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12 € Mindestlohn! Und was bleibt Netto vom Brutto?

22. Januar 2022

Es war ein Wahlversprechen der SPD: 12 €uro Mindestlohn! Nun soll der ab dem 1. Oktober gezahlt werden. Eine politische Entscheidung abseits der Tarifautonomie. GUT SO, EINE POSITIVE NACHRICHT! Wenn ich meinem alten Spezi Hubertus vor 25 Jahren gesagt hätte, er würde mal als Arbeitsminister das verkünden, dann hätte er mich wahrscheinlich ungläubig angeschaut und für bescheuert erklärt. Oder so ähnlich 😉

Aber sei’s drum. Wenn ich mich so an die alte Zeit in meiner Alten Heimat zurück erinnere, debattierten wir damals in SPD-Kreisen über einen Mindestlohn von vielleicht 7,50 €uro. Das war schon was und Kritik gegen solche Forderung hagelte es von allen Seiten. Tatsächlich sollte es noch fast 20 Jahre bis zum 1. Januar 2015 dauern, bis geringfügig Verdienenden grundsätzlich mindestens 8,50 €uro pro Stunde gezahlt werden musste. Seit dem 1. Januar 2022 sind es 9,82 €uro, immerhin etwas mehr als der Inflationsausgleich gegenüber 2015. Allen Unkenrufen zum Trotz hat der gesetzliche Mindestlohn der deutschen Wirtschaft nicht geschadet.

Zurück zu Frage in der Überschrift
Netto bedeutet das für einen Arbeitnehmer in Vollzeit bei angenommenen 160 Stunden pro Monat als Single in Steuerklasse 1 Pi mal Daumen 200 €uro mehr im Portemonnaie. Brutto sind es sogar rund 350 €uro mehr auf dem Gehaltszettel.
[160*12,00€ = 1920,00€ vs. 160*9,82€ = 1571,20€]

Der aufmerksame Leser
fragt sich natürlich, was mit der Differenz von rund 150 €uro zwischen Brutto und Netto ist?
Na ja, das ist so: Knapp 70 €uro werden mehr an Sozialabgaben fällig [7,3% KV (ohne Zusatzbeitrag), 9,3% RV, 1,2% ALV, 1,525% PV] und der Staat nimmt nach Steuertabelle auch 77,08 €uro mehr ein. Für Kirchensteuerzahler kommen noch einmal 6,94 €uro pro Monat mehr dazu.

Unter dem Strich
bleiben einem 1990 geborenem Beispielsingle demnächst 1.404,55 €uro bzw. 1.391,56 €uro mit Kirchensteuer, gegenüber 1.200,24 €uro bzw. 1194,19 €uro jetzt ab dem 1.1. mit 9,82 €uro. Das klingt doch gut.

Wermutstropfen für „Aufstocker & Ergänzer“
Wenn jemand trotz einer Beschäftigung unterhalb des Existenzminimums liegt, hat er Anspruch auf Leistungen nach dem SGB II und erhält zusätzlich finanzielle Leistungen vom Staat. Der Lohn wird also aufgestockt oder ergänzt. Das ist auch gut so, denn bspw. Alleinerziehende können nicht unbedingt vollschichtig arbeiten. Schlimmstenfalls wird zukünftig die staatliche Leistung um das Mehr in der Lohntüte gekürzt und unter dem Strich bleibt … nix, null. Aber das war schon immer so: Der Mindestlohn trägt auch zur Entlastung der Sozialleistungen bei … und genau aus dem Grund missfällt er auch manchen Arbeitgebern.

Und was bedeutet das für Arbeitgeber?
Bleiben wir bei unserem Beispiel: Brutto muss ein Arbeitgeber demnächst nicht nur die rund 350 €uro mehr bezahlen, sondern zusätzlich auch noch rund 70 €uro mehr als Arbeitgeberanteil an die Sozialversicherungen überweisen. Diese knapp 420 €uro muss er natürlich irgendwie wieder reinkriegen. Mit anderen Worten: Wenn wir demnächst beim Bäcker, beim Friseur, und so weiter, und so weiter, etwas mehr bezahlen müssen, dann auch wegen der gestiegenen Lohnkosten. Das sollte man wissen bevor man schimpft, dass alles teurer wird. Ja, wird es. Aber jeder sollte auch von seiner Arbeit halbwegs gut leben können und nicht auf staatliche Leistungen angewiesen sein. Meine Meinung!

Interessant auch, was ich vor über 10 Jahren dazu schrieb -> KLICK
Ein Service-Beitrag, für alle, die es interessiert. SCHÖNES WOCHENENDE!

876 [Inhaltsverzeichnis Sven Meier erzählt | Fotoblog]

6 Kommentare leave one →
  1. 22. Januar 2022 17:45

    Die „damals“ diskutierten 7,50 Euro kann ich insofern bestätigen, weil ein Kollege neulich ausgerechnet hat, dass die ab 1.7. noch von der Mindestlohnkommission festgelegten 10,45 Euro inflationsbereinigt knapp den damaligen 7,50 Euro entsprechen.
    Aber machen wir uns nichts vor: Selbst wenn Arbeitnehmer ab Oktober 12 Euro erhalten sollten, was ich absolut begrüße, liegen sie mit ihrem Einkommen zwar ein gutes Stück über der Armutsgrenze von ca. 1000 Euro (Grundsicherung + Kosten für die Wohnung), aber eine ausreichende Altersvorsorge können sie damit nicht betreiben. Was bleibt davon später an Rente?

    Gefällt 2 Personen

    • 23. Januar 2022 10:22

      Moin. Halte mich bitte nicht für zynisch, die Antwort aufg deine Frage lautet: 1.250 € Brutto Grundrente. Ok, ich weiß, nur wenn die Voraussetzungen an Jahren usw. erfüllt sind. Aber immerhin, das waren auch die Sozen, die dafür gesorgt haben.
      Und schlussendlich bleibt tatsächlich nur die Grundsicherung plus die Übernahme der Wohnkosten. Bei aller Kritik bitte ich zu bedenken, dass die meisten Staaten froh über ein solches soziales Netz wären.
      Grüße aus OH!

      Gefällt 2 Personen

  2. 25. Januar 2022 08:51

    Hi, ich habe dir zu dem Text zwei Bilder gemailt, vielleicht kannst du die einbauen.😳

    Eine Dreiviertelmehrheit der Deutschen ist für den 12-Euro-Mindestlohn. Sogar mehr als die Hälfte der CDU/CSU-Wählerschaft spricht sich dafür aus. Die CDU als Partei ist jedoch offiziell dagegen, im Einklang mit der AfD, IHK und der Arbeitgeber-Lobby. Interessant 🤬
    Bild 1

    Gestern, Diskussion unter Kollegen. Abgesehen davon, dass wir freien Journalisten nach Abzug unserer Unkosten auch gerne einen unserem Zeitaufwand entsprechenden Stundenlohn von 12 Euro hätten, scheint mir die Frage berechtigt:
    Bild 2

    Statt den Mindestlohn politisch an der Kommission vorbei auf 12 Euro festzusetzen, hätte sie es auch bei den bereits im letzten Jahr von der Kommission für den 1.7. beschlossenen 10,45 Euro belassen und die Steuerfreigrenze entsprechend anheben können: Wer den Mindestlohn verdient, zahlt keine Steuern.

    Bin gespannt auf deine Antwort 🥳

    Gefällt 2 Personen

    • 26. Januar 2022 06:53

      Moin. Erledigt.
      Soll deine Frage ein Test sein? 😉 Oder hast du die wirklich ernst gemeint?
      Wenn man den Grundfreibetrag von heute knapp 10k – mit dem das Existenzminimum steuerfrei gehalten werden soll – auf rund 20k verdoppeln würde, damit Mindestlohnverdiener bei 10,45 €uro keine Einkommensteuern zahlen müssen, müssen das alle anderen natürlich auch nicht. Sprich, du als Selbständiger, würdest auch erst ab 20k Jahreseinkommen Einkommensteuer zahlen und nicht bereits ab 10k. Dadurch würden dem Staat Milliarden an Einnahmen fehlen …. Und dann?
      Außerdem, selbst wenn das ein bisschen „linke Tasche, rechte Tasche“ ist, wird natürlich bei einem höheren Bruttolohn mehr in die Sozialkassen eingezahlt. Insbesondere die DRV kann jeden Cent gebrauchen. Der Staat, also wir Steuerzahler, besser gesagt: das Finanzministerium überweist jetzt schon jährlich über 100 Mrd. €uro an die Deutsche Rentenversicherung, „damit die Rente sicher ist“.
      Ich hoffe, mit meiner Antwort gedient zu haben 😉

      Gefällt mir

  3. 26. Januar 2022 12:38

    Hi, hast di, danke für die Antwort. Nein, das war kein Test. So habe ich es nicht gesehen, das klingt jedoch plausibel. Also sind es wieder wir Verbraucher, die auf verschiedenen Wegen alles bezahlen. Beim Friseur zahle ich demnächst also nicht nur „das Mehr“, was wegen des Mindestlohns fällig wird, sondern auch „das Mehr“, was durch die Mehrwertsteuer mehr anfällt. And the winner is … Christian Lindner – als Finanzminister 😤

    Gefällt 1 Person

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