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Da kannst du nix gegen machen!

20. August 2020

April 2020, drei Wochen nach Verkündung der Corona-Beschränkungen: Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) sagt in einem Interview diesen folgenreichen Satz: „Ich halte es für vertretbar, bei Menschen im Alter ab 65 und aufgrund von Vorerkrankungen Quarantäne-Anordnungen auszusprechen.“ Nach Palmers Logik würde eine Isolierung der Risikogruppen sowohl deren eigenes Leben schützen als auch eine Überlastung des Gesundheitssystems verhindern. Dabei hatte Palmer nur das ausgesprochen, was manch ein um die Wirtschaft besorgter Politiker sich nur hinter vorgehaltener Hand traute zu sagen.
Der folgende Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten. Auch ich konnte diese Portion Zynismus nicht verstehen.
August 2020, fünf Monate nach Verkündung der Corona-Beschränkungen: Siehe Bild oben, Hinweisschild an der Eingangstür der Einrichtung, in der mein Onkel lebt. Nein, ganz stimmt das nicht, Besuche sind mittlerweile möglich: Nach telefonischer Anmeldung und abgesprochener Zeit, für eine halbe Stunde. Das sieht dann so aus: Kahler Raum, es hallt und zwischen uns eine Plexiglasscheibe. Plus Snuutlappen natürlich.

Ich prangere das ausdrücklich nicht an, auch wenn Spontanbesuche seitdem nicht mehr möglich sind und alles geplant werden muss. Wahrscheinlich sind derartige Einrichtungen nur wegen solcher Maßnahmen bisher virenfrei geblieben. Aber blöd ist es trotzdem. Mein Onkel: „Meier, da kannst du nix gegen machen.“ Er sagt immer Meier zu mir. „Man hat uns hier eingesperrt, damit wir uns nicht anstecken.“ Das klingt deprimierend. Ich muss an Boris Palmer denken. Und an die psychischen Auswirkungen einer sozialen Isolation.

Bei so einem Besuch sind Wetter & Klima immer ein dankbares Thema. Überhaupt wenn Menschen sehr vergesslich 😉 sind und nicht mehr wissen, wie das Wetter gestern war, aber fühlen, dass es schon viel zu lange viel zu warm ist und viel zu wenig geregnet hat.

Ich kann berichten: Das dritte Jahr in Folge haben wir zu wenig Regen und die Getreideernte fällt auch in diesem Jahr wieder unterdurchschnittlich aus. Vielen Landwirten geht es allmählich an die Substanz.
„Da kannst du nix gegen machen! Gegen das Wetter kommt keiner an. Aber die Landwirte haben schon immer geklagt. Entweder ist es zu warm oder zu nass, oder zu wenig Ertrag oder zu niedrige Preise.“
Auch wenn man nicht mehr weiß was gestern war, Klischees bleiben haften.
„Und haben wir noch genug Grundwasser – oder müssen wir anfangen die Ostsee zu entsalzen?“
Zum Glück hatte ich erst vor wenigen Tagen einen Bericht des UBA gelesen und konnte fachgerecht antworten: Bisher gibt es in Deutschland keinen flächendeckend Wasserstress, aber regional kann es hier und da problematisch werden. Besonders dann, wenn nicht auf alle örtlichen Ressourcen zugegriffen werden kann, weil teilweise die Nitratwerte zu hoch sind, meist als Folge zu hoher landwirtschaftlicher Düngung.

Wir werden uns auf Veränderungen einstellen müssen. Besonders die Land- und die Forstwirtschaft – größere Diversifizierung an angebauten Sorten und die Gestaltung von Mischwäldern statt Monokulturen.
„Das ist der Klimawandel. Die Natur bestimmt was geht und was nicht. Genau wie das Coronavirus. Da kannst du nix gegen machen!“

Ruck zuck war die halbe Stunde um. Zum Schluss wollte mein Onkel noch wissen, was es in der Politik Neues gibt. Als ich ihm erzählte, dass Olaf Scholz von der SPD Kanzler werden will, da musste er herzhaft lachen. „SPD und Kanzler in einem Satz, ha ha!“ Sicherlich hatte er das vorher auch schon in den Nachrichten gehört, aber er kann sich nicht mehr daran erinnern. Schade. Anderseits, ich zitiere meinen Onkel: „Meier, ich vergesse zwar alles wieder, aber so haben wir immer was zu erzählen. Da kannst du nix gegen machen!“ 

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5 Kommentare leave one →
  1. 20. August 2020 13:45

    😉

    Gefällt 1 Person

  2. Albert permalink
    22. August 2020 13:10

    Es wäre das oft bemühte Präventions-Paradoxen, würde man angesichts von null Corona-Toten in OH glauben, die Vorsichtsmaßnahmen wären hier überzogen. Doch wie sieht es aus mit den Kollateralschäden durch die soziale Isolation? /A.

    Gefällt 1 Person

    • 3. September 2020 10:10

      Moin. Tja, das ist so eine Sache. Bisher waren es m. E. die ganz Kleinen und die Alten und Menschen mit Behinderungen, die am meisten unter der Krise gelitten haben: Geschlossene Kitas und Heime mit Besuchsbeschränkungen.
      Aber was will man dagegen machen?

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