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CV-Tagebuch 16-04-2021 [1 Jahr später]

16. April 2021

Liebes Coronavirus-Tagebuch,
vor einem Jahr habe ich angefangen in dir zu schreiben. Ich schreibe ja immer, wenn mir etwas wichtig ist – oder, was wohl häufiger vorkommt, ich etwas nicht verstehe. Manchmal kommt eben mit dem Schreiben das bessere Verständnis. Ja, heute wissen wir viel mehr über das Virus als noch vor einem Jahr zu Beginn der Pandemie. Obwohl, das mit dem „Wissen“ ist so nicht korrekt: „Wir“ wissen eigentlich wenig, aber es gibt Leute, die viel wissen und die teilen ihr Wissen mit uns. Prof. Drosten z. B. mit seinem Podcast. Leider wurde er (wie andere auch) oft genug (wissentlich) falsch interpretiert. Aussagen wurden aus dem Kontext genommen und der Konjunktiv wurde geflissentlich ignoriert. Sprich die Möglichkeitsform wurde medial zum tatsächlichen (zu erwartenden) Geschehen. Und wenn es beliebte, auch andersrum: Deutliche Vorhersagen wurden in den Bereich des vielleicht Möglichen gerückt.

He glöövt dat nich, wat dat Regen gifft, bit em dat ut de Steveln drift!

Der letzte Sommer war easy und viele von uns haben geglaubt – trotz den Warnungen aus der Wissenschaft – das Gröbste sei überstanden. Der Rest ist Corona-Geschichte. Bei uns in Ostholstein hatten wir bis Ende Oktober 0 Corona-Tote, heute sind es 79. Weil unsere Inzidenzwerte mit unter 50 niedriger waren als anderswo, durften die Geschäfte Anfang März wieder öffnen. Seit einigen Tagen ist auch die Außengastronomie wieder gestattet und ab kommenden Montag sollten Urlauber wieder übernachten dürfen. Sollten! Wegen steigender Inzidenzzahlen ist das nun erstmal verschoben und der Einzelhandel darf nur noch Click&Meet anbieten.

Wobei dass mit der Inzidenz natürlich so eine Sache ist und (nicht nur) jedem Mathematiker dürften sich die Haare sträuben, wenn allein dadurch behördliche Verfügungen abgeleitet werden: Wird mehr getestet, führt das logischerweise zu mehr Infektions-Meldungen. Die Infizierten wären sonst unerkannt geblieben, hätten ihre Mitmenschen anstecken können und deshalb sind Tests gut so. Aber die Sieben-Tage-Inzidenz reflektiert nur die positiven Tests und nicht, wie schwer die Menschen erkrankt sind. Die letzten Gradmesser sind die Belegung der Intensivstationen und in der Konsequenz leider auch die Auftragsbücher der Bestatter.

Wenn in 4 ostdeutschen Bundesländern die Letalitätsrate deutlich über dem Bundesdurchschnitt (2,6) liegt, heißt das nicht, dass dort Corona-Erkrankungen tödlicher verlaufen als im Rest der Republik. Allerdings gibt es eine Korrelation zum Wahlverhalten und einer nicht so ausgeprägten Fähigkeit, Nachrichten einzuordnen und zu hinterfragen (SNV-Studie). Das kann alles rein zufällig sein, aber ein kausaler Zusammenhang zwischen AfD-Wähler = Corona-Skeptiker = mangelnde Nachrichtenkompetenz darf zumindest in der Tendenz vermutet werden = Konjunktiv, könnte sein. Persönlich bin ich dabei wieder bei dem nicht vorhandenen Konsens über das Anerkannte.

Wir wissen heute viel über COVID-19: Von den Aerosolforschern, dass sich das Virus hauptsächlich in geschlossenen Räumen verbreitet und draußen – wenn man sich nicht gerade längere Zeit im Pulk aufhält – kaum eine Chance hat. Die Erfahrungen der Diagnose-Laboren zeigen, dass die Schnelltests bei einer infizierten Person, die in der Regel acht Tage lang ansteckend ist, eine Infektion an den ersten drei Tagen häufig nicht entdeckt wird. Und wir wissen, dass Virus-Mutanten alles über den Haufen werfen können. Schon heute wird prognostiziert, dass wir mit dem Virus und seinen Ablegern werden leben müssen und eine Corona-Impfung zukünftig so üblich wird, wie die jährliche Grippe-Schutzimpfung.

Nach über einem Jahr Pandemie mit vielen -meist zutreffenden – Warnungen aus der Wissenschaft müssen wir konstatieren, dass allein unser Verhalten für die Ausbreitung des Virus verantwortlich ist, dass das Virus jede Halbherzigkeit ausnutzt und schon gar nicht mit sich verhandeln lässt.

Aktuell debattiert die Politik über die sog. „Bundesnotbremse“. Rechtliche Bedenken werden geäußert, von einem „obrigkeitsstaatlichem Denken“ wird gesprochen, andere halten die Bundesregierungsinitiative wegen des föderalen Flickenteppichs mit unzureichenden Maßnahmen für längst überfällig.

He seggt so und se seggt so – un bums was de Krach da.

So ist kaum verwunderlich, dass bisher regionale Beschränkungen immer wieder von den Gerichten gekippt wurden, weil Behörden nicht darlegen konnten, dass Maßnahmen verhältnismäßig sind und das mildeste Mittel darstellen. Das hat was von willkürlichem Aktionismus. Andere Länder bzw. Kommunen haben sich mit Lockerungsmodellen versucht, die mittlerweile als gescheitert gelten.

Während im Bundestag geredet wird, rufen die Intensivmediziner um Hilfe. Christian Karagiannidis ist wissenschaftlicher Leiter des DIVI-Registers, also so etwas wie der oberste Verwalter der Intensivbetten:

Ich glaube, dies wird nicht der letzte Eintrag in mein Corona-Tagebuch gewesen sein. Dabei wünsche ich mir sehnlichst, dass er es wäre. Bleibt munter, gesund & negativ. Oder gute Besserung.


824 [Inhaltsverzeichnis Sven Meier erzählt | Fotoblog]

8 Kommentare leave one →
  1. 16. April 2021 18:59

    Von meiner „Lieblings-Mathematikerin“ habe ich diese Antwort per Mail erhalten und füge sie per copy&paste ein:

    Der 7-Tage-Inzidenzwert ist ein sehr interpretierungswürdiger Wert mit einer volatilen Basis. Nebenbei ist es für mich ein Unding, dass weder der Bund noch die Länder über Ostern aussagekräftige Werte hatten und das RKI bis vorgestern auf die Unzuverlässigkeit der Daten hingewiesen hat.
    Für eine Modellierung darf eine gleiche tödliche Wirkung des Virus angenommen werden. Um eine gleiche Letalitätsrate zu haben, müsste also überall gleich viel im Verhältnis zur Landesbevölkerung getestet worden sein. Wenn Brandenburg jedoch 3,6 und wir in Niedersachsen 2,4 Prozent haben, bedeutet das, dass bei uns mit dem Faktor 1,5 mehr getestet wurde, wir dadurch offiziell 50 Prozent mehr Infizierte hatten. Das mag dann beispielhaft im Herbst dazu geführt haben, dass Brandenburg noch mit einer Inzidenz von 80 „glänzte“, während in Niedersachsen mit einer Inzidenz von 120 die Schulen geschlossen wurden.
    Es stimmt also, dass mit weniger Tests die Inzidenz „geschönt“ werden kann, aber anderseits die Letalitätsrate dadurch in die Höhne schnellt.
    Das war Punkt 1, nun Punkt 2:
    Die Inzidenz verliert zunehmend ihren Sinn, wenn die Berechnung nicht angepasst wird. Durch die steigende Impfquote entfernt sich die Zahl immer mehr von der Realität. Beispiel:
    Aktuell haben wir eine Inzidenz von 160, basierend auf 133.000 Infizierten in 7 Tagen und einer Bevölkerung von 83 Mio. Ziehen wir von der Gesamtbevölkerung bspw. 10 Prozent vollständig Geimpfte und Genesene ab, ergibt sich eine Inzidenz von 178.
    Frau Merkel als Physikerin weiß das sicherlich, aber vielleicht will sie ihre Kollegen nicht überfordern 😉

    Ich sag‘ mal …: Ja, stimmt. Um es noch anschaulicher darzustellen: Wenn im Sommer 50% der Bevölkerung geimpft sein sollten und wir jetzt Ausnahmen vernachlässigen und einfach davon ausgehen, dass diese eine Hälfte der Bevölkerung zumindest für absehbare Zeit gegen das Virus immun ist und niemanden mehr anstecken kann, entspräche eine Inzidenz von 100 real 200.

    Gefällt 2 Personen

    • 18. April 2021 07:25

      So habe ich das noch nicht gesehen. Aber es leuchtet ein. Liest euer Kubicki deinen Blog? Denn hinsichtlich der Inzidenz hat er gestern so ähnlich in einem Interview argumentiert.

      Gefällt 1 Person

  2. 16. April 2021 21:44

    Wenn man ehrlich ist, dann muss eingestehen, dass nicht nur einzelne Minister der Frau Bundeskanzlerin überfordert snd, sondern auch die Ministerpräsident-Innnen.
    In fünf Monaten kommt die Abrechnung!

    G. l. G. Jochen

    Gefällt 2 Personen

    • 17. April 2021 07:07

      Moin Jochen.
      Keine Widerrede. Wobei die MP auch beeinflusst sind von ihren jeweiligen Koalitionspartnern. Ich bin mir nicht sicher, ob wir in SH ohne die Grünen und die FDP am Kabinettstisch unseren „Perspektivplan“, was passiert wenn, so in der Form hätten. Das ist ein positives Beispiel, aber es gibt auch negative.
      Anekdote am Rande – und er hat im NDR widerwillig selber zugegeben, das so gesagt zu haben:
      Hamburg Bürgermeister Tschentscher, im Erstberuf ein Doktor der Medizin, in einer MP-Konferenz wg Corona zu seinen 15 MP-Kollegen: Ich komme mir vor wie ein Heizungsmonteur, der 15 Tischlern erklärt, we man eine Heizung repariert.
      Bleibe munter&negativ,
      Grüße von der Ostsee

      Gefällt 1 Person

  3. 17. April 2021 11:11

    So ist es Sven!
    Wie heißt es in deutschen Landen so schön: Abwarten und Tee trinken! Sie werden das Schiff schon schaukeln – ist nur die Frage: wohin ?????
    Wünsche ein Supi-Wochenende!

    G. l. G. Jochen

    Gefällt 1 Person

    • 22. April 2021 21:10

      Ja Jochen. Wohin?
      Wir haben hier an der Küste einen Spruch:
      „Du kannst den Wind nicht ändern, aber die Segel richtig setzen.“
      Nur blöd, wenn einer nicht segeln kann 😉

      Gefällt 1 Person

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