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Die zweitschönste Nebensache der Welt

9. Mai 2021

Fußball zwischen Kommerz und Religion

Vorweg, warum ist für mich Fußball nur die „zweitschönste Nebensache der Welt“? Na ja, ich sag‘s mal so mit Günter Grass: „Der Ball rund ist, meiner hat eine Delle“. Als Konfessionsloser bin ich auf alle Fälle ein Fußball-Atheist und mein Glaube an Gott oder Götter ist begrenzt. In den Religionen sowie im Fußball gibt es für mich Mysterien, die sich mir rational einfach nicht erschließen.
Nee, ich bin mehr der naturwissenschaftlichen Realität zugetan und im Weltlichen gibt es eben doch noch Schöneres. Aber manchmal bleibe ich am gesellschaftlichen Klebstoff namens Fußball haften. Zumindest solange, wie es nichts Wichtigeres gibt. Oder Schöneres. Doch mit der zunehmenden Kommerzialisierung des Sports verliert der Klebstoff mehr und mehr seine Wirkung.

Fußball und Religion

Aus meinem Archiv. Die Kirche setzt sich immer wieder mal mit dem Thema auseinander.

Die Bayern, die vom FC, sind schon wieder Meister. Glückwunsch! Das neunte Mal in Folge. Das dreißigste Mal in der 58jährigen Geschichte der deutschen Fußball-Bundesliga. Für die Münchener hat die Bundesliga-Geschichte jedoch nur 56 Jahre, denn die beiden ersten waren sie noch nicht mit dabei. Dafür ist die Vereins-Geschichte länger, nun 121 Jahre seit 1900, und damit dürfen die Bayern durchaus als so etwas wie ein Traditionsverein gelten. Ein Fall für Fußball-Romantiker. Oder -Statistiker, wobei das eine das andere nicht ausschließen muss. Eines haben dieses Fans gemein: Ihre Huldigung für ihren Verein nimmt oft religiöse Formen an und bisweilen wird davon gesprochen, dass dem Fußball mit rund 4 Mrd. Fans global mehr Menschen zugetan sind, als den beiden großen Religionen auf der Welt, dem Christentum (~2,1 Mrd.) und dem Islam (~1,5 Mrd.), zugerechnet werden. Ist solch ein Vergleich Blasphemie, grenzt der an Gotteslästerung?
Na ja, selbst Theologen sind sich in dem Punkt uneins und seit je her wird beim Fußball vom „heiligen Rasen, Fußballgöttern und dem erlösenden Tor“ gesprochen. Der Fußball hat wie eine jede Religion seine Rituale und herausragende Fußballstars werden wie Heilige verehrt. Sogar „die Hand Gottes“ war schon mit im Spiel. Noch eine Parallele gibt es: Die Rivalität untereinander, den „heiligen Krieg“. Den kennen wir aus der Geschichte von den Christen und im Islam schlagen sich heute noch die Sunniten und Schiiten die Köpfe ab. Ähnlich beim Fußball, nur schlagen sich die Fanatiker verfeindeter Vereine nicht die Köpfe ab, sondern nur ein. Und das noch, Stichwort „Trennung zwischen Staat und religiösen Institutionen“: Der Fußball hat sein eigenes normatives Recht, genauso wie die Religionen ihre „heiligen Schriften“ haben. Was für die Christen die Bibel, für den Islam der Koran, ist für die Fußballer das FIFA-Regelbuch. Das alles gepaart mit einer eigenen Gerichtsbarkeit, die hin und wieder mit dem weltlichen Recht nicht so ganz kompatibel erscheint.

Fußball und Kommerz

Die Kehrseite der Fußball-Medaille ist, dass der Profifußball heute im Grunde nichts mehr für Fußball-Romantiker ist. Viele (ältere) Fans wünschen sich die alten Zeiten zurück, als der Sport noch nicht seine Identität verkauft hatte. „Damals“, als der Strafraum noch nicht „Box“ hieß, die Spieler gespielt und nicht „performed“ haben und die Fußballschuhe schwarz waren. Entweder mit den drei Adidas-Streifen drauf oder dem Puma-Formstrip. Und die Vereine gehörten noch ihren Mitgliedern. Die bezahlten ihre Beiträge und die Eintrittsgelder und daraus wurde in der Hauptsache alles finanziert. Und heute? Die großen Vereine sind zu mittleren Wirtschaftsunternehmen mutiert mit Jahresumsätzen, die Richtung eine Milliarde Euro gehen. Die meisten Profifußballabteilungen sind von den Vereinen ausgegliedert und fungieren heute als Aktiengesellschaften (oder so ähnlich). Ohne üppige Gelder aus der Wirtschaft, als Gegenleistung für Werbung, und einer ideenreichen Selbstvermarktung kommt kein Verein mehr über die Runden.

Kaum ist die Meisterschaft eingefahren, werden die speziellen Trikots ausgerollt = Geld verdienen!

Wer nicht optimal mit dieser Zeit geht, der geht mit der Zeit. Und zwar in die zweite Liga. Oder dritte. Da die Anzahl der Vereine in den jeweiligen Ligen festgeschrieben ist, muss zwangsläufig ein suboptimal geführter Verein nach unten, wenn sich ein anderer durch ein starkes Management nach oben arbeitet. Wobei die Methoden bzw. die Finanzflüsse hier und da als fragwürdig gelten dürfen und das statutengemäße Financel Fairplay nicht mehr als einen zahnlosen Tiger darstellt. Aber so ist das System: Die Reichen werden immer reicher und unter dem Strich schießt Geld halt Tore. Nicht immer, aber immer öfter. Der letzte Versuch, den Fußball zum endgültigen Wirtschafts-Produkt zu degradieren und selbiges auszuquetschen wie nur irgend geht, war vor Wochen die Gründung einer Fußball-Super-League. Noch konnten sich die Fans dagegen wehren und die Pläne wurden wieder ad acta gelegt. Vorerst. Na ja, wir werden sehen.
Eins darf jedoch beruhigen: Das Gesetz der Serie. Zu dem gehört nämlich auch, dass eine jede Serie einmal reißt. So wäre es ein Anachronismus der Fußball-Geschichte, wenn ausgerechnet der derzeit teuerste Fußball-Trainer der Welt, Julian Nagelsmann als zukünftiger Bayern-Trainer und somit Flick-Nachfolger, mit dem FCB nicht die zehnte Meisterschaft in Folge einfahren sollte. Der Fluch des ewigen Gewinnens. Wiedervorlage in einem Jahr 😉

Aber wie eingangs gesagt: Es gibt Schöneres und Wichtigeres als Fußball. Das gilt bis zur Europameisterschaft in ein paar Wochen. Dann sitzt wieder halb Deutschland vor der Glotze und ereifert sich. Wetten?


829 [Inhaltsverzeichnis Sven Meier erzählt | Fotoblog]

3 Kommentare leave one →
  1. 10. Mai 2021 00:14

    Auch ich lasse mich mal von den Qualitäten des J. Nagelsmann überraschen, wie er mit den Stars des FC BM und dem Sportdirektor H.S. sowie der Chefetage zurecht kommt.

    G. l. G. Jochen

    Gefällt 1 Person

    • 12. Mai 2021 09:36

      Moin Jochen.
      Ja, es wird spannend, ich bin gespannt. Was zurzeit so passiert, ist für mich mysteriös. Aber was weiß ich schon 😉
      Die Dortmunder kaufen Trainer Rose bei den Gladbachern aus dem Vertrag raus. Seit dieser Bekanntgabe „performen“ die Gladbacher nicht mehr und müssen sich glücklich schätzen, wenn sie sich überhaupt noch für das unterklassige internationale Geschäft qualifizieren. Das ist kein Gütesiegel für den Trainer. Der aktuelle Dortmunder Trainer Terzic hingegen hat zurzeit die Dortmunder wieder auf einen Platz für die Champions League geführt und das Pokal-Finale erreicht. Ich kenne Dortmund-Fans, die sich fragen, warum der Verein so viel Geld für einen neuen Trainer ausgibt, obwohl, Zitat Hummels: „Terzic Cheftrainer? Das Zeug dazu hat er zweifellos!“
      Vielleicht hätten die Gladbacher einfach die Millionen für Rose einstecken und im Wechsel Terzic von Dortmund holen sollen? Nein, stattdessen kaufen sie für fast die gleiche Summe Trainer Hütter bei den Frankfurtern aus dem Vertrag. Seitdem „performen“ die Frankfurter auch nicht mehr und sind justement aus den Champions League Plätzen gefallen. Dortmund freut sich.
      Ach ja, in Anlehnung an Einstein sind drei Dinge unergründbar: Das Universum, die Frauen und der Fußball 😉
      Viele Grüße & bleibe munter

      Gefällt 1 Person

      • 24. Mai 2021 00:31

        Bin zwar Berliner, aber ich schwärme für den BVB. Nicht so, dass ich in schwarz-gelber Bettwäsche schlafe, aber ich freue mich schon seit Jahren an den Verein, seitdem ich einige Jahre am Ruhrpott gelebt und mein Herz dort verloren habe.
        Dem Hummels möchte ich zustimmen und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass nach dem Pokalfinale auch der Watzke sich zu dieser Erkenntnis hat durchringen müssen.

        G. l. G. Jochen

        Gefällt mir

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