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Antipoden

11. April 2021

Es regnet, also bin ich – und zwar am Lesen. Regnum ergo sum lego. Ich liebe Küchenlatein. Oder Latrinisch, wie mein alter Dozent in solchen Fällen zu sagen pflegte. Mit anderen Worten:

Füße hoch und es draußen pladdern lassen.

Ich lese etwas über X und Y, die seien wie Antipoden. Irgendwie bleibe ich an dem Wort hängen. Ich mag es, wenn Journalisten in die/meine Klamottenkiste nostalgischer Wörter greifen. Antipoden, eigentlich zwei sich gegenüberliegende Punkt auf unserer Erdkugel. Australien gilt als Antipode Europas und heißt deshalb Down Under. Oder so ähnlich. Doch wer sagt heute noch Antipoden? Jedenfalls habe ich den Begriff schon lange nicht mehr gehört oder gelesen. Der ist für mich in der Kategorie Kassettenrekorder, Telefonkarte und Oheim. Die Älteren erinnern sich. Ach ja, Erinnerungen sind dafür da, sich daran erwärmen zu können. Ob des Begriffs komme ich ins Sinnieren:

Meine Gedanken schweifen zurück in die 70er. In unserer niedersächsischen Fußballwelt waren Hannover und Braunschweig Antipoden. Oder Peine-West und Peine-Ost. Kein Fan des einen Vereins wollte den Namen des anderen aussprechen. Und weil Peine geografisch in der Mitte liegt, eben West und Ost. In der gesamtdeutschen Nord-Ost-Betrachtung waren Hamburg und München die Antipoden.

Damals, ich sag‘ nur: 1972, 1973, 1974 – Europa-Hattrick.

Heute sind die Münchener der Mittelpunkt der Fußballwelt – jedenfalls aus der Sicht des FC Bayern – und Hamburg ist in der Zweitklassigkeit verschwunden. Wie Hannover und Braunschweig. So ändern sich die Zeiten. Ebenso wie in der Autowelt Wolfsburg und Rüsselsheim. Entweder man fuhr bei uns einen Volkswagen oder einen Opel. Achtung Klischee: Die Alten, die Konservativen, fuhren einen VW, die Jüngeren allein schon zur Abgrenzung einen Opel.

Mein erstes Auto war ein Opel Manta A.

Inzwischen ist Wolfsburg das Zentrum der automobilen Welt und an der Börse glauben die Anleger, das bleibt so. I hope.

Ja ja, so war das damals. Politisch waren die beiden Helmuts Antipoden – der Schmidt und der Kohl, der Hamburger und der Pfälzer. Mögen sie in Frieden ruhen. Heute sind es, nein, werden es eine gebürtige Hannoveranerin und ein gebürtiger Nürnberger sein. Wetten? Ich glaube, wir werden zur kommenden Bundestagswahl wieder zwei Kandidat*innen mit entgegengesetzten und letztlich unvereinbaren politischen Anschauungen haben. Antipoden eben. Oder Antiopd*innen? Ich will schon mal gendergerecht schreiben – Mann weiß ja nie, wofür das mal gut ist 😉

Zurück zum Hier und Jetzt. Das sagt nämlich der eingangs erwähnte X häufig bis immer, jedenfalls in Pressekonferenzen. Trotzmütigkeit ist mehr seins als Wortdunst. Mir werden beim Schreiben dieses Wörter rot unterstrichen angezeigt und das zeigt mir wiederum, das sie seltenst im Sprachgebrauch sind. Affrontieren ist auch so ein Wort. Das passiert nämlich zwischen X und Y. Sie scheinen sich ständig gegenseitig herauszufordern und verteilen kaltgrimmig verbale Backpfeifen. Wenigstens machen sie aus ihrer gegenseitigen Abneigung kein Gaukelgeschwätz.

Dieses „Brazzo“-Trikot habe ich vor über 20 Jahren ergattert.

Gemeint sind natürlich, versierte Leser ahnen es, der Hansi und der Brazzo. Antipoden wie sie im Buche stehen. Es eint sie nur, dass sie in der Kommunikation bisweilen wie Einfaltspinsel daher kommen und das nötige Fingerspitzengefühl vermissen lassen. Oder das ist alles Kalkül. Wie auch immer, FC-Bayern-Chef Kalle sollte beide ans Schlafittchen packen und zur Räson bringen. Die beiden müssen sich ja nicht ständig bebauchpinseln, aber sie können doch kommod im Umgang miteinander sein. Ich habe den Hasan „Brazzo“ Salihamidzic als Typ immer gemocht. Doch selbst wenn er heute zwischen den Stühlen der (Trainer) Wünsche und des (wirtschaftlich) Machbaren sitzt, sollte er als Sportvorstand sanftselig über den Dingen stehen. Trainer Hansi Flick hat zwar mit den Münchenern alles gewonnen was es zu gewinnen gibt, aber in der Hierarchie ist er eben ein Angestellter des Clubs und kein Vorstand und sollte deshalb auch nicht den Dünkelmeister mimen.

Na, wie viele Wörter habt ihr gelesen,
die aus der nostalgischen Klamottenkiste stammen? 😉


823 [Inhaltsverzeichnis Sven Meier erzählt | Fotoblog]

7 Kommentare leave one →
  1. 11. April 2021 13:10

    Klartext zu Hansi Flick und Hasan Salihamidzic:
    Das sind zwei meinungsstarke Typen. Man muss nicht immer einer Meinung sein. Wichtig ist, dass beide ein gemeinsames Ziel haben und das ist der Erfolg des FC Bayern München.
    In den letzten 18 Monaten haben die beiden eine Mannschaft aufgebaut, die sechs Titel geholt hat und die attraktiven Fußball spielt. Beide müssen kein Liebespaar sein, sie müssen nur gut zusammenarbeiten.
    Das mit Flick und Salihamidzic ist ist nicht die erste und die letzte Aufregung, die es beim FC Bayern gegeben hat. Es wird wie üblich auch eine Menge hineininterpretiert. Ich sage, es ist definitiv nicht so, wie es öffentlich dargestellt wird.

    Gefällt 1 Person

  2. 12. April 2021 17:36

    Ein Opel Manta ! Kenne ich noch gut und mir scheint der ist ein bisschen Rallye mässig aufgemotzt ! 4 Halogen Scheinwerfer waren damals „In“ !!! Ist da nicht die Motorhaube auch teilweise in schwarz ? ! Kenne das vom Opel Kadett Rallye !!!!

    Gefällt 1 Person

    • 17. April 2021 07:15

      Moin Manni,
      sorry, Antwort kommt späte, aber sie kommt.
      Ja, der Manta war zum Schluss ganz schon verbastelt und hatte auch ein paar Pferdestärken mehr als das Original. Das waren die Sturm- und Drangzeiten eines jungen Erwachsenen 😉 die alsbald endeten als das begann, was man den „Ernst des Lebens“ nennt 😉
      Grüße von der Ostsee, bleibe munter&negativ!

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      • 17. April 2021 11:09

        ich wusste es ! War mit 18 oder 19 genauso ! Da wurde auch schon mal ein Frontspoiler angebracht oder ein Teil schwarz lackiert !
        Was den Ernst des Lebens betrifft war bei mir genauso ! Das Geld war auf einmal nur hoch die Hälfte wert ! Heute ist das Auto für mich ein reiner Gebrauchsgegenstand ohne groß was zu investieren. Sauber und gepflegt ja aber keine Extras die eh keiner braucht !!!
        VG Manni

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      • 22. April 2021 21:15

        Moin. Genau. Mit dem Alter … äh, dem älter werden 😉 sind neben der Lust und dem Spaß am Fahren ein paar ökonomische und ökologische Gedanken dazu gekommen.
        Aber stimmt schon, das Auto ist heute auch für mich nur noch ein reiner Gebrauchsgegenstand und nicht mehr.
        Viele Grüße von der Ostsee.

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      • 23. April 2021 07:55

        danke und ja wir sind vermutlich nicht die einzigsten die so denken !!! Schönes Wochenende

        Gefällt mir

Trackbacks

  1. Liebes @ntv: Meinen täglichen #Flick gib mir heute | Sven Meier erzählt

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