020

Für 79 Prozent der deutschen Online-Leser ist ein unabhängiger Journalismus für das Funktionieren einer Gesellschaft wichtig. Doch es gibt einen großen Altersgruppen-Unterschied: Von uns Alten (Ü55) halten 88 Prozent einen unabhängigen Journalismus für wichtig, bei den Jungspunden (18 – 24) sind es nur 56 Prozent. Schlimmer noch: 11 Prozent dieser Altersgruppe betrachten unabhängigen Journalismus als unwichtig, 15 Prozent haben keine Meinung dazu. Dafür kennen sich die Jungen besser in den so genannten sozialen Medien besser aus als wir Alten. Ob das ausreicht? Neutrale Nachrichten sind dort Mangelware, im Gegenteil: Nirgends werden so viel Fake News, Unwahrheiten verbreitet, wie bei Facebook & Co..

Allerdings beruhigt mich ein bisschen, dass die gute alte öffentlich-rechtliche Tagesschau off- wie online nach wie vor einen Spitzenplatz einnimmt. Die sind wenigstens stets bemüht, Nachrichten objektiv zu vermitteln. Und ein Kommentar wird dort als Kommentar angekündigt und jeder weiß, dass es nur eine Meinung zu einer Nachricht ist – die man nicht teilen muss.

Tagesschau: Kommentarsammlung und Faktenfinder

Gut finde ich auch den Faktenfinder, der mit manch irriger Annahme aufräumt. Irrig mag bei jungen Menschen auch die Annahme sein, dass unabhängige Medien eine Selbstverständlichkeit sind. Nein, das sind sie nicht! Selbst in Europa nicht! Umso mehr werbe ich dafür, zwischen Nachrichten und Meinungen zu unterscheiden und nicht gleich zu schimpfen, wenn irgendwo etwas steht, was einem nicht passt.

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2 Kommentare leave one →
  1. 19. Juni 2020 18:56

    So passierts. Nachher heißt es „im Spiegel stand“, oder schlimmer noch: „Der Spiegel hat geschrieben“.
    Natürlich wird das gerne so hingenommen: Nach außen hin können die Verantwortlichen stets darauf verweisen, dass Nachricht und Meinung deutlich getrennt sind, anders als bei dem Boulevardmedien wie Bild & Co., aber insgeheim wissen die Macher schon, dass sie durch die Vielzahl der Kommentare und Kolumnen die breite Meinung beeiflussen (können). Das ist die Gruppendynamik. Und wenn Herr Feldenkirchen vom Spiegel das schreibt, dann wird er das sicher nicht so einfach aus der Luft gegriffen haben.
    Schwups wird wieder das Klischee vom faulen Lehrer bedient. Und wer hats erfunden? Der Schröder wars!

    Gefällt 1 Person

    • 29. Juni 2020 09:26

      Moin. Genau, der Schröder 😉
      Ja, du magst schon recht haben, dass von vielen Lesern nicht zwischen Nachricht, Kommentar und Kolumne unterschieden wird, bzw. sie dies „Kleingedruckte“ vor dem Rest übersehen.
      Vielleicht sollte das in der Schule gelehrt werden, damit schon junge Leute das gelernt haben 😉

      Liken

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