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Van den Fischer un siine Fru

2. November 2021

Die Älteren unter uns kennen vielleicht noch dieses Märchen aus Büchern der Brüder Grimm:

Manntje, Manntje, Timpe Te,
Buttje, Buttje inne See,
myne Fru de Ilsebill
will nich so, as ik wol will.

Kurzform: Der Fischer, der mit seiner Frau Ilsebill in einer armseligen Hütte (Pissputt) lebt, fängt einen Zauberfisch (Buttje) und lässt ihn wieder frei. Ilsebill verlangt darauf von ihrem Mann, er solle den Fisch rufen, damit der als Dank für sein Leben ihr einen Wunsch erfülle. Als ihre Wünsche, zum Unwillen ihres Mannes, immer maßloser werden, findet sich sich in ihrer Pissputt wieder.

Hin und wieder muss ich an das Märchen denken – wenn es eben kein Märchen, sondern ganz real ist. Unlängst wieder, als die EU für die Ostsee wegen des zurückgegangenen Fischbestandes drastische Fangquoten verhängt hat. Zwar hat man sich eng an die wissenschaftlichen Empfehlungen des Internationalen Rates für Meeresforschung (ICES) gehalten, trotzdem hat unsere zuständige Ministerin Julia Klöckner den Beschlüssen nicht zugestimmt – denn sie würden für die deutsche Ostseeküste das Ende der Küstenfischerei bedeuten. So ist es zu lesen. Ich frage mich allerdings: Was bliebe an Fisch – und in der Konsequenz an Küstenfischerei, wenn weiter maßlos gefischt werden würde wie bisher? Julia als Ilsebill?

Nein, ich will das gar nicht werten. Das überlasse ich den Fachleuten. Mir geht es mehr um das System. Denn was wir zurzeit bei der Fischerei erleben, gilt gleichermaßen für die Land- und Forstwirtschaft. Wenn die Natur immer mehr belastet bzw. ausgebeutet wird, was bleibt am Ende? Gewinnmaximierung vor Artenerhaltung? Wie lange soll das gut gehen?

Um nicht missverstanden zu werden: Die Fangquoten haben nicht nur damit zu tun, dass in der Vergangenheit zu intensiv gefischt wurde. Der Klimawandel hat ebenso seinen Anteil an der Dezimierung des Fischbestandes. Höhere Wassertemperaturen mindern die Wasserqualität zum Schaden der Fische, Jungfische finden weniger Nahrung und können sich folglich nicht mehr gut entwickeln. Und so weiter. Genauso hinterlässt der Klimawandel seine Spuren in den Ländereien und Wäldern.

Was wir im Kleinen täglich erleben können – landwirtschaftliche Monokultur und große Massentierhaltungsställe, sterbende Fichten-Industrie-Wälder und Klageplakate der Fischer – gilt natürlich auch für das globale Große. Aber solange die Ilsebills dieser Welt in ihrer Maßlosigkeit die Richtung vorgeben, solange gilt was UN-Generalsekretär António Guterres vorgestern auf dem Weltklimagipfel – COP26 – in Glasgow gesagt hat:

„Es ist an der Zeit, zu sagen: genug. Genug brutale Angriffe auf die Artenvielfalt. Genug Selbstzerstörung durch Kohlenstoff. Genug davon, dass die Natur wie eine Toilette behandelt wird. … Wir schaufeln uns unser eigenes Grab.“

António Guterres am 31. Oktober, COP26, Glasgow

Bleibt munter und zuversichtlich!

853 [Inhaltsverzeichnis Sven Meier erzählt | Fotoblog]

6 Kommentare leave one →
  1. 2. November 2021 16:46

    Guterres hat Recht. Wir, die Menschheit, sind dabei, uns unser eigenes Grab zu schaufeln. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Von der Leyen sprach kürzlich davon, dass es um das Überleben der Menschheit geht. Das klingt zwar alles drastisch, aber korrekter hätte es beide Funktionäre in exponierter Stellung nicht ausdrücken können. Aber „Ilsebill“ scheint das nicht zu interessieren. Nach ihr die Sintflut.

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  2. 2. November 2021 17:48

    Hallo Sven, ich könnte natürlich jetzt sagen, ich habe genau so wenig Zeit wie du zum Antworten, ich muss schaufeln. Bei mir machte das ja langsam Sinn, nur will ich kein richtiges Grab – da muss ich nicht so viel schaufeln.
    Der Mensch ist so unendlich maßlos – und die Politik unterstützt den Raubbau und die Produktionssteigerung gewaltig – es wird viel zu viel auf der Welt produziert und dann fast ungebraucht entsorgt. Bloß gut, dass ich keine 7 Jahre mehr jung bin und in diesen Schlamassel hineinwachse. – Ich wachse langsam daraus hinaus.
    Und tschüss!

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    • 3. November 2021 10:02

      Moin Clara. Jo, de Minsch warrt to fröh oolt un to laat klook. „Keine 7“, ja, meine Lüdde ist noch „keine7“. Aber als alte Frau wird sie am Ende des Jahrhunderts wahrscheinlich das aushalten müssen, was „die Wissenschaft“ heute prognostiziert und was uns noch erspart bleibt. Das sind die sorgenvollen Gedanken, dich ich mir heute mache.
      Grüße von der immer wärmer werdenden Ostsee

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      • 3. November 2021 14:26

        Definitiv wird sie das aushalten müssen, was schon in den letzten Jahren und immer noch verbockt wird – nicht allein nur von der Politik – so viel besser sind die Normalos auch nicht.
        Wenn es sich später in dieser Welt noch lohnt, alt zu werden, dann wünsche ich das natürlich allen Kindern – aber ich habe meine berechtigten Zweifel daran.
        Lass dich grüßen, du LieblingsSven.

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Trackbacks

  1. 6 x Oktober | SvenMeierFoto

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