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Schubladendenken – oder der „kognitive Geiz“

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Der Mensch denkt. Du denkst, ich denke, wir alle denken. Nur oft genug nicht nach. Und mindestens genauso oft weder noch. Nix. Abläufe sind dann reflexartig – ein Automatismus als Reaktion auf bestimmte Reize.

Das nennt man bisweilen auch Schubladendenken. Genau genommen ist es nichts anderes als ein kognitiver Geiz: Um sich das Denken zu ersparen, greifen wir Menschen zu Vorurteilen. Und sinnbildlich packen wir die liebend gern in Schubladen …. Das ist erst einmal nicht schlimm – sondern in der Evolution begründet.

Das war schon immer so. Selbst unser Ur-Ur-Urahn, nennen wir ihn Homo S., war so veranlagt. Auch wenn die Schubladen noch nicht erfunden waren, hat er in solchen gedacht. Oder anders ausgedrückt: Homo S. lebte, besser überlebte, mit Vorurteilen. Schnell war ihm klar, dass Mammuts gefährlich sind, weil schnell und schwer. Statt lange nachzudenken, ob das auf ihn zulaufende Mammut gefährlich ist, hat er sich reflexartig – Schublade auf – in Sicherheit gebracht – Schublade zu.

Hätte er nachgedacht, wäre dieser Gedanke sein letzter gewesen und er hätte nur noch platt auf dem Boden gelegen. So aber konnte er später – Schublade auf – herausfinden, dass er Mammutfleisch auch über dem Feuer grillen kann und dass das Fleisch dann besser zu verzehren ist – Schublade zu. Das hat übrigens bei Homo S. zu einer Verkleinerung der Kaumuskulatur und zeitgleich zu einer Vergrößerung des Gehirns geführt. Das ist Evolution pur. Der Rest ist Geschichte ….

Als ich neulich vergrippt längere Zeit auf dem Sofa bzw. im Bett, sprich vor dem Fernseher lag, bin ich über meine eigenen Schubladen gestolpert. Vielleicht mal wieder, aber diesmal schreibe ich es auf.

Beim Zappen durch die Fernsehprogramme war das wie ein ständiges Auf und Zu meiner Schubladen. Der im Gehirn. Um mir das Denken zu sparen, habe ich mich reichlich bedient: Privatfernsehen = Fernsehen für Bildungsferne = zapp, weiter! | Talkshows = die Idee, irgendwelche Leute zusammenzusetzen in der Hoffnung, dass die sich gegenseitig missverstehen und beleidigen = zapp, weiter! | Sport = so wie so alles nur noch Kommerz = zapp, weiter! | usw.! Schwierig wurde es bei den Nachrichten: Trump = doof! Trump-Mauer = doof, Trump-Einreiseverbot = doof, Trump-Protektionismus = doof! Gut, so weit war es noch einfach. Alles doof zu finden, was Trump macht, passt gut in eine Schublade. Aber wie war das mit den beiden letzten US-Demokraten-Präsidenten Clinton und Obama? Die sind bei mir gemeinsam in einer Schublade, der Gut-Schublade. Aber welche Anteile haben sie bspw. an dem Grenzzaun zu Mexiko, an Hemmnissen beim Reiseverkehr und protektionistischen Maßnahmen zum Schutz der eigenen Wirtschaft? Oh ja, wer suchet, der findet!

Wenn zwei das Gleiche tun, dann ist es noch lange nicht dasselbe! Diese alte Weisheit klingt gut – und ist eine aus einer meiner Schubladen. Doch wie wäre es zur Abwechslung mal mit Denken, besser mit Nachdenken: Wer entscheidet, was das Gleiche und was dasselbe ist? Ja ja, nur mit Schubladen – auf und zu – geht es auch nicht. Nur allein mit Vorurteilen zu leben ist mindestens gefährlich. Zumal, wenn die nicht immer wieder mal analysiert und ggf. revidiert werden. Dazu gehört, selbstkritisch und ehrlich zu sich selbst zu sein. Es ist vollkommen in Ordnung am Ende zu sagen: „Nach reiflicher Überlegung und Einbeziehung neuer Fakten muss ich sagen, dass ich heute nicht mehr meiner Meinung von gestern bin!“

Neulich habe ich dazu eine Frage an den Fernseh-Psychologen Michael Thiel gesehen: „Wie kann ich selbstkritisch sein, wenn mein Unterbewusstsein mir vorgaukelt, dass meine Gedanken richtig sind? Das ist doch ein Teufelskreis!“ Seine Antwort: „Den können Sie unterbrechen, wenn Sie auf Alarmzeichen achten. Wenn Sie sagen: ‚Das war oder ist immer so‘, dann ist was faul. Oder wenn Sie von einem Merkmal auf die ganze Person schließen. Oder wenn Sie bei Kritik gleich innerlich abschalten und nicht richtig zuhören. Halten Sie sich immer vor Augen: Schwimmen Sie auch mal gegen den Strom. Das ist psychisch gesünder – und wird letztendlich belohnt, weil Sie als authentische Person anerkannt werden.“

Wie auch immer, Vorurteile – Schubladen – haben nicht nur ihre Berechtigung, sie sind im Alltagsgeschehen auch wichtig für uns. Aber sie dürfen, sollten, bisweilen das Denken nicht ersetzen. Es kann mindestens nicht schaden, die Schubladen ab und zu mal aufzuräumen. Bestimmt ist da eine Menge Müll drin, den man getrost in die Tonne kloppen kann.

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… so sollte es nicht sein | Sven Meier, 13. Februar 2017

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