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Die Überschrift muss knallen!!

12. Januar 2022

Gestern schickte mir mein Journalisten-Freund einen Link zu einer Kolumne in einem niedersächsischen Politikjournal mit dem Text: „Für dich zum Schmunzeln, zwar aus 2019, aber immer aktuell.“

Seit ich nach Schleswig-Holstein emigriert bin – „ich bin Ostholsteiner mit einem niedersächsischen Migrationshintergrund“ – sehen wir uns leider nur noch selten, aber dafür hat Alexander Graham Bell ja das Telefon erfunden. So beklagte er neulich in einem Ferngespräch die Boulevardisierung der regionalen Medien und meinte damit insbesondere die in Norddeutschland dominierende Verlagsgesellschaft mit ihren 15 regionalen Tageszeitungen usw.: „Das ist die Autoimmunkrankheit des Journalismus“.

„Wenn es zu einer Behauptung nicht reicht, dann versehe die Überschrift einfach mit einem Fragezeichen“, das ist so ein Lehrsatz von ihm und er nennt das „boulevardeske Methoden“. Stimmt schon, meist wird ein Gerücht aufgegriffen, faktisch nicht belegbar und im Text wird mitunter genau das Gegenteil dessen geschrieben, was die Überschrift impliziert. Nur verbirgt der sich in der Regel hinter einer Bezahlschranke und so entstehen Fehlinterpretationen.

Beliebt im Boulevardismus sind auch Neugier erweckende reißerische Überschriften. Will man die befriedigen, muss man erst zahlen. Im Text ist der Informationsgehalt dann häufig überschaubar, aber die Zugriffszahlen bringen natürlich Geld in die Kasse. Neudeutsch nennt man das Clickbaiting.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich will hier keine Journalisten-Schelte betreiben. Schließlich gibt es in den Verlagen Hierarchien …, am Ende wollen insbesondere freie Journalisten etwas verkaufen … und letztlich zeichnen sie für den Inhalt verantwortlich, nicht aber unbedingt für die Überschrift.

Im letzten November hat der Virologe Prof. Christian Drosten in seiner Laudatio bei der Verleihung des Hanns-Joachim-Friedrichs-Preises mahnende Worte gesagt: „… Pandemie: Eine Nachbesinnung ist nicht nur in der Politik und der Wissenschaft, sondern unbedingt auch im Journalismus nötig. Unsere Realität ist das, was die Medien uns spiegeln. Hierin liege eine immense Verantwortung. …“. Ich möchte dem hinzufügen: Das fängt bei den regionalen Zeitungen an – und eine Boulevardisierung der Regionalzeitungen diskreditiert für mich alle Journalisten, die einfach nur einen guten Job machen wollen: Informationen beschaffen und verbreiten – ohne sich dabei mit einer Sache gemein zu machen. Dazu ist keine knallende Überschrift nötig.

Anmerkung: Die Screens sind aus den LN von heute Morgen und haben mich zu diesem Beitrag motiviert.

872 [Inhaltsverzeichnis Sven Meier erzählt | Fotoblog]

8 Kommentare leave one →
  1. A.B.Surd permalink
    12. Januar 2022 22:26

    „Schließlich gibt es in den Verlagen Hierarchien …, am Ende wollen insbesondere freie Journalisten etwas verkaufen“, das ist kein „Boulevardismus“, das ist ein Systemismus der Presse, auch Systempresse genannt. Die „dominierende Verlagsgemeinschaft“ ist Madsack und Madsack gehört der SPD. Der Weg SPD-Parteizentrale über SPD-Kanzleramt in den SPD-Verlag ist ein kurzer und das nenne ich absurd.

    Gefällt mir

    • 13. Januar 2022 08:59

      Mit Verlaub, das ist Unsinn und darf nicht unwidersprochen bleiben.
      In Deutschland wird keiner Redaktion vorgegeben, weder im ÖRR noch in den privatrechtlichen Unternehmen, welche Themen sie auswählen sollen und schon gar nicht wird über den Inhalt bestimmt. Vorgaben gibt es lediglich zum Layout.
      Madsack gehört nicht der SPD und schon gar nicht hat die Partei Durchgriff auf die Redaktionen. Richtig ist, dass die SPD eigene Deutsche Druck- und Verlagsgemeinschaft zwar größter Komplementär der Madsack GmbH & Co KG ist, aber lediglich mit einem Anteil von 23 Prozent.

      Gefällt 1 Person

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