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Zurück in die Zukunft: Gorleben 1980

22. August 2021

Viele Wegen führen bekanntlich nach Rom. In Abwandlung dieser Redewendung führen auch viele in meine Alte Heimat. Bspw. durch das Wendland. Der Umweg sind tatsächlich nur 50 Kilometer und Mann erspart sich den Stress auf der A1&7.

Wendland? Den meisten dürfte vielleicht eher Gorleben ein Begriff sein – in Verbindung mit dem Atommüll-(End)-Lager Gorleben. Oh ja. Erinnerungen werden wach. 1980:

STOP
ATOMKRAFT? NEIN DANKE!
ATOM-MÜLL AUCH NICHT!

Das war damals die Zeit, als die Obrigkeit meinte, Atomstrom sei die Zukunft. Und weil der hochradioaktive Atom-Müll aus den Kraftwerken irgendwo für tausende von Jahren endgelagert werden musste, hatte die damalige niedersächsische Landesregierung unter Ernst Albrecht (CDU, Vater der heutigen EU-Kommissionpräsidentin Ursula von der Leyen) 1977(?) den Salzstock bei Gorleben dafür ausgeguckt.

Gorleben das war quasi am Arsch der Welt. Östlich, gleich hinter dem Dorf, fließt die Elbe und auf der anderen Flussseite begann die Ostzone. Meiner Erinnerung nach war ich 1980 dreimal in Gorleben und wir sind gerne an dieser Stelle gefahren, um auf der anderen Elbseite die DDR-Grenzer zu verarschen grüßen.

Ansonsten sind meine Erinnerungen nach 41 Jahren schwach, schwächer, am schwächsten. Für mich sieht nichts mehr so aus wie früher. Auch im Ort nicht. Vielleicht, weil ich mich auch nicht erinnern wollte: Einerseits war ich als (junger) Beamter dem Land Niedersachsen verpflichtet, anderseits habe ich null bis nix von der Atomkraft gehalten. Ich gehör(t)e zu denen, für die die Zukunft anders aussehen soll(te). Ich denke mal, dass auf diesem Gelände, wo heute das Erkundungsbergwerk seht, Anfang 1980 vor Ort alles angefangen hat: Erste Bohrung am Bohrloch 1003, das Gelände wurde darauf blockiert und später von der Polizei geräumt und hermetisch abgeriegelt. Hinten (durch das Tor geblickt) die Betonmauer, die könnte noch von damals sein.

Unweit davon wurde wurde Wochen später der Bereich um das Bohrloch 1004 besetzt, ein Hüttendorf errichtet und die Republik Freies Wendland ausgerufen. Durch einen Großeinsatz der Polizei wurde das Dorf am 4. Juli 1980 geräumt und dem Erdboden gleichgemacht. Ein bis heute denkwürdiges Datum. Vor Jahren wurde ortsnah eine Schutzhütte nebst Aussichtsturm errichtet – quasi als Erinnerung an das damalige Hüttendorf – so wurde mir das erzählt.

Vis-à-vis das Beluga Dreieck, heute ein Ort des Widerstandes mit dem Aktionsschiff Beluga der Umweltschutzorganisation Greenpeace als Mahnmal (Infopunkt).

So sieht es heute aus. (Zum Vergrößern auf die Bilder klicken) Links das irgendwann dazu gekommene Zwischenlager für die Castoren und rechts das Erkundungsbergwerk – seit 2014 nur noch im Offenhaltungsbetrieb.

Gorleben … stand damals für die Zukunft – wie sie in den Köpfen der Wirtschaft und großen Teilen der Politik sein sollte – und wie sie es eben für die Anti-Atomkraft-Bewegung nicht sein durfte. Der Rest ist Geschichte. Tschernobyl 1986, Fukushima 2011, Kernenergie & Schwarmintelligenz: Deutschland hat zwar 2011 den Atomausstieg beschlossen, aber im Rahmen des Klimawandels gibt es wieder neue Diskussionen, weil Atomkraftwerke ja kein CO2 produzieren. Nee, CO2 nicht …. Und wer weiß, ob es Die Grünen als Partei heute so ohne die Anti-Atomkraft-Bewegung geben würde? Zukunft eben. Und was wir 1980 an der Elbe mit Blick nach drüben gehofft haben, auch. Oder wie ein großer deutscher Ex-Kanzler (>1,90) einst sagte: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.“

841 [Inhaltsverzeichnis Sven Meier erzählt | Fotoblog]

6 Kommentare leave one →
  1. 22. August 2021 12:04

    Hi Sven,
    vielen Dank für deinen Artikel über Gorleben. Irgendwo demonstrierte ich auch gegen Atomkraft in den 70ern, aber das war wohl nicht in Gorleben, das kam ja später.
    Alles Gute
    Klausbernd 🙂

    Gefällt 1 Person

    • 24. August 2021 10:18

      Moin Klausbernd.
      Ja, in den 70er- und in den 80er-Jahren hat es hierzulande unzählbare Demos gegen die Atomkraft gegeben. M. E. die Geburtsstunde der Grünen als Partei. Na ja, die Entwicklung ist Geschichte. Für mich war es schon ein bisschen …, ich sag‘ mal „bewegend“, nach über 40 Jahren wieder an diesem Ort gewesen zu sein. Damals musste ich dienstlich hin und wäre privat gerne unter den Demonstranten gewesen. Na ja, alles wird gut. Irgendwie. Irgendwann 😉
      Viele Grüße zu euch, bleibt munter!

      Gefällt 1 Person

  2. 22. August 2021 16:26

    Der Mensch hat wirklich zeitig und radikal angefangen, seine Welt kaputt zu machen – und hat versucht, den Menschen einzureden, dass es nur zu ihrem Besten sei.
    Gruß zu dir

    Gefällt 1 Person

    • 24. August 2021 10:23

      Moin Clara.
      Zwischen Reisetasche aus- und wieder einpacken fix noch ein paar Zeilen hier zu dir:
      Ja, keine Widerworte. Vielleicht haben wir es „damals“ wider besseres Wissen getan, obwohl es Mahnungen schon in den 70er-Jahren gab … und wir es hätten eigentlich besser wissen können oder müssen.
      Heute denke ich an die Kleinen, die Enkelkinder und die noch nicht geborenen. Was werden wir denen für eine Welt hinterlassen?
      Liebe Grüße nach Berlin!

      Gefällt mir

      • 24. August 2021 10:50

        Die DDR hatte ja vielleicht nicht allzu viele gute Seiten. Aber wir haben nicht 10% von den Plastik in die Welt gesetzt und verbraucht, wie es jetzt in diesem Land üblich ist. Alt sein hat auch seine Vorteile.

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