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„German Angst vs. dänische Unbekümmertheit“ – CV-Tagebuch 28-01-2022

28. Januar 2022

– 2 Jahre später … mit einem Blick zum Nachbarn –

Unliebsames CoronaVirus-Tagebuch,
wie ich dich doch hasse und jedes Mal hoffe, dich nie wieder aufschlagen zu müssen. Anderseits nimmst du meine Gedanken widerspruchslos hin und das ist das einzig Gute an dir. Zwei Jahre begleitet uns nun dieser fiese Winzling und der hat uns viel Leid gebracht. Mittlerweile debattieren wir deshalb über eine Impfpflicht, obwohl die ursprünglich absolut ausgeschlossen wurde. Unsere Gesellschaft scheint gespalten und wir alle hadern mit den Einschränkungen. Nur eins eint uns: Der Wunsch nach Normalität, wie auch immer die jeder definieren mag.

Seit gestern blicken wir (neidisch?) nach Dänemark:
Dänemark hebt Corona-Beschränkungen trotz vieler Infektionen auf
Ja, wir vergleichen uns gerne mit den Nachbarn. Das meine ich jetzt ganz allgemein und das hat auch etwas mit der Neidkultur zu tun. Vielleicht gehört die genau so zu den Klischees über uns Deutsche wie die uns nachgesagte Gründlichkeit und the German Angst. Egal, jedenfalls mutiert Twitter gerade mal wieder zu einem aufgeregt gackernden Hühnerhaufen. Na ja, das Übliche eben und nicht repräsentativ – dennoch aus soziologischer Sicht äußerst interessant.

Bevor jetzt jemand meint auch eine Meinung dazu haben zu wollen, bitte ich folgendes zu berücksichtigen:
1. Die dänische Regierung hat sich nicht einfach so für die Aufhebung der Einstufung von Covid-19 als Bedrohung für die Gesellschaft entschieden, sondern folgt der Empfehlung des dänischen SSI, vergleichbar mit dem deutschen RKI.
2. Dänemark ist in dieser Corona-Krise besser aufgestellt. Zum einen wird bei unseren Nachbarn zigmal mehr getestet als in Deutschland, zum anderen ist das SSI durch die digitale Verarbeitung aller relevanten Daten – vom Test bis zur Hospitalisierung – quasi in Echtzeit immer auf dem aktuellen Stand. Im oft noch analogen Deutschland können wir im Grunde genommen nur schätzen und selbst die Experten glauben, dass unsere Zahlen rund dreimal so hoch sein dürften.
3. Dänemark hat eine höhere Impfquote als Deutschland. Hätten wir die unserer Nachbarn, hätten wir vielleicht eine andere Impfpflicht-Diskussion oder gar keine. Hätte, hätte, Fahrradkette 😉
4. und das ist vielleicht der wichtigste Punkt: Die Mentalität! Oder Denke, wie man neudeutsch auch sagt. Die Dänen haben von Haus aus „ein grundlegendes Vertrauen in die Entscheidungen ihrer Regierung, der Experten und Behörden“. Sagt jedenfalls der Journalist Gwyn Nissen über seine Landsleute. Und weiter: „Es ist die dänische Unbekümmertheit – Det skal nok gå godt – auf der einen Seite und the German Angst auf der anderen“. Ich widerspreche nicht.
Bei alledem was ich gelesen habe und über die Dänen weiß, gehen sie viel pragmatischer mit dem Virus um. Das mag auch am transparenten Krisenmanagement der Institutionen liegen. Ändern sich die Umstände, ändern sich auch die Maßnahmen. Zwei Schritte vor und wenn nötig, wieder einer zurück. Das ist dann eben so. Aufregungsfaktor: Null. Auch in den Medien. Wir in Deutschland kennen eher, auch wegen des Föderalismus, ein Kommunikationsdesaster nach dem anderen, das verwirrt und wer weiß aktuell, welche Regeln wo gelten?

Abschließend sag‘ ich mal so: Es bleibt spannend und ich drücke den Dänen jedenfalls beide Daumen, dass alles gut ausgehen wird. Uns mit denen zu vergleichen, wäre wie der sprichwörtliche Vergleich zwischen Äpfel und Birnen. Bringt also nix. Selbst übe ich mich seit meiner Drittimpfung im November in Gelassenheit, passe auf, mehr geht nicht. Angst? Nö! Warum? Denn wie ist das mit dem Mikromort?
Mikromort?
Ja, Mikromort. Das ist weder ein Sohn von Lord Voldemort noch irgendwas von Microsoft. Ein Mikromort ist eine Risiko-Maßeinheit und bezeichnet eine Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million das Zeitliche zu segnen. Und da gibt es im täglichen Leben Risikofaktoren mit wesentlich mehr Mikromorts …. Das gilt natürlich nicht für Ungeimpfte. In deren Haut möchte ich jetzt nicht stecken!

877 [Inhaltsverzeichnis Sven Meier erzählt | Fotoblog]

10 Kommentare leave one →
  1. 28. Januar 2022 15:41

    Moin, lieber Sven,
    interesting was du da über die deutsche Angst schreibst. Wir lebten zwar nur die kürzeste Zeit unseres Lebens in Deutschland und lassen uns dennoch zu einer allgemeinen Bemerkung hinreißen (die natürlich wie alle solch allgemeinen Aussage fragwürdig ist). Viele Deutschen scheinen uns Hysteriker zu sein und frustrierte Nörgeler, so wie die ewig Zukurzgekommenen. Ob das wohl Spätfolgen des Faschismus sind? Außerdem hat das Ganze in Deutschland etwas Ödipales, man muss gegen Vater Staat sein.
    Dann mach’s gut, bleibe fein gesund und fröhlich
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

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    • 1. Februar 2022 15:52

      Moin Klausbernd.
      Nach einem WE mit Enkelkind komme ich jetzt auch wieder zu den anderen wichtigen Dinge des Lebens 😉
      Seitdem ich mich im Studium mit dem Fach Soziologie beschäftigen musste, interessiert mich das Thema. Auch der Bereich mit den Klischees bzw. Stereotypen. Ja, neben Vielem, über das man schmunzeln kann, gehört auch die „German Angst“ dazu. Und in dem Zusammenhang ist natürlich ebenso die „Germann assertiveness“ zu erwähnen.
      Wie ernst man diese Stereotype nehmen sollte, weiß ich nicht. Einerseits gibt es genügend Beispiele, die die bestätigen, anderseits ist das oft eine Zuschreibung von außen. Wie oben im Text, es sagt ein dänischer Journalist über die Deutschen.
      Ernst wird das Thema – für mich – erst, wenn man es aus dem epigenetischen Blickwinkel betrachtet. Es gibt durchaus plausible Aufsätze dazu … mit der immer wiederkehrenden Frage, wie stark der Mensch durch vererbte Einflüsse geprägt ist? Inklusive deiner Frage nach den „Spätfolgen des Faschismus“. Ein sehr interessantes Thema!
      Das noch, du glaubst es vielleicht nicht, aber es ist so: In D gibt es Jahr für Jahr eine Studie über „Die Ängste der Deutschen“. Von der R+V Versicherung. Dem kann ich jedoch den „Deutschen Glücksatlas“ entgegenhalten, der jährlich von der Deutschen Post herausgegeben wird. „NATÜRLICH“ 😉 steht Schleswig-Holstein permanent auf Platz 1.
      Gründlich sind wie ja, noch so ein Stereotyp. Oder wie Heinrich Mann 1912 (?) in seinem Buch „Der Untertan“ schon schrieb: „Den deutschen Bürokraten macht uns so schnell keiner nach!“
      Viele Grüße aus dem Schietwettergebiet an der Ostsee.
      Bleibt humor- und hoffnungsvoll 😉

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      • 1. Februar 2022 17:47

        Moin, lieber Svan,
        kennst du das Buch „Why the Germans do it better?“ Das war ein Bestseller in UK. Hier wird der Ausdruck ‚German efficiency‘ als sehr lobend benutzt.
        Als wir in Deutschland wohnten, wohnten wir bei Köln und bei Kiel, an beden Orten fühlten wir uns wohl. Wenn wir allerdings in der Gegend von Köln aufs Land kamen, waren die Leute schon ziemlich kleinkariert. So wie wir hier seit Jahfen integriert und gemütlich auf dem Land wohnen, wäre das Landleben für uns in Deutschand nicht. Man ist hier einfach lässiger, auch weltoffener. Anyway, die Tüchtigkeit der Deutschen finden wir bewunderungswürdig. Wenn die Deutschen schon viel Anerkennung hier bekommen, so ist das gar nichts im Vergleich, was Dina bekommt. Als Norwegerin wird sie sogleich verehrt und alle Türen öffen sich für sie.
        So, wir werden jetzt Schneeglöckchen und Aconitum in unserer Einfahrt pflanzen, hunderte, so dass es echt toll aussieht und wir uns jedes Mal beim Rein- und Rausfahren freuen.
        Mit lieben Grüßen von der immer noch windigen Küste
        The Fab Four of Cley
        🙂 🙂 🙂 🙂

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      • 4. Februar 2022 07:08

        Moin mein lieber Klausbernd.
        Nee, das Buch kenne ich nicht, ebenso wenig den Begriff / das Stereotyp „German efficiency“. Aber interessant und wieder etwas dazu gelernt.
        Was du über das „kleinkarierte Landleben“ schreibst, kann ich nur bestätigen. Ich bin ja up’n Dörpe geboren und die ersten 50 Lebensjahre dort hängen geblieben. Das hat sich halt so ergeben, Job, Familie, usw.. Geplant war das nicht.
        Anekdote dazu am Rande: Mein Onkel hier von der Insel Fehmarn hat mir erzählt, dass ich als kleines Kind schon gesagt habe: „Wenn ich mal groß bin, dann ziehe ich auch hier hoch an die See.“ Na ja, mit 50 war ich dann „groß“ und in der Alten Heimat meine Zelte abzubrechen war eine meiner besten Entscheidungen 😉
        Zurück zum Leben up’n Dörpe: Es bleibt mir in Erinnerung, dass selbst die Sozen ziemlich konservativ waren. Hübsche Gärten, die obligatorischen Gartenzwerge inklusive. Natürlich fand das Leben in Vereinen statt, Raum um den stetigen Dorftratsch zu verbreiten. Der Begriff „Vereinsmeierei“ hat schon eine gerechtfertigte Begründung.
        Dazu einer meiner besten Kumpels: Jeden Morgen hat er auf dem Weg zur Arbeit an einem Kiosk angehalten und sich die BILD gekauft. Ja, man kann sagen, er hatte seine Bildung aus der BILD. Entsprechend war sie. Sein Standardspruch: „Irgendetwas Wahres wird schon dran sein, was die BILD schreibt, sonst würden sie es ja nicht schreiben.“
        Ich schreibe das in der Vergangenheit, denn heute – über ein Dezennium später – mag das etwas anders aussehen. Aber wenn ich hin und wieder mal mit dem heutigen Bürgermeister telefoniere, dann gibt es nichts, was mich zu einer Rückkehr veranlassen könnte. Hier in Ostholstein hingegen empfinde ich die Leute ein Stück weit gelassener und nicht so spießig, irgendwie pragmatischer und weniger ideologisch verbrämt. Aber wehe, wenn denen etwas verquer kommt …, oh ha!
        Ich hoffe, jetzt nicht zu sehr in die „Klischee-Kiste“ gegriffen zu haben 😉 allerdings fühle ich mich hier an der See wesentlich wohler als früher up’n Dörpe.
        Ich liebe hier meine tägliche „Portion Horizont“, hinter dem es ja bekanntlich weiter geht, und das empfinde ich als „grenzenlose Freiheit“.
        So, genug gequatscht, Pott Kaffee ist leer, der Zahnarzt ruft – bleibt munter und lasst es euch gutgehen. Mit Blick auf „hunderte Schneeglöckchen und Eisenhüte“ 😉

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  2. 28. Januar 2022 15:48

    “ zum anderen ist das SSI durch die digitale Verarbeitung aller relevanten Daten – vom Test bis zur Hospitalisierung – quasi in Echtzeit immer auf dem aktuellen Stand.“ – das würde ich dem ach so fortschrittlichen Deutschland auch wünschen. Hallo Sven, die Deutschen mit ihrer Angst und ihrer Überversicherung sind schon eine Kategorie für sich.
    In dieser Beziehung passte ich besser in den Norden oder sogar nach Dänemark – nur die Sprache verstehe ich nicht.
    Lieben Gruß

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    • 1. Februar 2022 15:58

      Huhu Clara,
      ich hab’s grad‘ zu Klausbernd (s. o.) „gesagt“: Nach einem WE mit Enkelkind komme ich jetzt auch wieder zu den anderen wichtigen Dinge des Lebens 😉
      Bei dir alles im Lot? Muss mal wieder gucken auf deinen Seiten.
      Ja, vor, ach weiß nicht, über 20 Jahren, jedenfalls als ich noch in Amt und Würden war, haben wir uns mit einer kleinen Delegation mal in der dänischen Verwaltung in Sonderburg umgeschaut. Oh ja. Ich sag‘ mal so: Aufgeholt haben wir seitdem scheinbar nicht 😉
      Liebe Grüße aus dem Schietwettergebiet an der Ostsee!

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      • 1. Februar 2022 18:35

        Fifty fifty, lieber Sven – mit dem bei mir in Ordnung sein. So treu wie meine Cystitis kann kaum ein Mann sein, aber jetzt scheint sie sich endlich vom Acker gemacht zu haben.
        Ich habe mir vorgestern ein vorfristiges Geburtstagsgeschenk gegönnt – bei zwei Sieben nebeneinander kann frau schon mal großzügiger sein. Die Lieferung wird lange dauern, denn sie sind nicht so vorgefertigt auf Lager – es ist ein ganz schöner exquisiter Fernsehsessel mit allem PiPaPo – ich werde berichten, wenn es so weit ist.
        Aber ganz allgemein ist hier nicht viel los.
        Kräftige Umarmung zu dir!

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      • 4. Februar 2022 05:46

        Glückwunsch!
        Mein Freund in meiner Alten Heimat hat sich unlängst auch so ein Teil zugelegt und schwärmt davon. Einziger Nachteil, so berichtet er: „Weg gegangen, Platz vergangen“. Sprich, er wohnt nicht allein und hätte deshalb besser 2 Teile gekauft. 😉
        Na ja, du wirst berichten … vllt. wäre das auch was für mich.

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      • 4. Februar 2022 11:47

        Ich habe dir auf einen anderen Kommentar hin ausführlich berichtet.

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