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Die Überschrift muss knallen!! – Teil 2

13. Januar 2022

oder: Krise, Nörgler und Pessimisten

Teil 1 war gestern, aber mir liegt noch etwas auf der Seele, deshalb heute Teil 2.

In meinem vorherigen Beitrag habe ich Prof. Drosten zitiert: „… Pandemie … Eine Nachbesinnung ist … unbedingt auch im Journalismus nötig. Unsere Realität ist das, was die Medien uns spiegeln. Hierin liege eine immense Verantwortung. …“ Diese „Nachbesinnung“ gibt es durchaus schon – wer suchet, der findet. Ok, ein bisschen suchen muss man schon. Selbstreflexion ist vielleicht nicht die aller größte Stärke im Journalismus.

Der Politologe Prof. Karl-Rudolf Korte hat in einem Interview diesen bemerkenswerten Satz gesagt: „Es entspricht dem (deutschen) Zeitgeist, lieber etwas zu zerstören. Das macht mehr Spaß als etwas aufzubauen.“ Das erinnert mich an die aus der Psychologie bekannte „heimliche Lust am Scheitern“. An die ewigen Nörgler, an Pessimisten, die alle wissen, was nicht geht und wie schlimm es wird. Die sich lieber in der Krise suhlen, als mit positiver Energie nach Lösungen für einen Ausweg aus selbiger zu suchen. Warum? Aus Angst enttäuscht zu werden? Wer enttäuscht wird, hat sich vorher getäuscht. Und das zuzugeben ist nicht jedermanns Sache. Ergo: „Bad news are good news“, getreu dem schadenfreudigen Motto: „Oh ja, schlimm, aber ich habe es doch schon immer gewusst!“

Für mich ist allerdings der Eindruck entstanden, dass in unseren Nachbarländern unaufgeregter mit Krisen, speziell jetzt mit der Pandemie, umgegangen wird als bei uns. Der in England lebende Klausbernd Vollmar schrieb in einem Kommentar neulich bei mir:
Uns geht es genauso, dass uns diese Hysterie um das Corona-Thema in Deutschland wundert. Bei uns in England nimmt man Corona trotz hoher Zahlen eher lässig. Wir lesen zudem norwegische und schwedische Zeitungen, wo man auch mit diesem Thema gelassener umgeht. Die Deutschen scheinen sich für uns von außen gesehen immer mehr zu amerikanisieren. Völlig geistlos emotional diese Querdenker wie die Trump-Anhänger.“
Gleiches kann ich bestätigen, wenn ich bspw. regelmäßig die deutschsprachige Ausgabe einer dänische Zeitung lese. Corona ist dort ein Randthema. „Det skal nok gå!“ sagen unsere Nachbarn und diese vier Worten bezeichnen die Lebenseinstellung der dänischen Nation. Übersetzt: „Es wird schon irgendwie gehen!“

Meine These:
Täglich gibt es in D-Medien eine neue Pandemie-Meldung als Aufmacher und gefühlt gibt es jeden Tag auf irgendeinem Sender eine Talkshow dazu. Natürlich werden die in den Online- und Print-Medien tags darauf kommentiert. Für mich alles auf der Jagd nach Einschaltquoten, Klicks und Auflagen, Stichwort „Clickbaiting“.
Diese Flut an Nachrichten, Kommentaren und Kolumnen ist für mich eher geeignet eine Krise zu verschärfen. Zumindest dann, wenn die politische wie auch wissenschaftliche Diskussion als Streit negativ und nicht als Suche nach neuen Erkenntnissen positiv dargestellt wird. Das hat für mich etwas von Hegels Dialektik: These – Antithese – Synthese. Heute wird über die Aussage des einen berichtet, morgen über die gegenteilige Aussage eines anderen und übermorgen wird alles kommentiert. Gelegentlich wird m. E. dabei verkannt, dass insbesondere die Wissenschaft vom Widerspruch lebt. Den als Basis einer jeglichen wissenschaftlichen Diskussion haben selbst sog. „Qualitätsmedien“ oft nicht verinnerlicht und konnotieren ihn negativ. Damit diskreditieren sie m. E. die Forschung.
Zu alledem kommt, dass kleine, aber laute Minderheiten medial größer gemacht werden als sie sind. Dadurch wird der Eindruck einer Spaltung der Gesellschaft erweckt, die es so nicht gibt, Stichwort „False Balance“.

Mit Faust hat Goethe ja angeblich ein Sinnbild des deutschen Nörglers geschaffen, das heute noch gültig ist. Ist das wirklich nur ein deutsches Phänomen? So wie die uns nachgesagte „German Angst“? Ich weiß es nicht. Meine Freundin würde an dieser Stelle wohl sagen: „Ich nörgele nicht, ich stelle nur fest!“ Ok, in dem Sinne: „Ich nörgele nicht, ich kommentiere hier nur!“ 😉

873 [Inhaltsverzeichnis Sven Meier erzählt | Fotoblog]

8 Kommentare leave one →
  1. 13. Januar 2022 16:26

    Copy and paste:
    INTERVIEW MIT STEPHAN RUSS-MOHL vom 7. Juli 2021 aus dem Cicero-Magazin
    https://www.cicero.de/kultur/corona-medien-offentlich-rechtliche-lockdown-stephan-russ-mohl

    Prof. Dr. Stephan Ruß-Mohl, geboren 1950, ist emeritierter Professor für Journalismus und Medienmanagement an der Universität Lugano.

    Professor Ruß-Mohl, voriges Jahr haben Sie geschrieben: „Nicht die Regierenden haben die Medien vor sich hergetrieben, wie das Verschwörungstheoretiker so gerne behaupten. Vielmehr haben die Medien mit ihrem grotesken Übersoll an Berichterstattung Handlungsdruck in Richtung Lockdown erzeugt, dem sich die Regierungen in Demokratien kaum entziehen konnten.“ Sind die Medien schuld an Lockdowns?

    Sie haben eine Mitschuld. Und das ist etwas, was sie partout nicht bereit sind zu konzedieren, worüber ich mich wundere. Der Tenor hat sich natürlich im Laufe der Zeit verändert, die Berichterstattung ist von regierungslammfromm zu vielfältigeren Perspektiven gelangt. Aber gerade in der Anfangszeit schürte allein schon die exzessive Menge an Berichten Panik.

    Was genau ist das Problem?

    Die bloße Menge ist das primäre Problem. Die Medien sind im Grunde genommen nicht in der Lage, uns vorzuschreiben, was wir denken. Aber sie sind in der Lage, uns sehr stark dahingehend zu beeinflussen, worüber wir nachdenken und womit wir uns beschäftigen. Und wenn 60 bis 70 Prozent der Nachrichten und dazu noch Sondersendungen im Anschluss an die Nachrichtensendungen sich einem einzigen Thema widmen, dann ist das eben das Thema, das die Menschheit beschäftigt. So viel wurde nicht einmal über 9/11 berichtet – und das war nun wirklich ein historischer Einschnitt.

    Ist das nicht verständlich? Die Corona-Krise ist eine globale Krise, die sich unmittelbar auf etliche soziale Bereiche auswirkt.

    Ja, 9/11 war natürlich ein einzelnes Ereignis, während die Pandemie, wie Sie selbst gerade gesagt haben, weltweit aufgetreten ist. Aber es ist schon auffällig, wenn man sich die Phasen der Berichterstattung anschaut: Am Anfang wurden diejenigen, die die Pandemie für gefährlich gehalten haben, als Aluhutträger klassifiziert. Dann kam der große Schwenk von einem Tag zum anderen einhergehend mit der Situation in Bergamo und den Toten, die sich in den Kühlhäusern von New York gestapelt haben. Und dann kam monatelang die Dauerberieselung mit Zahlen, die völlig irrelevant waren, die aber täglich kommuniziert wurden und die in ihrer Häufung Angst gemacht haben. Daraufhin wurden die Berichte etwas differenzierter, aber es war immer noch viel zu viel.

    Zwei Journalisten kritisierten Sie dafür, nicht darauf einzugehen, worum sich die Berichte drehten – etwa um soziale Konsequenzen der Pandemie.

    Ich bleibe nach wie vor dabei, dass die exzessive Menge ein Problem ist. Die Kritik, die von wenigen Journalisten zu diesem Artikel gekommen ist, steht übrigens im totalen Gegensatz zu den Reaktionen der Leser. Ich habe in meiner 50-jährigen Karriere als Beobachter noch nie so viel positives Echo gekriegt wie auf diesen Artikel in der Süddeutschen Zeitung. Und das waren gebildete Leser, die man nicht in die Aluhut-Ecke drängen kann.

    Gefällt 2 Personen

    • 14. Januar 2022 06:58

      Moin mien Gutster.
      Danke für das Interview. Ich habe mir erlaubt, für eine übersichtlichere Lesbarkeit kurz am Layout zu feilen 😉
      Ich muss gestehen, der das Cicero gehört nicht zu den von mir bevorzugt gelesenen Medien. Dennoch, ich sehe mich in guter Gesellschaft 😉
      Ich habe mal gesucht, der im letzten Absatz erwähnt Artikel in der SZ ist vom 26.10.20,
      http://www.sz.de/1.5075025
      Grüße!

      Gefällt 1 Person

      • 14. Januar 2022 11:14

        Ich habe gerade den Artikel in der SZ gelesen. Es bleibt sehr zu hoffen, dass gegen diesen „Herdentrieb in der Berichterstattung“ etwas gemacht werden kann.
        Gruß zu dir

        Gefällt 1 Person

  2. 14. Januar 2022 10:58

    Hallo, LS = Lieblingssven, famos finde ich das Schild: „Kinder kommt nörgeln, das Essen ist fertig!“
    Ich habe keine Fakten, aber ich habe unbedingt das Gefühl, dass die Deutschen zu den ängstlichsten und am höchsten versicherten Menschen zählen – und ich habe Corona schon so schräg im Hals sitzen, dass ich alle Nachrichten darüber wegklicke.
    Gestern behauptete eine Arbeitskraft in der Kneipe, wo immer unsere Doko-Turniere stattfinden, dass ich jetzt ab 15.1. nur noch mit Test reinkäme – der Variante widersprach ich sofort.
    Und dann habe ich gelesen, dass Geboosterte (ein widerliches Wort) also 3x Geimpfte OHNE Test in Restaurants hineinkommen.
    Und tschüss schreibt Clara

    Gefällt 1 Person

    • 15. Januar 2022 12:20

      Huhu, ich noch mal:
      Ja, es lebe der Föderalismus, jedes Bundesland seine Regeln. Wir wir ich mal nach HH oder NI fahren, ist es besser, sich vorher die dort gerade gültigen Regeln anzuschauen.
      Ich glaube, als Dreifachgeimpfte (besser so?) dürften wir hier in SH ohne Test in die Lokale. Und ja, ich möchte mal wieder schön Essen gehen. So irgend etwas Duftes, was ich uhause nicht koche. Aber nee, ich wir warten noch ein bisschen.
      Obwohl: Vor einer Woche habe ich Putengulasch mit einer süß-sauren Sauce zubereitet und Fru P. meinte, das wäre besser als in jedem Asia-Restaurant, wo sie bisher war. Seitdem frage ich mich, wie ehrlich das war oder ob sie mich nur bei Laune halten will, damit ich wieder für sie mit koche 😉 Nee, natürlich ersteres 😉
      Nochmal viel WE-Grüße!

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