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He seggt so und se seggt so

13. Oktober 2020

Dieser Tage ist mal wieder alles verworren. Die Nation scheint gespalten. He seggt so, se seggt so! Un nu? Dat is all en groten Malheur und ik wes nich, wat ich glüven soll. Ich glaube, so hätte das mein Opa damals gesagt und ich will es heute nicht anders ausdrücken. Fangen wir an mit dem Wichtigen: Fußball.

Die Nation, also die eine Hälfte derselben, die Fußball für die schönste Nebensache der Welt hält, der sich alles unterzuordnen hat, also diese ein halbe Nation spielt – mal wieder – Bundestrainer bzw. fühlt sich gewogen, den zu beurteilen. Das heißt zurzeit: Kritik. Kritik von dem 1990er Weltmeister und heutigem TV-Experten, Kritik von dem 2014er Weltmeister und heutigem TV-Experten, und Kritik von vielen, die gerne mal Weltmeister geworden wären: Bla, bla, bla, Viererkette, Dreierkette, Identifikation, und so weiter und überhaupt und so!

Und der Gescholtene? Der tut so, als wenn er das alles in stoische Ruhe hinnimmt, natürlich darf bei ihm jeder seine Meinung haben, sonst (O-Ton) wäre es ja langweilig – und er versichert, dass er wisse, was er tue. Immerhin glaubt ihm das Pi mal Daumen jeder Zehnte und so manch ein altgedienter Sportjournalist nimmt ihn auch öffentlich in Schutz. Der Rest, so jedenfalls die boulevardeske Umfrage von sport1, meint, er solle zurücktreten, bestenfalls noch vor der EM. Ist das reine Stimmungsmache? Clickbaiting? Mal sehen, wie die Stimmung nach dem Spiel heute Abend gegen die Schweiz aussieht. Ich halte mich da erstmal raus – dann muss ich morgen nicht sagen, dass ich heute nicht mehr meiner Meinung von gestern bin. Außerdem: Der Ball ist rund …!

Während sich die ein Hälfte der Nation mit Fußball beschäftigt, hält die andere Hälfte ein Thema für noch wichtiger und sorgt sich um die persönlichen Freiheiten: Corona und warum ist was wo verboten und warum anderswo nicht? Warum darf ich aus einem Risikogebiet als Tagesgast überall hinfahren, aber dort nicht übernachten? Und was verdammt noch mal ist dieser Föderalismus, der das alles so kompliziert macht?

Tja, wer versteht das noch alles? Dazu die Stimmen der Querdenker, die so wie so alles für überzogen halten und das auch damit begründen, dass ja nicht viel passiert. Stimmt, bisher sind wir in Deutschland gut bei weg gekommen, aber schon mal was vom Präventions-Paradoxon gehört? Wie auch immer, während es in der Löw-Frage eine deutliche Tendenz zu geben scheint, sehe ich die beim Virus nicht. Die Bundesländer entscheiden, was sie für richtig halten. Und warum? Weil sie es dürfen. Das zum Föderalismus. Ausgerechnet im schwedischen Dagens Nyheter habe ich heute gelesen (freie sinngemäße Übersetzung):

Regeln müssen einheitlich und gerecht sein
Die Älteren sitzen zuhause, während die 20-jährigen auf den Tischen tanzen.
„Förklara den logiken“ – erklären sie diese Logik Herr Tegnell.

Einheitlich und gerecht? Mein erster Gedanke war, dass das in Bezug auf deutsche Infektionszahlen schon ein Widerspruch in sich selbst ist. Klar, Alt und Jung, das hat vielleicht auch was mit Solidarität zu tun – aber Nord und Süd mit sehr differenzierten Infektionszahlen? Können dann gleiche Regeln für jedermann gerecht sein? Ja, ich habe zwar immer wegen einer besseren Akzeptanz dafür geworben, aber gerade wegen der regionalen Unterschiede kann die auch verloren gehen. Ein Wirrwarr. Und wenn ich dann meinen Nachbarn sagen hören, wir sollten uns unsere guten Zahlen nicht durch Urlauber aus Risikogebieten kaputt machen lassen, dann kann ich ihn auch verstehen. Einerseits. Anderseits …, weiß ich auch nicht so recht.

Aber eins weiß ich: Solange ich nicht dahin gehe, wo viele Menschen sind und Abstände nicht zwingend eingehalten werden (können), solange bin ich mit AHA halbwegs auf der sicheren Seite. Glaube ich jedenfalls. Von dem Rest lasse ich mich überraschen und höre mir an, was die unzähligen Experten, von denen es hörbar fast so viele gibt wie Pseudo-Bundestrainer, zur Sache beizutragen haben. Nötigenfalls gibt es ja auch noch diesen berühmten Schalter …. Oder wie Ringelnatz zu sagen pflegte:

„Wenn alle Stricke reißen, dann hänge ich mich auf.“ 😉

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10 Kommentare leave one →
  1. 13. Oktober 2020 21:55

    Mein Tweet eben, egal was noch passiert:
    Das #dfbteam spielt zurzeit wie #Hannover96 2018/2019. Trainerwechsel? Wenn’s doch nur was nützen würde. Aber #loewraus hätte unbedingt 2018 passieren müssen. Seitdem wursteln sie nur noch vor sich hin! #GERSUI
    Glaubst du, dass die DFB11 so und unter diesem Trainer bei der EM eine Chance hat? Eher wiederholen die Bayern das Trple und das glaube ich überhaupt nicht.

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    • 14. Oktober 2020 11:17

      Moin. Fußball und Emotionen, untrennbar miteinander verbunden. Das liebe ich so am Fußball 😉
      Was du „wursteln“ nennst, dass nennt Löw, und die, die ihn verstehen, „Umbruch“. Glaubt man Löw, wird der gelingen und er gibt – im Kicker eben gelesen – das Halbfinale bei der EM als Minimalziel aus. Warten wir es ab ….
      Grüße aus Scharbeutz

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  2. 13. Oktober 2020 23:55

    Hallo Sven, wenn du den Ringelnatz-Rat befolgen willst, darfst du den Haken aber nicht zu hoch anbringen und das Seil zu kurz halten, sonst brichst du dir die Beine, wenn der Strick reißt.
    Aber lass es lieber – besser ist besser!
    Nachtgruß von mir

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    • 14. Oktober 2020 11:27

      Moin Clara!
      Oh, das wäre fatal: Das Aufhängen überlebt aber bei Sturz das Genick gebrochen. Nö. Alternativ könnte ich mich bei zu viel Grämerei hinter einen Zug werfen.
      Warum fällt mir jetzt gerade das Gedicht vom dem alten Claudius ein – Der Mond ist aufgegangen -?
      Grüße von der heute etwas stürmischen Ostsee

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  3. 14. Oktober 2020 09:58

    Ich tendiere mittlerweile mehr zu der Meinung, dass regionale Unterschiede auch unterschiedlich behandelt werden sollen, was die Länder dank des Föderalismus dürfen, und dass diese angepassten Regeln mehr Akzeptanz in der Bevölkerung finden, als wenn es alles gleich wäre.
    Ihr in Schleswig-Holstein, noch deutlicher wird es in Mecklenburg-Vorpommern (unter 100), habt doch viel niedrigere Infektionszahlungen pro 100.000 als in Bayern oder Baden-Württemberg (je über 500). Die Frage ist doch eher, welche Bestimmungen braucht es, um dort wieder von den Zahlen runter zu kommen. Was muss in den Risikogebieten mehr gemacht werden als im Rest der Republik? Alles andere ist für mich sprichwörtlich „den Gaul von hinten aufzuzäumen“.
    Wo ich dich schon mal in der Tastatur habe, passt zu deinem ersten Teil: Der DFB scheint so mit sich selbst beschäftigt zu sein, dass er überhaupt keine Zeit hat, sich über den Bundestrainer Gedanken zu machen. Zuletzt gab es vor einigen Tagen eine riesige Razzia wegen des Verdachts von Steuerhinterziehungen. Heute Morgen lese ich aber in der Süddeutschen, dass der DFB genau diese Steuerangelegenheit vor über einem Jahr 2019 mit der Finanzbehörde geregelt und 4,7 Millionen Euro an Steuern nachbezahlt hat. Von „Merkwürdigkeiten“ ist in dem Artikel die Rede.
    https://www.sueddeutsche.de/sport/dfb-razzia-steuer-1.5067705
    Kannst mich bitte aufklären, das ist doch dein Metier?

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    • 14. Oktober 2020 11:46

      Moin.
      1: Klingt plausibel. Vielleicht liegt die Kunst darin zu kommunizieren, was wo warum entschieden wird. Und zwar für jedermann verständlich. Vielleicht ist das das größte Defizit in dieser Krise.
      2: Ich will es mit einem Gleichnis erklären:
      Steckt ein Kunde in einem Kaufhaus etwas ein und bezahlt das Teil an der Kasse nicht, dann hat er sich eine fremde bewegliche Sache rechtswidrig zugeeignet. Er ist also ein Dieb.
      Wenn er beim Verlassen des Kaufhauses, aus welchen Gründen auch immer, umkehrt und das Teil nachträglich bezahlt, dann ist das so etwas wie eine Tätige Reue, aber kein Rechtfertigungs- oder gar Schuldausschließungsgrund für die Tat. Es obliegt dann dem Ermessen des Gerichts, die Strafe zu mildern oder gar von einer abzusehen.
      Dadurch, dass der DFB womöglich erst wissentlich Steuern hinterzogen und später – wie auch immer es dazu kam – nachbezahlt hat, ist der strafrechtliche Verdacht / Tatbestand einer Steuerhinterziehung noch lange nicht ausgeräumt. Das müssen die Ermittlungen ergeben und deshalb hat es die Razzia gegeben.
      Grüße aus Scharbeutz

      Gefällt 2 Personen

      • 14. Oktober 2020 12:09

        Das wiederum klingt für mich plausibel. Um so mehr verstehe ich dann den Artikel in der Süddeutschen nicht.

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      • 14. Oktober 2020 12:15

        Noch ein Beispiel, auch wenn es etwas hinkt: Uli Hoeneß. Als er „dunkle Wolken am Horizont aufkommen sah“, hat er sich fix selbst angezeigt und im vorauseilendem Gehorsam schon mal eine große Summe Steuern pauschal nachgezahlt. Das mag ihm etwas genützt haben bei der folgenden Strafbemessung, straffrei ist das bekanntermaßen für ihn aber nicht ausgegangen.

        Gefällt 1 Person

    • Albert permalink
      17. Oktober 2020 13:18

      „Was muss in Risikogebieten mehr gemacht werden …“ ist nur die eine Seite, die andere ist, dass die Länder wie SH und MV auch Vorsorge treffen (dürfen), damit sie erst gar nicht die Zahlen der anderen erreichen. Es geht dabei nicht weniger als um den Schutz der eigenen Bevölkerung!

      Gefällt 1 Person

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