Zum Inhalt springen

Was mich am 3. Oktober irritiert:

3. Oktober 2020

[772] Gehaelter-nach-Bundesländer-2016-boT

Alle Jahre wieder: Am 3. Oktober und um diesen Tag herum ist die Deutsche Einheit ein Thema. Also besonders. Denn wir haben sie ja und könnten alle glücklich und zufrieden leben, gäbe es nicht nach wie vor so einige Unterschiede.

Im Grunde können wir jede x-beliebige Deutschland-Bundesländer-Farbgrafik nehmen und wir werden rechts immer andere Farben sehen als links … – NEIN, nicht immer, damit bediene ich nur ein Vorurteil, aber häufig stimmt das schon. Das ist eine Gehaltsgrafik nach den Zahlen von 2016. Ja, im Westen wird mehr verdient als im Osten, aber – schaut man genauer hin – im Süden auch mehr als im Norden.

Das nenne ich nur als Beispiel und habe bewusst die Zahlen wegretuschiert. Denn wenn man mit einem soziologischen Ansatz tiefer in die Materie einsteigt, gibt es rein rationale Erklärungen dafür. Die mögen einem gefallen oder nicht, aber emotionslos betrachtet gibt es sie. Nicht nur zum Gehaltsgefüge, auch in anderen Bereichen.

Geschichte dazu am Rande: Eine Verkäuferin fährt jeden Tag 2 x 35 km von MeckPom nach Lübeck zur Arbeit. Sie sagt, das rechnet sich für sie. In Lübeck verdient sie Tariflohn, in MeckPom würde ihr bei gleicher Arbeit nur der Mindestlohn gezahlt. Ich nehme das mal so hin, denn es muss ja einen Grund haben, jeden Tag 70 km zu fahren ….

[772] Deutschlandtrend201001

Was mich jedoch ziemlich irritiert hat, das ist diese Grafik: Der aktuelle ARD-Deutschlandtrend – Fragen im Hinblick auf den 3. Oktober, die Deutsche Einheit. Mit was an unserer Demokratie ist man nicht zufrieden? Ich bitte um Aufklärung! Und was ist mit den restlichen 32 Prozent in Ostdeutschland, die ihre Meinungsfreiheit heute nicht besser als zu DDR-Zeiten empfinden? Muss ich mein Geschichtsbild ändern? Oder gibt es offensichtlich so große Unterschiede bei der Sichtweise auf dieselbe Realität? Ich bin für Antworten dankbar!

772

10 Kommentare leave one →
  1. Albert permalink
    3. Oktober 2020 13:01

    Die untere Grafik habe ich im Ersten gesehen und sie hat nicht nur mich, sondern ebenso die Moderatorin verwundert.
    Ich habe mir gedacht, dass der Begriff „Demokratie“ vielleicht unterschiedlich interpretiert wird: Stichworte moral-philosophische Aufladung, direkte vs indirekte Domokratie.
    Warum allerdings heute die Meinungsfreiheit nicht besser sein soll als in der DDR, dafür habe null gedanklichen Ansatz. Außer vielleicht dem, dass die Rechten zwar meinen ihren populistischen Dünnschiss absondern zu dürfen, aber Widerspruch nicht als Meinungsfreiheit der anderen wahrnehmen, sondern als Beschränkung der eigenen Meinung. Das ist zwar wirr, aber was anderes fällt mir dazu nicht ein. /A.

    Gefällt 2 Personen

  2. 3. Oktober 2020 13:03

    Sven, das können dir ja nur Leute aus dem Osten beantworten – wie ich zum Beispiel. Ich bin in den meisten Kreisen – ob Freunde, Doppelkopfrunde, hier im Blog und bei anderen Gelegenheiten immer in der absoluten Minderheit und werde oft lauthals überstimmt.
    Aber eine Sache an der Meinungsfreiheit: Jetzt darf ich sagen: Unsere Regierung ist blöd und viele Minister sind ein Trottel – dafür werde ich nicht vom Bundesnachrichtendienst abgeholt. Aber wehe, ich schimpfe in meiner Arbeitsumgebung (war vor ca. 25 Jahren der Fall) auf meinen Chef, weil er strohdumm oder wahnsinnig rücksichtslos ist, da werde ich entlassen – und das ist für jemand, der auf die Kontakte und das Geld angewiesen ist, sehr, sehr schlimm. Über Politiker haben wir uns in der DDR dort aufgeregt, wo wir das konnten, weil keiner von der Stasi mitgehört hat.
    Aber für mich, die ich gut war in meinem Job und sehr, sehr gern gearbeitet habe, war es mehr als ein Schlag in die Magengrube, dass ich im Jahr 2000 entlassen wurde und dann nur noch 3 Kurzzeitarbeitsstellen hatte. Da konnte mir die Reisefreiheit gestohlen bleiben, das Hartz-IV-Geld hat gerade so für Miete und die notwendigsten Sachen gereicht – und das alles, weil ich aufmüpfig war im Arbeitsleben.

    Gefällt 1 Person

  3. 3. Oktober 2020 14:05

    Sven, dieses Thema wühlt mich derartig auf, dass ich noch was schreiben will oder muss.
    Warum ich in der DDR Schwierigkeiten hatte, gut bezahlte Stellen zu bekommen, kannst du hier lesen:
    https://chh150845.wordpress.com/2010/01/15/abiturbeurteilung-aus-der-ddr/
    Sofort nach der Wende fing ich in einer Westberliner Unternehmensgruppe an. Den Eigentümer und Chef kannst du googeln: Der große Kunstmäzen Dr. E*rich M*arx.
    Nach kurzer Zeit bekam ich mit, dass alle Sekretärinnen aus dem Osten ca. 1000,00 DM und später dann im Wert von € weniger verdienten.
    Ich wusste, dass die Telefone überwacht wurden, um zu lange Privatgespräche zu verhindern – vollkommen okay.
    Eines Tages war mir die dringend benötigte Textbausteindatei abgestürzt und der Techniker hatte keine Zeit, auch der EDV-Mensch von der Etage nicht, den ich zum Glück auch gefragt hatte – denn er war nachher mein Zeuge.
    Ich rief einen ehemaligen Arbeitskollegen an und der bot mir an, dass wir das Step by Step in seiner Mittagspause lösen.
    Gesagt – getan – aber es waren tatsächlich ca. 45 Minuten geworden.
    Am Monatsende, als die Telefonabrechnungen vorlagen, wurde ich zu eben diesem „Kunstmenschen“ bestellt.
    Sein erster Satz war: „So unverschämt kann nur eine Frau aus dem Osten sein!“
    Er erteilte mir eine Abmahnung und ich war erst einmal still und stumm vor Überraschung. Ich erfuhr den Grund: „Zu lange Privatgespräche“.
    Ich saß in meinem Zimmer und grübelte. Das mit der Textbausteindatei war schon eine Weile her, aber irgendwann fiel es mir ein.
    Der EDV-Mensch von der Etage und auch der Techniker bezeugten, dass ich sie um Hilfe gebeten hatte und das dann in Eigeninitiative gelöst hatte.
    Er, der große Doktor, musste die Abmahnung zurücknehmen – und das hat er mir nie nie nie verziehen.
    Mein eigentlicher Vorgesetzter war strohdumm, aber hübsch und offensichtlich ein Frauentyp, denn mehr als einmal hat er sich damit gebrüstet, wen er schon alles in der Firma und von den Sozialdiensten durchgevö….. hat. Aber einen Brief konnte er nicht ohne 20 Fehler schreiben. Und vor so einem Menschen sollte ich Respekt und Achtung haben??? Und das gehört bei mir auch zur Demokratie, dass ich solche Menschen nicht anerkennen muss, auch wenn sie meine Vorgesetzten sind.
    Das ist offenbar das andere „Demokratieverständnis“, was sicher nicht ich alleine habe. Mir ist jedenfalls meine Rente derartig versaut worden, dass ich Glück hatte, eine wohlhabendere Mutter gehabt zu haben, die sehr bescheiden gelebt hat.

    Gefällt 1 Person

  4. Albert permalink
    3. Oktober 2020 14:24

    Weil ich gerade Werbung der R+V Versicherung gesehen habe: Ich habe neulich eine Studie dieser Versicherung über die Ängste gelesen. Die waren zwischen Ost und West recht unterschiedlich. Auch das hat mich gewundert. Und Versicherungen stehen nun nicht im Verdacht der Stimmungsmache, die haben knallharte Geschäftsinteressen. /A.

    Gefällt 1 Person

  5. 4. Oktober 2020 09:49

    Wie du weißt, war es bei mir entgegengesetzt: Ich bin für ein Jahr von Lübeck 25 km nach Schönberg in Mecklenburg gefahren. Dort habe ich rund 100 Euro weniger verdient, dafür in Lübeck 100 Euro mehr an Miete gezahlt.
    Abgesehen davon war die Zeit dort lehrreich. Ich vermute dort in Teilen ein anderes Demokratieverständnis. „Wir sind das Volk“ wurde skandiert, doch in unserer repräsentativen Demokratie fühlen viele ihren, „des Volkes Wille“, in den herrschenden Koalitionen nicht ausreichend repräsentiert.

    Gefällt 2 Personen

  6. Herr "Dingsbums" permalink
    4. Oktober 2020 18:41

    Hallo Herr Meier.
    Wie Sie wissen bin ich auch mehr als mein halbes Berufsleben über „die Grenze“ nach Lübeck zur Arbeit gefahren. Jeden Tag zweimal um den Dassower See, je 25 km. Ich erachte das als eine zumutbare Entfernung zum Arbeitsplatz. Nach der Wende arbeitslos war meine Umschulung und der Arbeitsplatz bei der Diakonie das Beste, was mir passieren konnte. Bei der gleichen Arbeit hier in Mecklenburg hätte ich deutlich weniger verdient – früher mehr deutlich als heute deutlich. Insofern bezeichne ich mich als ein „Gewinner“ der Deutschen Einheit.
    Es gibt jedoch immer noch Gräben zwischen Ost und West und die werden nicht durch Lobreden, wie sie gestern allzu häufig zu hören waren, zugeschüttet. Nein, viele Menschen im Osten Deutschlands widersprechen, sie fühlen sich noch immer als Menschen zweiter Klasse und erhalten selbst 30 Jahre nach der Wiedervereinigung für gleiche Arbeit nicht den gleichen Lohn wie im Westen.
    Der Lohn, das Materielle, ist allerdings nur ein Punkt. Der andere ist unser Seelenleben. Ich habe einmal gelesen, dass man in der BRD erst in den 70er Jahren angefangen hat, sich ernsthaft mit der Nazi-Vergangenheit zu auseinanderzusetze – 30 Jahre nach dem Ende der Nazi-Diktatur. Vielleicht ist es heute meine Generation, die, die jetzt in Rente gehen und Zeit haben, die 30 Jahre nach der Wiedervereinigung anfangen, sich mit dem Ende der DDR-Diktatur zu beschäftigen. Wir alle könnten Geschichten erzählen, die für ein besseres Verständnis bestimmt hilfreich wären. Wir würden gerne gehört werden, aber wer hört uns zu? Stattdessen gibt es das Klischee des „Jammer-Ossis“, was dazu führt, dass viele sich hier in den neuen Bundesländern nicht als Deutsche, sondern als Ostdeutsche fühlen, gleichermaßen als „Opfer“ und „Schuld hat der Westen“.
    Damit die Gräben langsam verschwinden, müssen wir uns unsere Lebens-Geschichten erzählen und – ganz wichtig – einander zuhören. Ich glaube dann gibt es über kurz oder lang auch mehr Verständnis dafür, wenn im Osten der Begriff „Demokratie“ etwas anders gedeutet werden sollte und vielleicht merkt dann auch mancher hier im Osten, dass ein Widerspruch zu seiner Meinung keine Zensur ist, sondern die Meinungsfreiheit des anderen. Und dass Faschismus und Hass keine Meinungen sind!
    Ich hoffe, es geht Ihnen gut, bleiben Sie gesund, Grüße aus Mecklenburg

    Gefällt 2 Personen

    • 5. Oktober 2020 10:53

      Moin. Schön dass wir uns mal wieder lesen. Nach wieviel Jahren? Gesehen haben wir uns wohl zuletzt vor knapp 6 Jahren, wenn mich meine Erinnerung nicht trübt.
      Alles Gute und viel Grüße von Ostholstein nach Mecklenburg.

      Liken

  7. 5. Oktober 2020 09:09

    @all: Danke für die Kommentare, ich werde und will sie nicht einzeln beantworten bzw. re-kommentieren. Nein, ich lasse sie einfach so im Raum stehen als für mich wichtige Meinungen zur Deutschen Einheit. Und ja, den ein oder andere Punkt habe ich so nicht gesehen und werde ihn in meine Beurteilung mit einbeziehen.

    Liken

Trackbacks

  1. Solange sich das System nicht ändert … | Sven Meier erzählt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: