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Meiers Rückblick 20/09 in 100 Sekunden

1. Oktober 2020

September 2020: Wenn ich am Monatsende auf selbigen zurückschaue, jedenfalls mich bemühe, dann merke ich häufig, wie schnell Ereignisse wieder aus dem Fokus gerückt sind. War da was?

Ja, wir leben in verdammt schnelllebigen Zeiten. Und die Redaktionen scheinen nur auf der Jagd nach der vermeintlich nächsten Sensation zu sein. Oft geht dann Quantität vor Qualität.

Ein Beispiel: Der Virologe Hendrik Streeck hat Mitte September mit einem Interview für Aufsehen gesorgt. Ergebnis: Manche feierten ihn danach als Querdenker, andere schimpften ihn einen Corona-Verharmloser. Ursache: Das Interview wurde verkürzt an die Agenturen gegeben und dort hat sich scheinbar niemand die Mühe gemacht, den Text zu verifizieren. So wurde Streeck zwar im Wortlaut korrekt zitiert, aber das waren Antworten auf unterschiedliche Fragen und Erklärungen dazu wurden ganz weggelassen. Liest man sich das Interview in Gänze durch – was nicht so einfach ist, denn es ist hinter einer Paywall versteckt – zeigt sich, dass Streeck sich grundsätzlich mit seinen Kollegen einig ist.

Moria. Griechenland. Flüchtlinge. Wer erinnert sich noch genau? Wir vergessen schnell, dabei ist das Drama im dortigen Flüchtlingslager noch keine drei Wochen her. Auf meinem Spickzettel für diesen Rückblick hatte ich mir vier Punkte notiert:

  1. Humanistisches Armutszeugnis für Europa.
  2. Die Angst, dass sich 2015 wiederholt.
  3. Die Angst, dass es wieder einen Auftrieb für die Rechten gibt.
  4. Es ist zu hören, dass man „Brandstifter nicht auch noch belohnen“ darf.

Nun ja, jeder wird seine Meinung dazu haben. Oder auch nicht. Jedenfalls finde ich es traurig, dass die Rest-EU die drei Mittelmeer- und EU-Staaten Griechenland, Italien und Spanien so ziemlich alleine mit den Flüchtlingen lässt. Auch dank der Verordnung (EU) Nr. 604/2013 (Dublin III), für die Deutschland maßgeblich mitverantwortlich ist. Aber wenigstens bemüht sich die deutsche Regierung heute um eine europäische Regelung, bisher absolut erfolglos, wird dafür aber im eigenen Land angefeindet. Erkläre mir einer den Fehler.

Überhaupt, die EU? Wenn die Kommissionspräsidentin von der Leyen nicht Mitte September eine Rede vor dem EU-Parlament gehalten hätte,
– nebenbei, eine Rede, der ich gerne das Substantiv „Schaufenster“ vorweg stellen würde –
also ohne diese Rede würde ich wohl glauben, die EU findet nicht mehr statt. Oder habt ihr in den letzten Monaten irgend etwas Wichtiges gehört, gelesen? Und wenn sich irgend welche EU-Leute getroffene haben, dann konnten sie sich auf nix einigen. So jedenfalls mein Eindruck, der sich bei mir – als an sich überzeugtem Europäer – so langsam manifestiert.

Apropos manifestiert: Mein nächster Rückblick in 31 Tagen wird wohl ein paar Sätze zur Deutschen (Un)Einheit enthalten – die uns weitaus mehr als nur den Feiertag an jedem 3. Oktober beschert hat. 30 Jahre. 1990. Und ja, ich muss mir eingestehen, dass sich auch bei mir eine Meinung manifestiert hatte, die sich vielleicht auch in dem ein oder anderen alten Blogbeitrag niedergeschlagen hat. Aber um mir selbst treu zu bleiben, gestehe ich mir ebenso ein, heute nicht mehr meiner Meinung von gestern zu sein. Ich bilde mir ja ein, lernfähig zu sein. Und dazu gehört, dass ich allein aus soziologischer Sicht – für irgendwas muss dieses Fach in meinem Studium ja gut gewesen sein 😉 mittlerweile manches mit anderen Augen sehe, als noch vor Jahren.

Bis denne, bliev gesund un hol di fuchtig!

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4 Kommentare leave one →
  1. 1. Oktober 2020 12:35

    Sven, die Uschi hat doch schon bei der Bundeswehr mehr Geld ausgegeben als sie hatte und vieles andere hat auch nicht geklappt – warum sollte das jetzt bei der EU klappen? Nur weil sie mehrere Sprachen spricht? Sicher nein!
    Lasse es dir gut gehen und danke für deine kritischen Rückblicke!
    Die Clara

    Gefällt 1 Person

    • 5. Oktober 2020 09:03

      Moin Clara. Ja, die „Flinten-Uschi“, Urban Priol nannte sie wohl meist so, war eine …, ich sag‘ mal „Verlegenheitslösung“ bei den festgefahren Verhandlungen der EU-Staatspräsidenten zum Amt des Kommissionspräsidenten, also der Junker-Nachfolge. Selbst wenn der Vorschlag von dem Franzosen Macron und nicht von deutsche Seite kam, macht es die Sache nicht besser.
      Nach meinem Empfinden nehme ich die EU jedenfalls zurzeit kaum wahr.
      Grüße – und einen schönen Wochenstart!

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      • 5. Oktober 2020 11:43

        Danke für den „schönen Wochenstart“ – ich sage es ihm weiter UND: Das Wetter ist auf jeden Fall prächtig!

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  2. 7. Oktober 2020 10:07

    Die Flüchtlingssituation in Europa ist eine einzige humanistische Katastrophe. In Moria hat es gebrannt. Ein paar Tage war helle Aufregung und heute spricht niemand mehr von den Menschen. Vielen Europäern ist das ganz recht so. Aus den Augen, aus dem Sinn!

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