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Meiers Rückblick 22/02 in 100 Sekunden

1. März 2022

-> Der März auf der SvenMeierFoto-Seite.

Au ha. So’n Rückblick wie auf diesen Februar 2022 brauchen wir nicht noch einmal. Ein Wahnsinn, eine Zäsur in der europäischen Nachkriegsordnung: Der Krieg in der Ukraine.

Meine 85-jährige Mutter erinnert das, so hat sie mir noch vor einer Woche erzählt, sehr an den Oktober 1962, an die Kubakrise, als alle Angst vor einem 3. Weltkrieg hatten. Ich kann es ihr nicht verdenken. Als Kriegskind haben sich ihr die Ereignisse des 2. Weltkrieges eingebrannt. Noch heute berichtet sie, wie das war, 1944, 1945, wenn die Sirenen heulten: Der einzige Luftschutzbunker war zwar gegenüber ihrem Elternhaus, die Schule aber entgegengesetzt am anderen Ende des Dorfes und sie hatte als kleines Schulkind den weitesten Weg, musste durch den ganzen Ort rennen. „Zum Glück waren Kennedy und Chruschtschow damals, 1962, vernünftig genug, um es nicht zum Äußersten kommen zu lassen. Bei Putin bin ich mir da nicht so sicher.“
Seit dem frühen Morgen des 24. wissen wir, dass er es nicht ist: Unter kruden Vorwänden hat Russen-Diktator Putin den ersten Angriffskrieg in Europa seit 1945, seit dem Ende des 2. Weltkrieges, befohlen. Und wer weiß, wie weit er gehen will? Wohl nur Putin allein und wir hoffen wahrscheinlich alle, dass sich dieser Krieg nicht zu einem NATO-Bündnisfall entwickelt …!

Ein Bekannter schrieb am Wochenende: „Auf Twitter schulen die Twitter-Virologen jetzt um auf Twitter-Ukraine-Russland-Politik-Experten!“ Wohl nicht nur auf Twitter. In den (a)sozialen Medien wird durch Bots und verquer denkende Leute versucht, wie auch schon bei Corona, durch Fakes und alternative Fakten einen Eindruck zu erwecken, der mit der Realität wenig bis nichts gemein hat. Z. B. wird das Putin-Narrativ verbreitet, die NATO habe ihr 1990 gegebenes Versprechen gebrochen, die NATO nicht nach Osten auszuweiten. Das ist Quatsch. Im Zwei-plus-Vier-Vertrag von 1990 ist im Art. 5 vom Gebiet der ehemaligen DDR die Rede, nicht von den Staaten des ehemaligen Warschauer Pakts.
Und überhaupt: Bekanntlich stirbt in einem Krieg zuerst die Wahrheit. Bei all dem was wir lesen, sehen, hören: Was ist Propaganda, Meinung, Interpretation, Expertise – und was ist noch eine wertneutrale, objektive Nachricht? Wer kann das dieser Tage noch unterscheiden?

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Na ja, wie jede Krise ist auch diese bereits in unserem Portemonnaie angekommen und vielleicht müssen wir uns im wahrsten Sinne des Wortes noch warm anziehen: Das hängt auch von unseren europäischen Sanktionen und den russischen Gegenmaßnahmen ab. Grob gesagt:
Richtig spürbare Sanktionen gegen Russland = richtig spürbar teures Gas aus Russland!
Parallel verteuert sich natürlich jede Energieform. Putins Kronprinz Medwedew (Medvedev) hat via Twitter schon einmal einen Vorgeschmack gegeben:

Viele Politiker jedweder Couleur beeilen sich nun kundzutun, dass sie nicht mehr ihrer Meinung von vor dem 24. Februar sind. Neben vorher – mit Blick auf die eigenen wirtschaftlichen Interessen und Abhängigkeit vom Russen-Gas – kritisch gesehenen Sanktionen gegen Russland, sind nun sogar Waffenlieferungen in die Ukraine zu deren Selbstverteidigung kein Tabu mehr. Wie ernst die Lage ist, davon zeugt die als historisch zu betrachtende Sondersitzung des Deutschen Bundestages vorgestern an einem Sonntag. Das gab es noch nie! Entschlossen wie nie analysiert Kristin Becker von der Tagesschau (27.02). Drastischer kommentiert Wulf Schmiese vom Heute-Journal: Abschreckungskanzler Scholz. Neben ARD & ZDF empfehle ich diesen Kommentar von Ferdinand Otto in der ZEIT: Das Ende der Unmündigkeit.

Zusammengefasst passt die Antwort von unserem Ex-Außenminister Sigmar Gabriel auf die Frage, ob der Westen in Bezug auf Putin zu blauäugig war:

Wenn man aus dem Rathaus rauskommt, ist man immer schlauer, als bevor man reinging.

Siegmar Gabriel am 25.02.2022 -> Hier ein ähnliches Interview auf ntv mit einer m. E. sehr ordentliche Beurteilung.

Und sonst so im Februar? En büsschen Storm hebbt wi hebbt, es gab die politischen Winterspiele in China, das Virus existiert natürlich immer noch, doch die Medienkarawane zieht gerade weiter …!

***

No Comment PICTURES

Diesen Gedanken will ich zum Schluss noch loswerden:
Es ist für mich ein Anachronismus, ein Paradox, oder wie man es auch nennen mag, wenn wir Europäer wegen unserer Abhängigkeit für viel Geld teures Gas bei den Russen einkaufen, so gewissermaßen deren Kriegskasse auffüllen, anderseits den Ukrainern Waffen liefern, damit sie länger Widerstand leisten können gegen die Russen, denen wir gerade Geld überwiesen haben – und die damit ihre kostenträchtige Invasion länger durchführen können. Alternativlos? Es gibt immer Alternativen, aber wer will die – und wenn ja, welche …?

884 [Inhaltsverzeichnis Sven Meier erzählt | Fotoblog]

13 Kommentare leave one →
  1. 1. März 2022 07:41

    Die von Putin und seiner Clique verbreiteten Mythen von der Lüge des Westens und Nazifizierung der ukrainischen Regierung sind keine Überraschung, sie dienen zwei Zielen:
    1. soll dadurch der Westen entzweit werden, durch die Verbreitung dieser Narrative soll unser Weltbild beeinflusst werden, und
    2. sollen sie die kriegerischen Handlungen gegenüber ihrer eigenen Bevölkerung rechtfertigen und als absolut notwendig darstellen.
    Das war bereits 2008 beim Eingreifen in Georgien so, 2014 bei der Annektion der Krim und heute bei der Invasion in die Ukraine wieder.
    Heute können wir davon ausgehen, dass Putin vor 15 Jahren seinen Kurs mit der Abkehr vom Westen gewechselt hat. Deutlich wurde das durch seine Rede auf der MSC 2007.
    Mein Schlussgedanke: Die jetzt beschlossenen Sanktionen und Waffenlieferung sind aufgrund der Ereignisse folgerichtig und verhältnismäßig. Auch Pazifisten machen sich sonst die Hände schmutzig. Logisch wäre zwar, uns gänzlich von den russischen Energien abzunabeln und den Russen keinen Cent mehr zukommen zu lassen, aber nach bekannter Lesart würden wir uns damit mehr schaden als den Russen. Putin wird das wissen und wir werden sehen, wie er damit umgeht.
    Mein Mitgefühl ist mit den Ukrainern und ich hoffe, dass der Krieg zu einem schnellen Ende kommt.

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    • 1. März 2022 08:16

      Moin.
      Ja, das mit Putins 2007er Rede sehe ich auch so – und, dass man ihn vielleicht zunächst nicht so ernst genommen hat. Obwohl ….
      Mit den Sanktionen fühlt sich für mich irgendwie … doof an. Ich hab’s zwar warm, auch wenn ich dafür viel für mein verbrauchtes Gas und auch an der Tankstelle bezahlen muss, aber ich kann mir das noch leisten und gefühlt finanziere ich damit indirekt die Russen und deren Krieg – der für viele Tote auf beiden Seiten sorgt.
      Telefon? Habe noch etwas Zeit bevor ich los muss ….

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    • 1. März 2022 21:50

      Wer vom Pazifismus redet, darf darüber den Begriff des Friedens nicht verges­sen. Denn in dem Wort „Pazifismus“ steckt „Frieden“: pacifi­care = Frieden schaffen, bringen. Leider muss man sich für den Frieden manchmal selbst verteidigen. Dieses Recht ist unbestritten.

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      • 2. März 2022 05:47

        Moin. Oh, Frau S. aus H. lässt mal wieder durchblicken, dass sie Latein in der Schule hatte.
        Aber so gesehen kann ich dir nicht widersprechen.
        Rest siehe unten.
        Grüße von der See an den See.

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      • 8. März 2022 16:58

        Aber es heißt doch:
        „Frieden schaffen ohne Waffen“.
        Ja, ja, du hast ja recht.

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  2. 1. März 2022 19:37

    Ja, die Widersprüche eskalieren. Und eine Katastrophe folgt der nächsten. Es ist ein Elend. #gegenKrieg #friedenjetzt

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    • 2. März 2022 05:50

      Moin.
      Ja. Wenn ich mich derzeit morgens mit ’nem Pott Kaffee an den Rechner setze um meine Online-Zeitungen zu lesen, wünsche ich mir als erstes in großen Lettern, dass der Krieg vorbei ist.
      Grüße von der Ostsee.

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  3. 1. März 2022 21:13

    Heute von Marina Weisband @Afelia
    1 Tweet, der alles sagt.

    „Ich werde oft eindringlich gefragt, warum die Ukrainer nicht kapitulieren, um viele Tote zu vermeiden. Ich will darauf hinweisen, dass das die Nachfahren der Sowjets sind, die auch vor Hitler nicht kapitulierten. Sonst wäre der 2. Weltkrieg sehr anders verlaufen.“

    Deshalb müssen wir sanktionieren und Waffen liefern.

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    • 2. März 2022 06:07

      Moin.
      Jetzt musste ich erst einmal überlegen, Marina Weisband, die in Kiew geborene Grünen- und Ex-Piratenpartei-Politikerin?
      Ja, wir können es uns wohl nicht vorstellen wenn Leute sagen, dass sie lieber im Kampf für die Freiheit sterben als sich kampflos in die Unfreiheit zu ergeben.
      Es werden viele Ukrainer*innen für die Freiheit sterben, und es werden mehr und mehr, desto länger der krieg dauern wird. Das wünschen wir uns einerseits nicht, anderseits bleibe ich ich bei meinem Paradoxon: Wir tragen alles dazu bei, dass das so sein kann/wird: 1., weil wir (der sog. Western inkl. Deutschland) den Ukrainern Waffen zu ihrer Verteidigung liefern, und 2., weil wir weiter bei den Russen für viel Geld teures Gas einkaufen, damit unsere Wirtschaft nicht kollabiert und wir warme Wohnzimmer haben.Aus der Nummer kommen wir nun mal nicht raus und das fühlt sich doof an.
      Grüße vom Sven!

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