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„Das interessiert doch keine Sau!“

17. November 2021

Hand hoch, wer kennt diesen Spruch? Und warum „Sau“, und nicht „Esel“? Dazu am Ende mehr.

Wahrscheinlich folgt jetzt ein Beitrag, den auch „keine Sau interessiert“. Das ist für mich ok. Bisweilen schreibe ich nur für mich, um etwas besser auf Reihe zu kriegen. Wie früher beim Spickzettel: War er geschrieben, hatte ich ihn nicht mehr nötig.

Es geht mir um das leidige Thema Impfen und ich versuche das für mich einzuordnen. Diese Grafik habe ich etwas verbastelt und vielleicht fragen sich nicht nur die Mathegenies unter uns, wie aussagekräftig sie ist. Genau wegen dieser Fragestellung verzichten andere Länder auf diese Differenzierung. Ebenso pauschal und hinterfragungswürdig ist diese Aussage:

Warum? Weil wir inzwischen aufgrund einer viel beachteten und gelobten Studie aus Schweden (->Hinweis vom 18.11.) um die unterschiedliche Wirksamkeitsdauer der einzelnen Impfstoffe wissen – wenigsten tendenziell:

Ich meine, der Epidemiologe Prof. Kekulé sprach vor Tagen in einem Interview auch davon, dass nach > 6 Monaten die Wirksamkeit des AstraZeneca-Impfstoffs in Richtung 0 tendiert. Will heißen: Eine ungefähr zeitgleich mit mir geimpfte Kollegin, geimpft mit AstraZeneca, könnte jetzt nach > 6 Monaten quasi ohne (ausreichenden) Impfschutz sein, während ich, geimpft mit Moderna, noch 60 Prozent habe. Das kann schon einen Unterschied machen und hat mich vielleicht neulich vor Schlimmeren bewahrt. Nein, ich will hier nicht anfangen zu Nörgeln – einzelne Zahlen mögen skeptisch zu betrachten sein, an der eindeutigen Tendenz wird das nichts ändern. Und solange wir rund 15 Millionen erwachsene Menschen ohne vollständigen Impfschutz in Deutschland haben, dazu die unter 18jährigen, wird das so bleiben.

Konsequenterweise müssten wir anfangen, alle nur mit AstraZeneca Geimpften von der Zahl der vollständig Geimpften abzuziehen, wenn ihre zweite Impfung länger als 6 Monate zurückliegt. So wie in Israel, jedenfalls habe ich das in einem Fachbericht gelesen, wo hauptsächlich AstraZeneca verimpft worden ist und deshalb alle nach 6 Monaten wieder wie Ungeimpfte behandelt und zu einer dritten Impfung eingeladen werden.

Ok, das habe ich nunfür mich auf Reihe und mit jedem Kaffeepott wird mir alles plausibler. Fehlt nur noch die Frage, warum es beim Impfschutz keinen allgemeinen Konsens gibt und sich so viele Menschen einer Impfung verweigern? Nein, darauf habe ich keine Antwort und mein Verständnis ist da sehr begrenzt. Eine (mögliche) Erklärung hat der Baseler Soziologe Oliver Nachtwey gestern im Dlf geliefert: Er sieht Parallelen in den „sehr stark föderalen“ deutschsprachigen Ländern, in denen es „eine gewisse Skepsis gegenüber dem Bund gibt“; Deutschland, Österreich und die Schweiz hätten in Westeuropa die mit Abstand höchsten Quoten von Ungeimpfter über 12 Jahren – Österreich 24,8%, Schweiz 24,4%, Deutschland 22,8%. Der Rest steht im Interview. Auch der Satz, den ich nun schon mehrfach von Medizinern und so gehört und gelesen habe: „Am Ende sind wir alle entweder geimpft, genesen oder gestorben!“ Für mich eine logische Konsequenz, mit der Anmerkung, dass sich natürlich jede(r) Genesene und Geimpfte ab irgendwann (wieder neu) infizieren kann und deshalb weitere Impfungen ihre Notwendigkeit behalten werden. Bis auf weiteres.

+++

„Kein Schwein ruft mich an, keine Sau interessiert sich für mich“, hat schon Max Raabe gesungen. Ich mag das Lied. Aber wo haben diese Sprüche „Das kann ja kein Schwein lesen!“; „Das interessiert doch keine Sau!“; „Kein Schwein ruft mich an!“; „Natürlich hat mich wieder mal vorher keine Sau informiert!“ ihren Ursprung? Meines Wissens, ich lasse mich gerne verbessern, stammt diese Redensart hier aus dem Norden. Im Mittelalter konnten nur wenige Leute lesen und schreiben. Nicht so die gebildete Familie Swien (andere Schreibweise Swyn), die quasi als Vorleser und Schreiber ihr Geld verdient haben. Wenn einem Swien ein unleserliches Schriftstück vorgelegt wurde, dann hieß es (hochdeutsch übersetzt): „Das konnte noch nicht mal ein Swien lesen“. So, und Swien war nicht nur ein Familienname, sondern so heißt im Plattdeutschen auch das hochdeutsche Schwein oder die Sau.

862 [Inhaltsverzeichnis Sven Meier erzählt | Fotoblog]

14 Kommentare leave one →
  1. 17. November 2021 11:09

    Ich nu wieder – ich gebe jetzt meinen Senf dazu.
    Deine vier-Farben-Grafik zeigt mir, dass es nicht gut ist, sich IMMER im Leben für lila zu entscheiden, deswegen bin zu grün abgedriftet. Doch dass Rot in der Wirksamkeit Grün übertrifft, ist eine politische Unverständlichkeit in der heutigen Zeit – ES KANN NICHT SEIN – WAS NICHT SEIN DARF!
    Ich sehe gerade, dass ich mit meinen vergangenen 7 Monaten wirklich husch-husch machen muss, um gegen ungeimpfte Dumpfbacken einen besseren Schutz zu haben.
    Ich habe deine Überschrift mit der Sau natürlich anders ausgelegt – geschlechtsspezifisch. Sau ist ja bekanntlich weiblich – würde da Schwein stehen, wäre es neutral. Aber so lege ich es so aus, dass sich speziell das weibliche Geschlecht für so vieles wie Fußball, Politik, Autos, bunte Lampen und und und nicht interessiert!!! Und jetzt du: „Gut gebrüllt, Löwe!!!“
    Und tschüss – gäbe es das Bloggen nicht, könnte es mir echt langweilig werden. Da müsste ich mehr backen, kochen, putzen und so.

    Gefällt 1 Person

    • 19. November 2021 04:10

      Moin Clara.
      I’m red, und das ist gut so. Aber mit dem dritten Pieks erhalte ich auch grün. Na ja, rot und grün vertragen sich ja bekanntlich recht gut 😉 und jeder Schutz vor den „ungeimpften Dumpfbacken“ ist ein guter.
      Zur Sau: Gut Clara, du kennst die Unterschiede zwischen Schwein, Sau, Eber, usw. noch. Wobei, wenn ich kurz „klookschietern“ darf, so habe ich es als kleiner Jung auf dem Bauernhof (wo „Omma“ gearbeitet hat) gelernt: „Schwein“ war ursprünglich nur die Bezeichnung für die Jungtiere = (Span)Ferkel, aus denen wurden mit zunehmenden Gewicht = Alter entweder Säue, Eber, oder mit Eier weg, Borg.
      Aber nun mal ehrlich unter uns beiden Altgedienten: Wer von den jungen Leuten kennt diese Unterschiede noch? So wie der Strom aus der Steckdose kommt, kommt das „Schweinefleisch“ aus der Kühltheke. War das jetzt zu klischeehaft?
      Nächtlichekannnichtmehrschlafen Grüße

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  2. 17. November 2021 11:11

    Du: Bis auf weiteres.

    +++
    Stirbst du sicherheitshalber gleich drei mal?

    Gefällt 1 Person

    • 19. November 2021 04:19

      CLARA!
      „Bis auf weiteres“ habe ich überhaupt nicht vor zu sterben. Dafür habe ich noch viel zu viel zu tun: Für mehr Klimaschutz zu werben und gegen jegliches Aufkommen von Faschisten & Nazis anzuschreiben.
      „Bis auf weiteres“ soll heißen, dass der dritte Pieks vielleicht noch nicht der letzte sein wird. Die Wissenschaft hat heute eine Ahnung davon, wie die Wirksamkeit der Impfstoffe nach zwei Pieks aussieht. In einem Jahr kommen die Wissenschaftler vielleicht an und erklären uns: „Liebe Leute, mit dem Impfschutz sieht das blöd aus, wir raten euch zu einer vierten Impfung.“ Und wer weiß: Vielleicht holen wir uns zukünftig neben der Grippeschutzimpfung jährlich auch eine Coronaschutzimpfung ab?
      Immer noch nächtlichekannnichtmehrschlafen Grüße aus dem Norden

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  3. 17. November 2021 13:17

    Sven,

    ich bin wieder mal begeistert von deinem, diesen Artikel. Auch wenn ich dabei wieder mal ne Menge Zeit verplempert habe. Okay, du hast mich ja gleich zu Beginn gewarnt; du schreibst in erster Linie für dich…

    Nun, die oben durch die Grafik beschriebene Sendung habe ich auch vor einigen Tagen gesehen. Auch die provokante Behauptung, dass nicht geimpfte über 60 jährige (woher wissen „die da oben“ eigentlich so genau, dass es ab 60 Jahre gilt?) ein 10 x höheres Risiko haben, auf der Intensivstation mit Covid zu landen.

    Also ich bin geimpft, und zwar mit Johnson & Johnson. Überzeugt bin ich aber nicht! Wovon nicht? Must du selbst überlegen. Ich denke auch nicht, dass das oben beschriebene Risiko pauschal so dramatisch ist. Und ich wette mit dir (wir müssten noch besprechen, was der Einsatz ist), das obige „Behauptung“ in einigen Monaten AUCH WIEDER KORRIGIERT wird.

    Ansonsten; hast einen tollen Schreibstil. Machense mal weiter damit! Da kann noch watt von werden!

    VG, Jürgen

    Gefällt 1 Person

    • 19. November 2021 04:33

      Moin Jürgen.
      Danke „für die Blumen“ 😉
      Na ja, solche „obigen Behauptung“ haben für mich meist einen etwas boulevardesken Charakter. Das ist eben so, wenn man versucht komplexe Sachverhalte vereinfacht darzustellen.
      Im Grunde genommen ist es das Gleiche mit der Impfschutzgrafik. Ich habe mir gestern den Preprint der Schweden einmal genauer angesehen und diese Grafik wirst du auf den 34 Seiten der Publikation nicht finden, aber ein sehr komplexes Zahlenwerk. Aber für eine vereinfachte, verständliche, tendenzielle Darstellung sind solche Grafiken bzw. „obige Behauptungen“ für mich schon in Ordnung.
      Viel Grüße, bis bald mal wieder

      Gefällt 1 Person

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