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Ökozid – ARD – (k)eine Rezension

19. November 2020


Gestern Abend bin ich mehr zufällig, nach der obligatorischen Tagesschau, beim Ersten geblieben und habe den Film Ökozit gesehen. Wenn ich den Film einordnen soll, dann eher als Drama. Erinnert hat mich der Film an das ARD-Fernseh-Experiment Terror – ihr Urteil. Während bei dem Stück die Zuschauer urteilen sollten/durften, gibt es bei Ökozid ein TV-Urteil – wenngleich für mich mit einer Überraschung.

Worum geht es? Im Jahr 2034 wird die Bundesrepublik Deutschland vor dem Internationalen Gerichtshof von 31 Staaten des globalen Südens wegen massiver Versäumnisse beim Klimaschutz verklagt. Ein Präzedenzfall. Also von daher könnten auch eine Reihe anderer Staaten auf der Anklagebank sitzen. Weil es aber ein deutscher Film ist, ist es die BRD. Letztlich geht es um nicht weniger als die Ausrottung ganzer Völker durch die ökologische Zerstörung ihrer natürlichen Lebensgrundlagen. Deshalb der Titel in Anlehnung an einen Genozid, gleich Völkermord. Als Zeugin geladen: Die achtzigjährige Ex-Umweltministerin und Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel. Der Film lebt (für mich) nicht nur von den schauspielerischen Leistungen, sondern mehr noch von den Fakten und Argumenten. Ich kann nur empfehlen, sich den Film in der ARD-Mediathek anzuschauen.


Das Urteil des Films bestätigt mein Denken. Aber eben nur meins und ein anderes wäre genau so gut möglich. Wer sich jedoch bspw. vor ein paar Tagen den Film über die Polarstern – ein Jahr in der Arktis – die MOSAiC-Expedition, angesehen und die ernüchternden Aussagen gehört hat, der wird vieles besser verstehen. Diese Doku gibt es auch in der ARD-Mediathek. 

Ich erinnere mich auch an einen neulich gelesen Fachartikel über eine Studie, die aufgrund einer Modellierung mit neuesten Daten zum auftauenden Permafrost eine unaufhaltbare Erderwärmung um drei Grad bis 2500 vorhersagt. Aber nur, wenn wir ab sofort keinerlei Treibhausgase mehr freisetzen würden. Haha. Also mehr bzw. die drei Grad sind entsprechend eher erreicht. Na ja, nun wissen wir spätestens seit Corona, dass Studien mit Vorsicht zu genießen sind. Die einen sagen dies aus, haben aber den einen Grundlagenfehler, die anderen sagen jenes aus, unterliegen jedoch einer anderen falschen Annahme. Die Wissenschaftler der 3-Grad-Studie hoffen selbst auf solch einen Fehler: „Wir hoffen inständig, dass wir falsch liegen! Und dass uns die Gemeinde der Klimaforscher widerlegt. Wir appellieren dringend an sie, das alles mit ihren komplexen Klimamodellen zu überprüfen.“

Ich erwähne diese Studie, weil bei drei Grad und einem entsprechenden Anstieg des Meeresspiegel muss sich Hamburg keine Gedanken mehr um eine Elbvertiefung machen. Die Hansestadt läge dann eingedeicht direkt an der Küste. Nun mag sich jeder vorstellen, was so etwas für den globalen Süden, wie es im Film heißt, bedeutet.

An dieser Stelle will ich die Kehrseite der Medaille nicht unerwähnt lassen – deshalb ist bei Ökozid die Abweisung der Klage ebenso wie eine Verurteilung denkbar: Business as usual, die Geschäfte gehen ihren Gang. Warum? Weil sie es müssen. Wegen der Wirtschaft, wegen der Arbeitsplätze, wegen unseres Wohlstandes, wegen des Friedens, also den der Industriestaaten und vielerlei sozialer Gründe mehr. Könnten wir uns bspw. sonst in diesen pandemischen Zeiten die hohen Unterstützungszahlungen leisten und hätten wir solch ein gut funktionierendes Gesundheitssystem? Alles schwierig und wer nun populistisch mit einfachen Antworten aufwartet, der hat nichts verstanden. Oder will nichts verstehen.

Warum fällt mir jetzt gerade das berühmte Sozial-Drama von Gerhart Hauptmann ein? Wird man mal dessen Titel Die Weber durch Die Autobauer ersetzen? Immerhin setzt bspw. VW heute schon mehr Autos in China ab als in der gesamten EU. Immer mehr Fahrzeuge werden deshalb in Fernost gebaut, als sie teuer dort hin zu schiffen. Dazu kommt, dass E-Autos wegen des Motors von deutlich weniger Monteuren zusammen gebaut werden können. Vielleicht muss sich die deutsche Wirtschaft – mal wieder – neu erfinden. 

783

 

Nachtrag, fast vergessen, das wollte ich noch im Text unterbringen:
Beim Sehen des Films habe ich auch den deutschen Astronauten Alexander Gerst denken müssen, wie er sich vor zwei (?) Jahren ziemlich emotional aus der ISS mit Blick auf die Erde bei seinen zukünftigen Enkeln für den nicht guten Zustand des Planeten entschuldigt und sich gewünscht hat, dass wir nicht als die Generationen in Erinnerung bleiben, die die Lebensgrundlage für die zukünftigen Generationen egoistisch und rücksichtslos zerstört haben. Das lasse ich mal alles so im Raum stehen.

18 Kommentare leave one →
  1. 19. November 2020 18:12

    Sagt dir der Name Anders Levermann was? Der ist Professor für die Dynamik des Klimasystems, Leiter der Abteilung Komplexitätsforschung des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Eine jüngste Aussage von ihm:
    „Je mehr wir von der Antarktis und von Grönland lernen, desto schlimmer sieht die Zukunft aus. … In den vergangenen 5 Jahren ist der Meeresspiegel um mehr als 5 Millimeter pro Jahr angestiegen. Die Geschwindigkeit beschleunigt sich langsam, da die CO2-Emissionen weiter zunehmen. Wenn wir vier Grad bis zum Ende des Jahrhunderts erreichen, ein ‚business as usual‘ Szenario, dann bedeutet das mehr als 10 Meter globalen Meeresspiegelanstieg langfristig, nicht gleich 2100, sonder peu à peu, und das bedeutet dann, dass wir Küstenstädte wie New York, New Orleans, Rotterdam und Hamburg irgendwann aufgeben müssen.“
    Ich hoffe dass Prof. Levermann auch hofft, dass er sich irrt. Den Eindruck macht er aber eher nicht. Im Gegenteil.

    Gefällt 2 Personen

    • 19. November 2020 19:40

      Nee, der Name Levermann sagt mir so ad hoc nichts. Aber das, was er sagt, kommt mir bekannt vor:
      https://sven2204.wordpress.com/2019/09/27/das-eis-die-meere-und-der-wald/
      Wir beiden werden dann oben von Wolke 9 3/4 auf die Erde blicken und nachmessen 😉

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      • 22. November 2020 12:48

        Ich sitze dann auf der Nachbarwolke, natürlich auf der besseren, da ich mich ja schon früher um einen Wolkenplatz angemeldet hatte. 🙂

        Gefällt 1 Person

      • 28. November 2020 09:52

        Moin Clara (3). Nachbarwolke, aber die bessere? 😉
        Ich habe nämlich Verbindungen in die Trollwelt und erhoffe mir deshalb den Platz auf einer „Bruchwolke“, gerne neundreiviertel. Auf „Bruchwolken“ soll nämlich die Verpflegung und auch die Sicht besser sein 😉
        Oh je, nein, ich habe noch nichts geraucht. Oder getrunken. Außer Kaffee. Vllt. ist der doch nicht so bio, wie drauf steht 😉

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  2. Albert permalink
    21. November 2020 12:34

    Diese Filme – und andere – sind Beiträge im Rahmen der ARD-Themenwoche.
    Wir nennen sie mittlerweile nur noch „ARD-SCHÄMENWOCHE“.
    Nicht weil sich unsere Generation der älteren Semester dafür schämen muss, schon vor vielen Jahren das Klima geschädigt zu haben, wir haben es eben nicht besser gewußt. Aber heute wissen wir es besser … und tun trotzdem zu wenig bis nichts. Dafür müssen wir uns schämen. Solange BUSINESS AS USUAL wichtiger als der Schutz des Klimas ist, solange wird unser Klima immer menschenfeindlicher werden. Das mit allen globalen Auswirkungen für die zukünftigen Generationen, die ich mir lieber nicht ausmalen möchte.
    Schade nur, dass sich die meisten Menschen bei dem Thema beschämt wegducken. Warum? Weil sie genau wissen, dass sie mehr tun könnten als sie wirklich tun. So sieht das aus! /A.

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    • 28. November 2020 09:15

      Moin. „Schämenwoche“ finde ich gut, also als Begriff, und werden den in meinen Rückblick einfließen lassen.

      Zitat: Es dämmert der Verdacht, daß der point of no return auf dem selbstmörderischen Kurs zur Selbstzerstörung und Umweltverheerung mit den Mitteln der Wissenschaft allein nicht mehr zu vermeiden ist. Zitat Ende. Das schrieb Leona Siebenschön vor 50 Jahren in der ZEIT.

      Das habe ich gerade eben in einer Antwort zu einem anderen Kommentar geschrieben. Die Erkenntnisse sind also nicht neu und allein von daher ist es beschämend, heute nicht das zu tun, was man tun könnte, wenn man es den wollte.
      Grüße aus Scharbeutz.

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      • Albert permalink
        28. November 2020 12:52

        Ich kenne zwar Frau Siebenscön nicht, aber ich gebe ihr mal Recht. /A.

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  3. 21. November 2020 19:09

    Heute sehe ich mir den Film in der Mediathek an. Ich bin bereit, vieles für das Klima zu tun – aber wenn ich an so manche Sachen denke, dann wird es dem einzelnen Bürger ganz schön schwer gemacht. Vielleicht hätte ich schon viel früher auf mein Auto verzichten können – geht ja jetzt auch, aber mit Auto war manches eben doch bequemer. – Und daran kranken wir aus den Industriestaaten fast alle: Wir sind unseren Luxus gewöhnt und wollen ihn eben auch nicht missen.
    Alles ganz schön kompliziert.
    Liebe Grüße – mal ohne „und tschüss“

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    • 28. November 2020 09:19

      Moin Clara (1). Stimmt. Es ist alles verdammt kompliziert. Darum gibt es ja auch keine einfachen Antworten. Jedenfalls keine, die funktionieren.
      😉

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  4. 21. November 2020 22:18

    Ich hab schon so oft auf „die Grenzen des Wachstums“ verwiesen, dass es mir zum Hals raushängt.
    Hat der Club of Rome 1972 veröffentlicht.
    Jetzt musste ich mal googeln, wer da gerade unser Kanzler war.
    Ach sieh an:
    1972 versuchte die CDU/CSU-Fraktion erfolglos, Bundeskanzler Willy Brandt zu stürzen und Rainer Barzel zum Kanzler zu wählen;
    Da hatten die natürlich auch keine Zeit, den Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit zu lesen.

    Btw. Beim „Terror“ gehöre ich zu den wenigen, die das Treppchen zur Verurteilung hoch gehen.

    Ich möchte zu gerne irgendwann (in nicht allzu langer Zeit vermutlich, weil ich fast schon 75 bin) auf einem gemütlichen Stern oder so sitzen und gucken, was da unten so passiert. Kriegen sie noch die Kurve?

    Aber nun gucken wir erstmal, dass wir die Kurve kriegen bei Corona!
    Pass auf dich auf und bleib gesund!

    Gefällt 2 Personen

    • 21. November 2020 22:21

      Boah, ich hab mir soviel Mühe gegeben mit Zeilenabständen und so, und nun erscheint der Kommentar sozusagen ohne Punkt und Komma . Noch nicht mal das funzt *lach*

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      • 28. November 2020 09:20

        Hat doch alles geklappt 😉 Ja, die Ansichten sind manchmal unterschiedlich, das liegt sicher an den unterschiedlich eingestellten Formatierungen.

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    • 28. November 2020 09:32

      Moin Brigitte.
      Zitat: Es dämmert der Verdacht, daß der point of no return auf dem selbstmörderischen Kurs zur Selbstzerstörung und Umweltverheerung mit den Mitteln der Wissenschaft allein nicht mehr zu vermeiden ist. Zitat Ende. Das schrieb Leona Siebenschön vor 50 Jahren in der ZEIT.
      Das habe ich eben schon in anderen Antworten geschrieben. Die Erkenntnisse sind also nicht neu und allein von daher ist es beschämend, heute nicht das zu tun, was man tun könnte, wenn man es den wollte.
      Tja, vllt. machen wir in der fernen Zukunft oben wieder eine Bloggerrunde auf und sehen zu, wie unsere zukünftigen Ur-Ur-Enkel versuchen die Erde bewohnbar zu halten.

      Nur wenn sie uns verfluchen, dann werde ich mir die Ohren zuhalten 😉
      Grüße nach Bremen, habt einen besinnlichen 1. Advent!

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  5. 22. November 2020 12:54

    Hallo Sven, ich noch mal. Gestern Abend habe ich den Beitrag in der Mediathek gesehen. Leider war die Art der Aufzeichnung weder für meine Ohren gut, aber auch nicht für die Augen. Englisch verstehe ich nur gelesen, nicht gesprochen, schon gleich gar nicht, wenn Nicht-Muttersprachler Englisch reden. – Das ist mein persönliches Handicap.
    Aber das andere haben vielleicht auch andere bemerkt. Die Schrift der Untertitel war nicht gut gemacht – sehr oft weiß auf hellem Untergrund und natürlich so schnell, wie schnell gesprochen wurde. Dadurch sind mir viele Informationen entgangen.
    Aber die Grundtendenz habe ich dennoch natürlich verstanden – und wieder mal war das eine Situation, wo ich mich auf meine zukünftige Wolke gefreut habe.

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    • 28. November 2020 09:40

      Moin Clara (2).
      Ja, ich hatte beim Sehen gleiche Probleme wie du, vllt. nur nicht so intensiv. Aus dem Grunde habe ich mir den Film runtergeladen und erstmal in meine Cloud gepackt. Solche Filme sehe ich mir gerne noch einmal an und manchmal verstehe ich sie dann auch besser. Oder anders, also aus einem anderen Blickwinkel betrachtet.
      Ja, und bevor ich es noch einmal schreibe, schaue dir bitte meine Antwort bei Brigitte an.
      Viele Grüße aus SH in den Osten, pass auf dich auf und ich wünsche dir einen schönen 1. Advent!

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  6. 21. Januar 2021 13:52

    Danke für die Information. Ich werde mir das ansehen. Die Informationen sind sehr ausschlaggebend und ich finde die Zusammenfassung gut gelungen.

    Grüße von

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