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… und dann fahren wir nach Dödeldorf

6. März 2021

„Kinnermund deiht Wohrheit kund!“

Die Regierenden verwirren mich. Nicht erst seit dieser Woche, aber jetzt besonders. Verstärkt wird mein Mangel an geistiger Ordnung zusätzlich dadurch, dass viele Regierungskritiker noch viel wirrer reden bzw. schreiben. Die Unordnung in meinem Kopf lässt sich bildlich gut so darstellen, wie das Kinderzimmer meiner Lüdden.

Der Reihe nach: Das ist ein LAZ. LAZ? Ihr kennt doch PKW und LKW – und das ist ein Lok-Auto-Zug, eben ein LAZ. Und der fährt nach Gründorf.

Was ist denn Gründorf? Ooopa! Gründorf heißt Gründorf, weil da alles grün ist! Ach so. Hätte ich mir denken können.
Weiter geht’s nach Glatzendorf … und Glatzendorf heißt Glatzendorf, weil da Opa mit der Glatze wohnt. Na toll! DANKESCHÖN! Bitteschön …

… und dann fahren wir nach Dödeldorf. In Dödeldorf müssen alle nur arbeiten und essen, arbeiten und essen und alles ist verbietet. Und die Kinder sind nuuur bei Erwachsenen und dürfen nich miteinander spielen.

Die Eltern des Kindes haben mir später glaubhaft versichert, dass ihr Kind dieses Vokabular nicht von ihnen hat. Nein, es ist sicher eher so, dass die Kinder – zumal wenn sie nur Zeit mit Erwachsenen verbringen (Anmerkung: In Niedersachsen sind die Kindergärten erst ab kommenden Montag wieder geöffnet) – mehr aufschnappen als man glaubt. Und das äußert sich – das beschreibt mit kindlichen Worten die Lage der Nation.

Es ist aber auch verzwickt: Corona – erst hieß es, der R-Wert und die Inzidenz sind wichtig, da wurden klare Perspektiven für Was ist wenn gefordert. Das war quasi die Geburtsstunde des 50er-Inzidenzwertes. Nun kamen die Nörgler aus der anderen Ecke, dass man nicht alles einem imaginären Wert unterordnen darf, für den es keine wissenschaftliche Belege gibt. Von Willkür wurde gar gesprochen, als wegen der Mutation der 35er-Inzidenzwert ins Spiel gebracht wurde. Wenn Fakten sich ändern, müssen sich auch die Maßnahmen ändern, verhallte als Gegenargument im Raum. Schlimmer noch: Nun werden Differenzierungen beim Lockdown gefordert und den wissenschaftlichen Erkenntnissen wird der wirtschaftliche und soziale Preis gegenübergestellt, den wir alle zahlen müssen.

Hoch lebe der föderale Flickenteppich. Damit nicht genug: Dort, wo bereits am 1. März Schulen und Kindergärten wieder geöffnet wurden, sind die ersten schon wieder geschlossen. Nach Medienberichten sind allein hier in Ostholstein 120 Kinder von zwei Grundschulen zurzeit in Quarantäne. Ab Montag darf hier im Echten Norden der Einzelhandel seine Läden wieder öffnen – was wiederum die Skeptiker auf den Plan ruft: Wenn in Hamburg, Niedersachsen und MeckPom die Geschäfte noch zu sind, werden viele – so die Befürchtung – zu uns nach Schleswig-Holstein kommen um mal wieder shoppen zu können. Was die Geschäftsleute freut, bereitet lokal Verantwortlichen wegen der vielen Menschen große Sorgen. Wir an der Lübecker Bucht teilen die absolut und wer schlau ist, hält sich vom Tagestourismus fern. Tja, und das alles gepaart mit dem, was inzwischen als Staatsversagen betitelt wird: Viele Versprechen zum Impfen, Test, usw., aber nix so richtig dahinter. Der neue US-Präsident scheint nach dem Versagen des alten durch konsequentes Handeln die Lage in den USA besser in den Griff bekommen zu haben:

Der Kolumnist Sascha Lobo beschrieb seine Pandemie-Stimmungslage vor Tagen so:

Nach der Wut kommt die Müdigkeit, aber irgendwann ist man selbst für Müdigkeit emotional zu erschöpft, und dann bleibt ein tiefer, dumpfer Dauergroll.

Aber was interessiert mich das überhaupt? Ich wohne ja in Glatzendorf und nicht in Dödeldorf oder gar in Nörgeldorf. Nee, bi us in Glatzendörp wi seggt so op Platt: De klööksten Stüerlüdd sitt meest op’t Dröge! Tja, die überlieferten Sprüche der Alten und die von Kindern haben oft viel gemein 😉

Last but not least ein Bild, gezwitschert von der Moderatorin Anne Will, passend zu Dödeldorf:

 


810 [Inhaltsverzeichnis Sven Meier erzählt | Fotoblog]

13 Kommentare leave one →
  1. 6. März 2021 11:16

    Es ist irre: Die Werte, die die Regierung im Herbst zum Shutdown veranlasst haben, veranlasst heute dieselbe Regierung zu Lockerungen. Genauso irre ist, dass es in Deutschland nicht gelingt schneller zu impfen und der Gipfel des Irren ist für mich die lahmarschige Bürokratie. Wenn es eine Lehre aus der Pandemie gibt dann die, dass es höchste Zeit wird unseren Staat zu modernisieren und dem 21. Jahrhundert gemäß auszustatten. Wenn Gesundheitsämter noch arbeiten wie vor 100 Jahren und die einzige technische Errungenschaft ein Faxgerät ist, dann lässt das tief blicken. Wir leben doch nicht in Dödeldorf 😉

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    • 6. März 2021 14:17

      Moin, tja, stimmt, gewissermaßen ist das wirklich alles irre. Mittlerweile wirken die Politiker wie Getriebenen mit leicht dementen Einschlag, die heute oft nicht mehr wissen, was sie gestern gesagt haben. Oder sie sind trotz derselben Fakten nicht mehr ihrer Meinung von gestern. Wie auch immer, das schafft kein Vertrauen.
      Grüße aus Ostholstein in meine Alte Heimat

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    • 7. März 2021 14:24

      „Wir leben doch nicht in Dödeldorf“ – offenbar doch, schlimmer noch, in Dödelland, was die Platzierung im Ländervergleich bei vielen Sachen zeigt.

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  2. 6. März 2021 11:32

    Die Regierenden irritieren mich schon lange nicht mehr, lieber Sven. Denn sie sind schon seit langem mit ihrem undurchsichtigen Chaos nicht mehr wirklich ernst zu nehmen und all diese Augenwischereien der letzten Monate nervt mich nur noch.
    Bei uns in den Regionen sind die Werte schon seit Wochen weit unter 100 und waren lange Zeit sogar weit unter 50.
    Aber was solls, schaun mer mal was noch so alles an Verwirrungen und Menschen in Angst versetzendes kommt…
    Liebe Grüße von Hanne in den schönen Norden und haltet euch tapfer! 🌞🍀

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    • 6. März 2021 14:21

      Moin Hanne.
      Bei uns in OH sind die Werte schon einige Zeit wieder unter 50, in SH seit ein paar Tagen. Nun soll quasi von Woche zu Woche entschieden werden, ob die Geschäfte aufbleiben dürfen oder wieder schließen müssen. Wenn ich das in meiner Verwirrtheit richtig verstanden habe 😉
      Liebe Grüße ins Frankenland, bleibt gesund & munter!

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  3. 6. März 2021 19:54

    nur so ein flopp dahingeschmissener gedanke…… 🤔🤫
    forschungs-, auswertungs- und andere ergebnisse und auswertungen ändern sich täglich, dadurch ändern sich immer wieder perspektiven, gedanken, sichtweisen, meinungen und erkenntnisse … weil wissen und co sich verändert, verändern sich auch die äußerungen, die diskussionen und die daraus resultierenden handlungen…..

    in der pandemie… es müssen entscheidungen gefällt werden, es müssen abstriche gemacht werden, es sollte an alle gedacht werden und alle gleichgestellt berücksichtigt werden. geht aber nicht! die einen berücksichtigen die gesundheitlichen aspekte, die anderen die wirtschaftlichen. dritte die bildung, vierte die soziale komponente usw. sie sind nicht alle unter einen hut zu bringen. geht einfach nicht. meckerer gibt es immer. es allen gleichermaßen recht zu machen, eine utopische wunschvorstellung.
    kompromisse müssen her, immer zu lasten von irgendwem. entscheidungen, richtlinien, verordnungen sind immer ein kompromiss vieler köpfe, vielleicht auch zu vieler köpfe, die ihre vorstellung und ihre ansicht von richtigkeit durchsetzen wollen. die eigene/persönliche vorstellung von: das halte ich für gut und richtig und die parteiliche. dazu kommt, dass jeder gesprochene worte und erklärungen, statistiken und wissenschaftliche erörterungen… anders versteht, auffasst und interpretiert….
    die, die meckern, sollen verantwortung übernehmen und es besser machen. aber auch die werden kritik ernten, weil auch sie irgendwen nicht mit dem maß beachten können, wie der kritiker es sich wünscht….
    ich, ich möchte die verantwortung nicht tragen, die die „regierungschefs“ tragen…. ich, ich möchte diese entscheidungen nicht treffen müssen. bei den täglich sich ändernden erkentnissen, auswertungen, erfahrungen, rückschlüssen usw eine unlösbare aufgabe und trotzdem müssen sie… auch unsere regierung sieht sich das erste mal vor eine pandemie gestellt und was im herbst noch gut und richtig war, ist heute vielleicht schon längst überholt und schnee von gestern….
    warum fahren wir nicht einfach mal öfter nach „lobfelden“…..

    Gefällt 1 Person

    • 7. März 2021 07:49

      Moin. Deinen „flopp dahingeschmissenen Gedanken“ kann ich gut nachvollziehen … und „Lobfelden“ finde ich gut, da komme ich mit 😉
      Ja, es gibt eben viele Blickwinkel auf dieselbe Realität. Am Ende werden irgendwann die Statistiker abrechnen und uns ein nüchternes Zahlenwerk präsentieren, was dann wahrscheinlich aber auch wieder unterschiedlich interpretiert werden wird.
      Für die Verantwortlichen, sprich Regierenden, ist es in der Tat ein Ritt auf der Rasierklinge und sie werden nie die für jedermann richtigen Entscheidungen treffen, treffen können.
      Allerdings, bei aller Toleranz & Rücksicht, einiges ist wirklich suboptimal gelaufen, was auch gar nicht abgestritten wird: EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen gibt mittlerweile Fehler bei der Impfstoffbeschaffung zu und Kanzlerin Merkel bezeichnet es im Nachhinein als Fehler, im Herbst nicht früher in den Lockdown gegangen zu sein. Parallel dazu rechnen uns irgendwelche Experten die Auswirkungen dessen vor.
      Aber manche Kritik trifft auch die Verkehrten. Zitat Nikolaus Blome, gestern Abend per Twitter:
      Mir ist nicht klar, warum die (berechtigte!) Wut allein bei Merkel und @jensspahn runter geht: Für‘s Impfen vor Ort, von hotline bis 2.-Dosen und flexible Resteverimpfung sind allein die Länder zuständig … #Impfdesaster
      Na ja, so ist das. Und vielleicht hatte der alte Shakespeare recht: Ansich ist nichts weder gut noch böse. Das Denken macht es erst dazu. In dem Sinne, auf nach nach Lobfelden 😉
      Viele Grüße aus OH, habt einen schönen Sonntag

      Gefällt 2 Personen

      • 7. März 2021 10:05

        moin sven
        ja es stimmt, es lief und läuft nicht alles richtig. ich kann vieles nicht nachvollziehen oder hätte es mir anders gewünscht,….. dennoch finde ich es unglaublich schade, dass nur das negative so hochgepuscht wird.
        wirklich positiv bemerkenswert finde ich, dass die regierenden fehler zugeben 👍… im nachhinein ist man immer schlauer. ist so. wir leben vorwärts und müssen entscheidungen treffen, die im rückwärtsblick manchmal weniger optimal waren. verstehen tun wir leben eben nur im rückblick…. und da wir auf eine pandemie dieses ausmaßes, mit heutigen forschungsergebnissen, wissenschaftlichem und medizinischem stand, wissen, ergebnissen, erkenntnissen, usw noch nicht zurück blicken können,…. ist es noch „neuland“…..
        wie du sagst: „es gibt viele blickwinkel auf dieselbe realität“

        schön, dass du mitkommst nach „lobfelden“ 👍😊

        liebe grüße von der nordsee

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  4. 7. März 2021 14:42

    Hast du dich auch gebührend bei der Lütten (Berliner Schreibweise) bedankt, dass sie dich nicht in Dödeldorf angesiedelt hat? *haha* *hoho* *hihi*

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    • 9. März 2021 06:20

      Moin Clara. Das stimmt natürlich, wer möchte schon in Dödeldorf zusammen mit den vielen Dödeln wohnen? 😉 Dann lieber Glatzendorf 😉
      Zur Schreibweise: Das schöne an den Dialekten ist, dass man schreiben kann, wie man will, besser, wie man’s spricht. Klassiker sind für mich die beiden Wörter „das“ und „was“: „dat un wat“ oder „datt un watt“? Auf Souvenirs findest du hier häufig die Doppe-t-Schreibweise. Ich bevorzuge nur ein t und so lese ich das auch zumeist. Und wenn mal einer ankommen und klookschietern sollte, dass das falsch ist, dann segg ik him: „Dat ist uns Platt und wi schriev dat so. Mak di vun Acker!“ 😉
      Nein, Spaß beiseite, Ernst komm her: Sicher lassen sich verschiedene Dialekt-Spach- und Schreibweisen im Ursprung bestimmten Regionen zuordnen. Durch die Flüchtlingswanderungen ab 1945 ist jedoch vieles vermischt worden. Ich weiß noch, dass sich meine beiden Großväter nicht nur nicht verstanden haben, sondern auch unterschiedliches Platt gesprochen haben: Der eine aus Pommern meinte seins sei richtig, der andere aus Niedersachsen hielt seins für das richtige. He seggt so und se seggt so – und bums was der Krach da. Na ja, wat der Bur nich kennt, dat glövt he nich. Das war schon früher so 😉
      Viele liebe Grüße nach Berlin, bleibe gesund & munter!

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