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Hegel [zum 250. Geburtstag 27.08.2020]

Georg Wilhelm Friedrich Hegel (* 27. August 1770 in Stuttgart; † 14. November 1831 in Berlin) war ein deutscher Philosoph.
Ein Bekannter, als (inzwischen emeritierter) Professor an der Uni Hannover ein bekennender Hegelianer, brachte mir vor vielen Jahren Hegel näher und irgendwann habe ich angefangen, mich selbst ein bisschen mit Hegel zu beschäftigen.

Müsste ich ihn in zwei Sätzen beschreiben, dann so: Hegel ist der Vordenker des Rechtsstaats, für den nur die auf Vernunft und nicht die auf Egoismen basierende individuelle Freiheit in der Summe eine Freiheit für alle darstellt und der die soziale und ökonomische Fürsorge in den Mittelpunkt gerückt hat. Denn nur so, sagt Hegel, lässt sich die Freiheit für die künftigen Generationen garantieren.

Freiheit und der Vernunft, das sind für mich Hegels unumkehrbaren Prinzipien. Freiheit ist für Hegel der Motor der Weltgeschichte – und die Dialektik [These -> Antithese -> Synthese] ist ihr Treibstoff. Es gilt die Dinge in ihrer Widersprüchlichkeit zu begreifen, das setzt wiederum Vernunft voraus. Keine Freiheit ohne Vernunft! Für mich ist das heute aktueller denn je. Dieser Aussage Hegels kann ich nur beipflichten, mit der Betonung von langfristig: Der Weltgeist der Vernunft setzt sich gerade durch Gegensätze langfristig durch.

Wenn ich mir allerdings die heutige Zeit anschaue, dann gibt es für mich viel zu oft ein Schwarz-Weiß- oder Entweder-Oder-Denken. Im Gegensatz zu Hegel, dessen Denken im Sowohl-als-auch-Modus stattfindet. Mein Großvater nannte das, dass jede Medaille zwei Seiten hat. Ich zahle weder mit der Zahl- noch mit der Wappen-Seite, sondern sowohl als auch mit der einen wie der anderen Seite. Logisch. In diesem Fall klingt das verständlich.

Schwere philosophische Kost wird es jedoch, begibt man sich in den Bereich, der bei Hegel Wissenschaft der Logik heißt: Er versteht darunter, die klassischen Disziplinen der Philosophie, Logik und Metaphysik, also die Darstellung des reinen Denkens und die Idee des Absoluten, miteinander zu vereinen. Viele Philosophen setzten sich bis heute mit diesen Inhalten Hegels auseinander und ein Ende ist nicht abzusehen.

Aber lassen wir diesen Bereich der Philosophie mal außen vor: Ich halte viel von dem von Hegel spekulativ publizierten Weltgeist der Vernunft. So wie es zu Zeiten Hegels mit der Französischen Revolution, der folgenden Schreckensherrschaft unter Robespierre und anschließend mit dem Kaiser und Kriegsherrn Napoleon Bonaparte kaum Widersprüchlicheres binnen so kurzer Zeit hätte geben können, 25 Jahre von 1789 bis 1814, so sehr hat sich letztlich, langfristig bis heute, die Déclaration des Droits de l’Homme et du Citoyen, die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, von 1789 durchgesetzt. Am Rande: Das war am 26. August 1789, also ein Tag vor Hegels 19. Geburtstag. Erwähnenswert ist noch, dass die französische Erklärung stark unter dem Einfluss der englischen Bill of Rights aus dem Jahr 1689 steht, den grundlegenden Dokumenten des bis heute gültigen Parlamentarismus. Das zum Thema langfristig.

Auch wir Deutschen haben allein in den letzten 120 Jahren eine sehr widersprüchliche Geschichte vorzuweisen. Doch was hat sich langfristig durchgesetzt? Freiheit, Vernunft und ein moderner Sozialstaat! Doch selbst darin, da bin ich wieder ganz bei Hegel, gibt es Widersprüchliches: Die ökonomische Fürsorge lässt sehr zu wünschen übrig und die mangelnde Nachhaltigkeit ist eine Gefahr für die Freiheit kommender Generationen. Dazu macht sich im Staate wieder ein Deutschdumm (Wortschöpfung Hegel) breit. Wenn Hegel heute noch reden könnte, würde er wahrscheinlich diesem populistischen Nationalismus von Germany first energisch widersprechen. Da bin ich mir ganz sicher! Und was für Deutschland gilt, ist auf manch anderen Staat übertragbar, allen voran auf die Trump-USA mit ihrem America first.

Klaus Vieweg, Professor für Philosophie und ebenfalls bekennender Hegelianer, hat auf die Frage
Was können wir von Hegel in diesen Corona-Zeiten lernen?
in einem Interview sinngemäß geantwortet:

Hegel würde sagen: Denkt bitte nach, ob verhältnismäßige Einschränkungen oder zeitweilige Ausweitungen von Quarantäne nicht vielleicht sinnvoll oder vernünftig sind. Wenn solche Einschränkungen passieren – die müssen natürlich immer verhältnismäßig und zeitweilig sein – dann geschehen sie, sofern sie wirklich durchdacht sind, zur Sicherung und Garantie des Rechts auf Leben. Und das ist ein grundlegendes Freiheitsrecht. Ohne dieses gibt es nämlich überhaupt keine Freiheit. Die Gegner von Einschränkungen gefährden die Freiheit anderer bewusst durch ihr willkürliches und nicht durchdachtes Tun. Für solches Tun sollte man das schöne Wort der Freiheit nicht missbrauchen. Denn wenn ich nur meine eigene Freiheit sehe, dann ist das purer Egoismus und keine Freiheit.
Eine Gesellschaft, die nach drei Monaten Lockdown schon auf dem Zahnfleisch geht, kann nicht als nachhaltig und als erfolgreich beschrieben werden. Da ist auch die Philosophie gefragt, mal über andere Varianten des Kapitalismus – nicht über seine Abschaffung – nachzudenken.

Das hätte ich nicht besser ausdrücken können 😉

Aber mal im Ernst: Gebietet nicht allein die Vernunft, auch wenn man nie von Hegel gehört hat, sich entsprechend zu verhalten?

Zum Schluss lege ich Wert darauf, dass das meine Interpretation von Hegel ist und ich bitte bei seinen Aussagen zu berücksichtigen, wann er gelebt hat. Die auf heute zu übertragen ist natürlich Spekulation und den Philosophen mag jeder verstehen wie er will. Das ist das Schöne an der Philosophie gegenüber den Naturwissenschaften mit seinen Gesetzen: Die Gedanken sind frei und müssen nicht bewiesen werden!

Die Erklärung Hegels Dialektik (eine Fundsache im Netz, Quelle unbekannt)

These, Argumente für etwas -> <- Antithese, Widerspruch, Argumente dagegen = Synthese, Urteil, Appell.

Oder so: Sein -> <- Nichts = Werden. Diesen Prozess kann man solange fortsetzen, bis man die Wahrheit, den richtigen Gin-Tonic gefunden hat. Den kann man dann Hegels Weltgeist nennen 😉

27. 28. August 2020 | zurück: Dit un Dat oder Start-Seite (Seite 1)

3 Kommentare leave one →
  1. 1. September 2020 10:22

    Hegel und der Weltgeist der Vernunft?
    Ich erinnere an den Satz von Marx, mit dem er Hegels Dialektik „vom Kopf auf die Füße“ gestellt hat:
    „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein bestimmt, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt.“
    Mit dieser materialistische Dialektik nach Marx kann ich mehr anfangen als mit Hegels idealistischer Dialektik. Mit dem „Weltgeist“ habe ich so meine Probleme 😉
    Aber wer bin ich schon um das beurteilen zu können? Und philosophisch werde ich frühestens nach dem dritten Bier 😉

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